Berater: McKinsey unterstützte möglicherweise saudisches Königshaus beim Ausspähen von Kritikern

Die Unternehmensberatung McKinsey hat möglicherweise schon länger – wissentlich oder unwissentlich – das saudische Königshaus beim Ausspähen von Systemkritikern unterstützt. Das wurde nun inmitten der Berichterstattung um den Fall Jamal Khashoggi öffentlich. In diesen soll McKinsey allerdings nicht verwickelt sein.

Die renommierte US-Zeitung hat recherchiert, dass die Online-Experten von McKinsey in sozialen Netzwerken Informationen zu Systemkritikern des saudischen Regimes gesammelt und diese dann an Saudi-Arabien übermittelt hatten. McKinsey hatte im Auftrag Riads die öffentliche Wahrnehmung von Sparmaßnahmen untersucht, die Saudi-Arabien ab 2015 angekündigt und umgesetzt hatte. Der McKinsey-Bericht wurde veröffentlicht und in den Social Networks intensiv diskutiert. Zu dieser Diskussion lieferte McKinsey offenbar einen zweiten Bericht, der vor allem auf negative Stimmen zu den saudischen Sparmaßnahmen fokussierte und von drei Personen dominiert wurde, die McKinsey im Beraterreport explizit erwähnte:
 

  • Khalid al-Alkami (Schriftsteller)
  • Omar Abdulaziz (in Kanada lebender junger Dissident)
  • Ahmad (anonymer Nutzer)
     

Mindestens einer der Genannten wurde nach der Kooperation von McKinsey mit Riad verhaftet. Das berichtet die Menschenrechtsgruppe ALQST, auf die sich die New York Times bezieht. Omar Abdulaziz berichtete der Zeitung, dass die saudische Regierung zwei seiner Brüder in Haft genommen und sein Smartphone gehackt habe. Der Twitter-Account des anonymen Nutzers "Ahmad" wurde nach dem McKinsey-Bericht geschlossen – eine Maßnahme, die nur der Nutzer selbst oder das Unternehmen Twitter durchführen können.


Reaktion von McKinsey

Das Beratungsunternehmen zeigte sich in seiner ersten Reaktion bestürzt. Man sei "entsetzt" vom Missbrauch des eigenen Berichts durch die Machthaber in Riad und werde nun untersuchen, wer das Dokument mit wem und wann geteilt habe. Außerdem behauptete McKinsey, man sei nie von saudischen Behörden beauftragt worden, in einem Bericht Kritiker des Königshauses zu identifizieren. Doch genau das war mit dem McKinsey-Bericht geschehen. Die Reaktion des US-Unternehmens lässt nur zwei Möglichkeiten der Interpretation zu: Entweder haben die Berater naiv dem saudischen Regime in die Hände gespielt, oder sie haben dieses mehr oder weniger skrupellos und im Sinne der eigenen Geschäftsbeziehungen auf seine Kritiker aufmerksam gemacht. Letzteres ist wahrscheinlicher. Naivität darf man einem Top-Unternehmen wie McKinsey im Grunde nicht unterstellen.


Das Vorgehen Saudi-Arabiens gegen Kritiker

Wie massiv Saudi-Arabien gegen seine Kritiker vorgeht, nahm die Weltöffentlichkeit erst im Oktober 2018 wahr, als türkische Behörden ermittelten und auch publizierten, dass ein saudisches 15-köpfiges Killerkommando den systemkritischen Journalisten Jamal Ahmad Khashoggi im Istanbuler saudischen Konsulat grausam getötet hatte. Kashoggi war ein absoluter Insider des saudischen Regimes, eine Zeit lang war er im Königshaus ein- und ausgegangen. Dann wandte er sich ab und/oder fiel in Ungnade, fortan recherchierte und publizierte er vom Exil aus kritisch über sein Heimatland. Da er fähig war und eine ausgezeichnete Reputation genoss, war er den saudischen Machthabern in Dorn im Auge – den sie brutal beseitigen ließen. Das gegenwärtige Geplänkel um die Deutung der Todesumstände inklusive der saudischen Eingeständnisse, Dementis und Bauernopfer (18 Festnahmen, fünf Entlassungen von hochrangigen Beratern und Geheimdienstmitarbeitern) ist irrelevant und im Übrigen von Diktaturen hinlänglich bekannt. Es bedarf auch keiner weiteren Untersuchungen, damit wir uns ein Bild machen. Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman ließ einen seiner Kritiker beseitigen, und zwar auf eine Weise, dass die Tat scheinbar ungewollt ans Licht der Öffentlichkeit dringen musste. Woher kommen die Ton- und Bildaufnahmen der Folter und des Mordes von Kashoggi? Wie konnten türkische Behörden darauf Zugriff erhalten? All das war geplant und gewollt, es soll weitere Kritiker einschüchtern.

 

Online-Schikane aus Riad

Die unerhörte Brutalität des Kashoggi-Mordes ist allerdings nur die Spitze des Eisberges. Saudi-Arabien ist eines der Länder mit den meisten vollstreckten Todesurteilen (Rang drei hinter China und dem Iran), doch es nutzt auch die moderne Medienwelt gegen seine Kritiker. So arbeitet schon länger eine Trollarmee von Riad aus in allen Social Networks gegen Regimekritiker. Diese hatten auch Khashoggi auf Twitter schikaniert. Des Weiteren berichtet die New York Times von einem saudischen Spion, der in die Twitter-Führung eingeschleust wurde und dort Benutzerkonten überwacht. Twitter lehnte gegenüber der New York Times und der Nachrichtenagentur Reuters einen Kommentar zu diesen Vorwürfen ab. Die saudi-arabische Botschaft in der US-Hauptstadt Washington war ebenfalls zu keinerlei Stellungnahme bereit. Schon seit 2010 soll laut der New York Times Saudi-Arabien mit Social-Media-Kampagnen gegen seine Kritiker vorgehen. Verantwortlich für das Konzept war der saudische Beamte Saud Al-Qahtani, der bis zuletzt den Kronprinzen Mohammed bin Salman direkt beraten hatte. Al-Qahtani gehört allerdings zu den Bauernopfern des Königshauses im Fall Kashoggi: Er wurde am 20.10.18 von der Führung in Riad gefeuert, also kurz nach dem Statement der saudischen Staatsmedien zum Fall Jamal Ahmad Khashoggi.