200 Tage Linie: Putzige Prosa oder strategisches Signal für Investoren?

Mal schleicht der DAX sich heran, mal prallt er ab, dann bricht er doch durch und immer hat er er irgendwie zu kämpfen – ganz so, als würde es um einen wackeren Recken gehen statt um ein seelenloses Aktien-Barometer.

Doch Börsianer suchen eben ständig nach Orientierung und dabei ist diese 200 Tage-Linie ganz hilfreich: Notiert eine Aktie oder ein Index über dem Mittelwert aus den Schlusskursen der vergangenen 200 Handelstage, interpretiert man das als Aufwärtstrend. Und unterhalb des Durchschnitts ist umgekehrt halt von einem Abwärtstrend die Rede. Warum es nun ausgerechnet 200 Tage sein müssen, lässt sich zwar nicht wirklich rational erklären. Aber 100 Börsentage (entsprechend knapp fünf Monate) wären vielleicht ein bisschen wenig Zeit für Aussagen zur übergeordneten Tendenz. Und das ganze Börsenjahr umfasst 250 bis 260 „aktive“ Tage, was ziemlich unhandlich klingt.


31,5 Mio. Google-Treffer für die 200 Tage-Linie

Also starrt man eben auf die 200 Tage-Linie wie das Kaninchen auf die Schlange. 31,5 Mio. Google-Treffer sprechen für sich. Doch gerade deshalb muss die Frage erlaubt sein, ob die Arithmetik mehr liefert als putzige Prosa. Schauen wir also mal in die Historie des DAX, der sich seit Anfang 1989 bis Mitte 2020 etwas mehr als verneunfacht hat, was einer Rendite von 7,3% p.a. entspricht.

Für sich genommen trotz starker Schwankungen erstmal nicht schlecht. Doch statt des passiven Buy & Hold hätte man ja auch den „Signalen“ der 200 Tage-Linie folgen können: Nur investiert sein, wenn der Index sich oberhalb seines Durchschnitts aufhält – und Cash halten, nachdem er darunter gerutscht ist. Eine einfache und transparente Strategie-Anordnung, mit der man seit 1989 genau 98-mal ein- und 97-mal ausgestiegen wäre und manchmal monatelang keine Aktien gehabt hätte, etwa während der Finanzkrise oder als 2000-03 die Luft aus der Dot.com entwichen ist.

Unter dem Strich steht zwar in etwa dieselbe Performance wie beim DAX – aber mit geringerer Volatilität (14,4% vs. 22,5%) und einem maximalen Drawdown, der mit 37,9% nur gut die Hälfte des Index-Rücksetzers (72,7%) ausmacht. Ist die 200 Tage-Linie also tatsächlich eine entspannte systematische Alternative zum klassischen Equity Long-Investment?


Kosten und Fehlsignale belasten

Vorsicht, denn 98 Käufe und 97 Verkäufe sind in Summe eben doch 195 Transaktionen. Im Schnitt muss sechsmal pro Jahr gehandelt werden und das kostet: Bei Order-Spesen von 0,25%, wie sie selbst von vielen Online-Banken berechnet werden, ist das Depot nach 31 Jahren und sechs Monaten nur noch mit lumpigen 340% im Plus, während simples Kaufen und Liegenlassen 820% gebracht hätte. Und sogar 0,05% Provision kosten in der Endabrechnung über 100 Prozentpunkte Wertzuwachs – von Geld/Brief-Spannen und steuerlichen Effekten mal ganz zu schweigen.

Hinzu kommen die zahlreichen Fehlsignale der 200 Tage-Linie in „unentschiedenen“ Märkten. Der Juni 2020 ist dafür das beste Beispiel: Am Monatsanfang kletterte der DAX zunächst über den Durchschnitt. Die kurze Rally war jedoch schon am 11. wieder vorbei, bevor es am 16. einen erneuten Anlauf gab. Am 24. dann wieder Börsenschluss unterhalb der 200 Tage-Linie, am 25. erneut darüber und einen Tag später der nächste Durchbruch nach unten. Fünf Signale in vier Wochen: Außer dem Broker nutzt eine solche Investment-Strategie niemandem.

Wie Investoren dieses Rauschen mit einem Filter effektiv reduzieren können, warum der gleitende Durchschnitt abseits der Börsenprosa seine Berechtigung hat und warum die 200 Tage-Linie als Nachkauf-Signal taugt, lesen Sie im zweiten Teil.