200 Tage-Linie – die zweite: Vom Opfer des V zum Nachkaufalarm

Nachdem gestern an dieser Stelle erläutert wurde, warum die 200 Tages-Linie an der Börse als Orientierung durchaus Sinn macht, und wie die zahlreichen Fehlsignale zu interpretieren sind, soll nun der Fokus auf den konkreten Nutzen liegen. So können Anleger das Rauschen - verursacht durch Kosten und Fehlsignale - reduzieren, indem sie einen Filter einbauen. Etwa dergestalt, dass man erst verkauft, nachdem die 200 Tage-Linie um 2% unterschritten wurde – und im Gegenzug erfolgt der Wiedereinstieg nur, wenn der DAX die 200 Tage-Linie um mindestens 2% überschritten hat. Auf diese Weise sinkt die Anzahl der Transaktionen seit 1989 von 195 auf 62 und bei 0,05% Orderspesen bleibt am Ende in der Rückberechnung sogar ein Vorsprung vor dem DAX. 

Ob der mit knapp einem Prozentpunkt pro Jahr signifikant genug ist, um eine solche Strategie mit echtem Geld umzusetzen, muss jeder für sich entscheiden. Relevanter als die Outperformance sind dabei wohl die Argumente auf der Risikoseite – wobei man sich auch hier nicht von der historischen Rückrechnung einlullen lassen sollte. Denn für eine rasante V-Phase, wie wir sie im ersten Halbjahr an den Börsen erlebt haben, ist die 200 Tage-Linie viel zu träge: Das Signal zum Ausstieg kommt erst nach einem heftigen Rücksetzer und beim Wiedereinstieg ist man erst recht zu spät.


200 Tage-Strategie als Opfer der Notenbanken?

Das illustriert auch der nur in den USA handelbare Trendpilot US Large Cap ETF, der anhand der 200 Tage-Linie entweder in den S&P 500 oder in Staatsanleihen investiert – und für die vergangenen fünf Jahre hinter beiden Asset-Klassen zurückbleibt, so dass die gute alte 60/40-Allokation die bessere (und obendrein bequemere) Alternative gewesen wäre. Das könnte obendrein auch in Zukunft so bleiben. Denn mit COVID19, der globalen Rezession, der immensen Verschuldung von Staaten und Unternehmen oder den geopolitischen Spannungen rund um den Globus gibt es einerseits genügend Risikofaktoren, die für kräftige Kurseinbrüche sorgen können.

Andererseits scheinen die Notenbanken bereit, alles zu tun, um aus jedem Absturz zumindest an den Finanzmärkten ein V (wie Vermögenspreisinflation) zu machen.


Solch erratische Ausschläge dürften einer auf der 200 Tage-Linie basierenden Aktien-Strategie kräftig zusetzen. Dennoch hat der gleitende Durchschnitt eine Berechtigung abseits der Börsenprosa: Phasen, in denen Indices wie der DAX deutlich – mindestens 20% – unter ihre 200 Tage Linie gesunken sind, waren historisch auf lange Sicht (!) sehr probate Gelegenheiten, um am Aktienmarkt nachzulegen.

Vorsichtige Investoren geben ihre Kauforders allerdings erst dann, wenn der Abstand zwischen Index und 200 Tage-Line den Schwellenwert (also etwa -20%) wieder von unten nach oben durchbricht. Unter dieser Prämisse gab es seit 1989 im DAX insgesamt 18-mal einen solchen „Nachkaufalarm“, der zwar manchmal etwas verfrüht war. Aber abgesehen von zwei Terminen (März und Oktober 2001) war man drei Jahre später immer zweistellig im Plus.