Christian W. Röhl
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Alarm-Signal vom Terminmarkt: Dividende am Ende?

Covid-19 lässt die Ausschüttungsvolumen europäischer Aktiengesellschaften schrumpfen. Aber nicht alle Branchen gehen als Verlierer aus der Krise. Ein Blick in die Zukunft der Dividende.

Die Corona-Krise schlägt mit voller Wucht auf die Dividendensaison durch. Wie aus einer aktuellen Studie der FOM Hochschule und der Aktionärsvereinigung DSW hervorgeht, werden die 160 in den Auswahl-Indices DAX, MDAX und SDAX enthaltenen deutschen Aktiengesellschaften 2020 selbst in einem Best Case-Szenario nur gut 44 Milliarden Euro an ihre Aktionäre überweisen – das sind rund 14% weniger als im vergangenen Jahr.

Dividenden-Futures signalisieren 60% Rückgang

Je nachdem, wie lange der virusbedingte Schockfrost der Wirtschaft anhält, könnte das Ausschüttungsvolumen aber auch noch deutlich niedriger ausfallen. Einen Vorgeschmack darauf geben die an der Terminbörse Eurex quotierten Dividenden-Futures auf Indices. Basis der Kontrakte sind dabei die in Indexpunkte umgerechneten Gewinnbeteiligungen der enthaltenen Unternehmen. So kamen 2019 im EURO STOXX 50 gut 120 Punkte an Dividenden zusammen. In Relation zum Index-Stand vom Jahresanfang (3.000) ergibt sich daraus eine realisierte Dividendenrendite von 4%.

Von ähnlichen Zahlen war man am Terminmarkt auch für dieses Jahr ausgegangen. Der EURO STOXX 50 Dividend Future 2020 – der zum Jahresultimo entsprechend der in Index-Punkten ausgedrückten Dividendensumme des Kalenderjahres abgerechnet wird – wurde noch Ende Februar zu Kursen um 122 Zähler gehandelt. Doch mit der Eskalation der Corona-Krise kam der steile Absturz auf zeitweise nur noch 50 Punkte. Im Klartext: Die an der Eurex aktiven Profi-Spekulanten preisen für 2020 bei den Top-Firmen der Euro-Zone einen mehr als 60%-igen Rückgang der Ausschüttungen ein.


L statt V oder U?

So stark hatte der Dividenden-Strom nicht einmal im Zuge der Finanzkrise nachgelassen und auch im Krisenjahr 2003 hatte der EURO STOXX 50 immerhin gut 70 Dividenden-Punkte abgeworfen. Und als wenn das allein nicht reichen würde, schickt der Terminmarkt gleich noch weitere Hiobsbotschaften hinterher: Die Dividenden-Futures für die Folgejahre sind ebenso brutal abgeschmiert. Selbst der Kontrakt für 2023 liegt knapp 40% unter Wasser, signalisiert also weder eine V- noch eine U-förmige Erholung, sondern ein quälend langes L.   

Zugegeben, die Dividenden-Futures neigen traditionell zur Hysterie. Im Herbst 2008 beispielsweise war der auf die 2010er Ausschüttungen bezogene Kontrakt sogar um mehr als 60% eingebrochen. Tatsächlich gefehlt hat am Ende aber nur ein Viertel. Und in der Euro-Krise 2011 gab der 2015 fällige Future binnen weniger Wochen von 115 auf 70 Punkte nach – um vier Jahre später dann doch zu 115 abgerechnet zu werden. Insofern: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.


Dividende als Politikum

Allzu entspannte Dividendenjäger könnten sich dennoch gerade am EURO STOXX 50 den Mund verbrennen. Dass die Luftfahrt-Branche (Airbus, Safran und Amadeus IT) ihre Ausschüttungen schon vor Wochen gestrichen hat, ist da noch das kleinste Problem. Viel stärker fallen die sechs Großbanken ins Gewicht – die im Vorjahr insgesamt ein Sechstel des Dividendenvolumens überwiesen hatten, nun jedoch von der EZB aufgefordert wurden, die Aktionäre leer ausgehen zu lassen und mit den einbehaltenen Gewinnen ihre Kapitaldecke zu stärken.

Derselbe Appell kam unter der Woche auch von der europäischen Versicherungsaufsicht EIOPA. Unter Verweis auf ihre komfortablen Solvabilitätszahlen wollen Allianz und Münchener Rück dennoch sogar mehr ausschütten als im Vorjahr. Spannend wird’s in Frankreich, wo immerhin 18 EURO STOXX 50-Firmen beheimatet sind. Finanzminister Bruno Le Marie hat umfangreiche Vergünstigungen bei Steuern und Sozialabgaben in Aussicht gestellt – von denen allerdings nur Unternehmen profitieren sollen, die in diesem Jahr keine Dividenden zahlen. Dazu gilt in jedem Land: Wer sich um Staatshilfen bewirbt, darf generell nicht ausschütten.


Dividende war nie der neue Zins

Spätestens jetzt drängt sich die bange Frage auf: Dividende am Ende? All die Dividendenfonds und -strategien plötzlich ihrer Grundlage beraubt? Dass Dividenden die neuen Zinsen seien, hat zwar hoffentlich eh niemand ernsthaft geglaubt. Aber sich getreu dem Motto „Nur Bares ist Wahres“ ein Stückweit vom nervösen Auf und Ab der Börsenkurse zu lösen und schlechte Zeiten auch deshalb durchzuhalten, weil regelmäßig Gewinnbeteiligungen aufs Konto tröpfeln – alles für die Katz?

Mitnichten. Nur ist dies eben keine gewöhnliche Rezession, sondern eine epochale Extremsituation, in der es für viele Unternehmen um die Existenz geht – auch weil man in den vergangenen Jahren vielleicht nicht genügend Reserven gebildet, sondern dem Drängen der Aktionäre nachgegeben hat, überschüssige Liquidität in Aktienrückkäufe zu stecken. Und das Geld, was jetzt nicht ausgeschüttet wird, ist ja nicht weg. Es bleibt im Unternehmen und peppt das Eigenkapital auf. Das hilft auch auf der Fremdkapital-Seite und reduziert obendrein das Risiko, dass zur Unzeit Vermögenswerte verschleudert oder Aktionäre zu miserablen Konditionen verwässert werden.

Dazu war der EURO STOXX 50 – trotz einiger Highlights wie Danone, LVMH, L’Oréal oder Unilever – schon in der Vergangenheit kein lohnendes Revier für Investoren. Das Ausschüttungsvolumen der Vorkrisenjahre 2006-08 wurde nie wieder erreicht, die Gesamtrendite durch eine erbärmliche Aktienperformance verhagelt: Der Kursindex notiert auf demselben Niveau wie 1998.


Blick über die Grenzen – und nach vorn

Wohl dem, der jenseits des eigenen Währungsraums investiert ist. In der Schweiz beispielsweise haben Roche und Novartis bereits gezahlt; bei Nestlé gibt es keinen Zweifel, dass die Generalversammlung am 27. April die vorgeschlagene Ausschüttung von 2,70 je Aktie beschließt. Und für die USA impliziert der um rund 35% abgesackte Dividenden-Future zwar ebenfalls einen kräftigen Rückgang und einige böse Überraschungen, auch abseits der kollabierenden Öl-Industrie. Aber an der Wall Street gibt es eben auch eine Menge defensiver Firmen, die sogar jetzt noch guten Gewissens Dividende zahlen können – etwa der Schnapsbrenner Constellation Brands oder der Gewürzmischer McCormick, die beide in der ersten Aprilwoche eine konstante Quartalsausschüttung bestätigt haben.

Vor allem aber sollten Anleger eins im Hinterkopf halten: Wie jeder Krieg und jeder Crash zuvor wird irgendwann auch die Corona-Krise überstanden sein. Und auch dann wird es noch immer viele Qualitäts-Unternehmen geben, die menschliche Bedürfnisse wie Essen und Trinken, Gesundheit, Energie, Kommunikation oder Unterhaltung bedienen – und die genau damit gutes Geld verdienen und dann, wenn es opportun ist, einen Teil davon an ihre Eigentümer ausschütten.