Aus für Krupp-Stahl: Ende einer Ära nach 206 Jahren

Wenn die Kartellbehörden nichts dagegen haben, könnte es bald einen einzigen riesigen europäischen Stahlkonzern geben, der aus Tata Steel und ThyssenKrupp entsteht.

Das deutsche Traditionsunternehmen ThyssenKrupp geht ein Joint Venture mit dem Weltkonzern Tata Steel ein und spaltet dabei seine Stahlsparte ab. Die beiden Konzerne errechnen durch die Teilfusion gigantische Kostensenkungen und sehen nur so eine Chance, auf dem völlig überschwemmten Stahlmarkt zu bestehen. Einsparungen werden sich durch den gemeinsamen Rohstoffeinkauf und auch durch einen deutlichen Stellenabbau ergeben. Aus den Reihen der Aktionäre kommen Forderungen nach weiteren Abspaltungen.


Krupp-Stahl: Ära über mehr als zwei Jahrhunderte

Krupp-Stahl hat Deutschland und die Welt geprägt. Er trug entscheidend zum Aufschwung der deutschen Industrie (auch der Rüstungsindustrie) bei. Mit seiner Gründung einer Gussstahlfabrik vor 200 Jahren am ersten Standort in Essen begründete Friedrich Krupp eine Dynastie. Es folgten die Übernahme von Hoesch 1992 und die Fusion mit Thyssen 1997. Nun kappt der Konzern ThyssenKrupp die Krupp-Wurzel, indem er die Stahlwerke in das Joint Venture mit Tata Steel auslagert. Der Vertrag wurde am letzten Juniwochenende 2018 unterschrieben, es entstand damit der zweitgrößte europäische Stahlhersteller nach ArcelorMittal mit 48.000 Beschäftigten an den Standorten in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien. Diese Fusion beweist: Krupp-Stahl allein ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Das Überangebot auf den Märkten ist einfach erdrückend. Die weltweiten Produktionskapazitäten bei Vollauslastung aller Stahlwerke liegen derzeit bei 2,3 Milliarden Tonnen, die weltweite Nachfrage beläuft sich aber nur auf 1,6 Milliarden Tonnen. Vor allem die Chinesen haben im neuen Jahrtausend fleißig Stahlwerke errichtet und können durch ihre niedrigen Löhne und Standards die Welt mit billigem Stahl fluten. Seit nun US-Präsident Donald Trump Strafzölle auf europäischen und chinesischen Stahl eingeführt hat, landet Letzterer bevorzugt in Europa. Dagegen kommen die alten, teureren europäischen Strukturen nicht an. Da ist das Ende der Stahl-Ära Krupp noch am leichtesten zu verschmerzen.


Fusionitis in der Stahlbranche 

Die europäische Stahlindustrie fusioniert und/oder schrumpft schon seit vielen Jahren. In Deutschland waren in den 1960er Jahren 420.000 Beschäftigte in Stahlwerken in Lohn und Brot, heute sind es noch rund 85.000 MitarbeiterInnen. Dabei ist die Branche innovationsstark und wurde immer effizienter, auch Fusionen gab es wie am Fließbank. Nach der ThyssenKrupp-Fusion folgte 1999 die von British Steel und Koninklijke Hoogovens, damit entstand Tata Steel Europe. Wenn nun die Kartellbehörden nichts dagegen haben, könnte es bald einen einzigen riesigen europäischen Stahlkonzern geben, der aus Tata Steel und ThyssenKrupp entsteht. Das wird Arbeitsplätze kosten, gemunkelt wird von 4.000 wegfallenden Stellen. Mindestens 2.000 deutsche Stahlarbeiter dürften betroffen sein. Thyssenkrupp und Tata werden alle doppelten Ausgaben einsparen, darunter diejenigen für die Verwaltung und den Vertrieb. Rohstoffe können sie in Mengen einkaufen, die zu höheren Rabatten führen, damit wäre das neue Unternehmen wieder (für eine Weile) konkurrenzfähig. Pläne für die Fusion gab es schon länger, doch sie waren nicht leicht umzusetzen. Für Tata kam der Brexit dazwischen, im Ruhrgebiet protestierten die Stahlwerker gegen den Zusammenschluss. Thyssenkrupp musste schließlich Arbeitsplatzgarantien bis 2026 zusichern. Der zweitgrößte Aktionär von ThyssenKrupp, die schwedische Investmentfirma Cevian, fordert nun weitere Umbrüche. Das Unternehmen könne noch viel schlanker und effizienter werden, so das Cevian-Management - und seine Aktie noch viel wertvoller.