Aktien sind für alle da: Warum das Kaufverbot für die Robinhood-Trader von Reddit falsch ist

In den vergangenen Tagen hat nichts die Gemüter der gesamten Wallstreet, der Moderatoren in ihren einschlägigen TV-Kanälen und der etablierten Aktien-Szene so sehr aufgeregt wie die „Wallstreetbets“-Gruppe, die milliardenschwere Hedgefonds aufs Korn nahm. Ein Teil dieser Gruppe war ich. Warum „Wallstreetbets“ nichts Falsches tut – und trotzdem falsch behandelt wird.

Eigentlich ist Reddit eine Plattform wie viele. Und deswegen tauschen sich auch auf ihr Kleinanleger über Aktien digital aus. Sie streiten, beraten und geben gegenseitig Tipps für Titel und Strategien. Die eine und inzwischen legendäre Reddit-Gruppe „Wallstreetbets“ legt dabei ihren Fokus auf sogenannte Short Squeezes. Sie identifiziert insbesondere solche Titel, die von Hedgefonds in Leerverkäufe genommen wurden und bei denen die Shortpositionen deutlich höher waren als die Anzahl der tatsächlich verfügbaren Aktien. Durch Käufe und damit Long-Positionen werden bei Short Squeezes Hedgefonds mit Short-Positionen unter Druck gesetzt, die massenhaft ihre Positionen glattstellen müssen – und das treibt so den Preis durch das knappe Aktienangebot noch weiter in die Höhe.

Der Plan der Reddit-Gruppe? Firmen mit einem Short Squeeze – etwas moralisierend – „retten". Denn: Auf der Aktienliste der Reddit-Gruppe fanden sich viele ungedeckt geshortete Unternehmen, die mit Blick auf die Corona-Krise unter Druck geraten sind und gleichzeitig sentimentalen Wert für die Anleger hatten. Darunter GameStop, eine Videospiel-Kette, aber auch AMC, die zweitgrößte Kino-Kette in den USA oder etabliertere Namen wie Nokia und Blackberry. Wichtig auch: Bei ihnen gab es keine Hinweise auf Betrug – anders als bei Wirecard.


Das Spiel zwischen Long und Short ist alt

Der Vorteil der Reddit-Strategie ist dabei so einfach wie überzeugend. Erstens: Der Zeitpunkt und der Wert der Short Position kann recherchiert werden. Zweitens: Die „Shorties“, wie Elon Musk sie liebevoll nennt, hatten bislang keine ernstzunehmenden Gegenspieler und haben sich oft „over-leveraged“. Diese selbst gewählten Risiken sind sehr, sehr groß und nehmen bei Erfolg ganze Unternehmen von der Landkarte.


Unser CAPinside-Experte Guido Walter ist anderer Meinung als Philipp Schröder. Er fordert: Stoppt die Gamestopper! 

Zum Kommentar von Guido Walter 


Was stattdessen geschah, ist bekannt. Die Reddit-Gruppe stimmte sich nur in einem Punkt ab: Nämlich die identifizierten Titel zu kaufen und solange zu halten, bis der „Shorty“ aus dem Spiel genommen wurde. Durch diese Taktik verloren Hedgefonds wie Melvin Capital und andere dutzende Milliarden.

Nun fragt man sich: Was ist das Problem? Denn das Spiel zwischen Short- und Long-Spielern ist so alt wie der Aktienmarkt. Ebenso alt ist die Verbreitung von Geschichten, die beide Seiten zugunsten ihrer Positionen erzählen – auch hier greift das Beispiel Wirecard. Neu ist eigentlich nur, dass durch kostenlose Informationen und Broker wie Robinhood dieses Spiel nicht mehr nur den „Suits“ (das ist bei Reddit die Bezeichnung des konventionellen Finanz-Establishments) vorbehalten ist, sondern nun neue Spieler auf dem Markt erscheinen, die schon den Tesla-Shorties das Fürchten lehrten.

Diese Spieler sind aber anders als die „Suits“. Sie erkennen die üblichen Regeln nicht mehr an, sind unkonventionell und durch den Trieb des Schwarms auch schwer zu berechnen. Und sie sind für die etablierten „Suits“ vor allem ein neues Risiko. So dauerte es nicht lang, bis genau diese von „Manipulation“ sprachen und ein Verbot oder einen Eingriff der SEC forderten. Den gab es bis heute aber nicht, was schon daher rührt, dass ansonsten jede abgesprochene Kommunikation in jeder Aktien-Gruppe im Internet einen Eingriff nach sich ziehen müsste. Außerdem erscheint die Forderung lächerlich, wenn sie von den Investoren stammt, dessen ganze Fondsstrukturen und -Strategien samt Investorenakquise mit einem ganz konkret abgesprochenen Ziel organisiert wird: Nämlich massiven Short-Positionen.


Verbote sind fatal

Den von den „Suits“ geforderten Eingriff übernahmen dann andere. Der Broker Robinhood und auch Trade Republic, die deutsche Robinhood-Kopie, sperrten mitten im Handel sämtliche Titel für den Kauf, die auf der Liste der Reddit Gruppe standen oder die derzeit Leerverkäufen ausgesetzt sind. Gleichzeitig blieb der Verkauf weiterhin erlaubt.

In anderen Worten: Die Broker ließen die Retail-Investoren ausbluten, während die Hedgefonds ihre Leerverkäufe gleichzeitig ausführen konnten. Das Resultat waren Kursverluste von phasenweise 50 Prozent und mehr.

Warum ist dieser Zug so fatal? Erstens: Weil den betroffenen Unternehmen der Zugang zum Kapitalmarkt verwehrt wird, ohne dass es eine offizielle Stellungnahme oder Bitte der SEC gab. Zweitens: Weil es bessere Alternativen gegeben hätte, etwa den Handel für 24 Stunden auszusetzen, vor dem Kauf auf die extreme Volatilität hinzuweisen oder sogar ein Tageslimit einzuführen. Drittens und auch am Schlimmsten: Millionen von Retail-Investoren, die erstmals am Aktienmarkt teilnehmen, sind ohne rechtliche Grundlage entmündigt und enteignet worden – und das ist einfach ein Unding.

Robinhood, Trade Republic und das Establishment sollten aufpassen. Denn erstere möchten bald an die Börse. Dort wird es eine Rechnung zu begleichen geben. Zusätzlich haben die ersten Senatoren bereits einen Untersuchungsausschuss verlangt, um zu verstehen, wer wann von dem Eingriff wusste – und wer davon profitierte. Die „Suits“ und „Shorties“ sollten nicht glauben, dass der Spuk jetzt vorbei ist. An Kleinanleger, die nicht nur brav ihren ETF kaufen, müssen sie sich gewöhnen – und diese als Chance verstehen.