Unternehmensnachfolge: „Bei vielen Beratern und Vermittlern läuft die Zeit ab“

Vermögensverwalter und Finanzdienstleister in Deutschland sind überwiegend kleine und mittelständische Unternehmer. Dementsprechend stehen sie auch vor den typischen Herausforderungen eines Mittelständlers in der Nachfolge. Im Fokus steht, so viele steuerliche und rechtliche Risiken wie möglich auszuschalten.

Die Finanzdienstleistung befindet sich im Umbruch. Jeder zweite Finanzberater ist bereits über 50, doch in vielen Büros ist die Nachfolge ungeklärt. Mit dem Resultat, dass in den kommenden Jahren möglicherweise eine erhebliche Anzahl an Agenturen einfach verschwinden und die Bestände mehr oder weniger strukturiert verteilt werden. Ein ähnliches Bild bietet sich bei freien Vermögensverwaltern. Insgesamt steht Schätzungen zufolge bei mehreren 10.000 inhabergeführten Unternehmen in Deutschland Jahr für Jahr die Nachfolge an.

„Die deutschen Vermögensverwalter, aber auch die Inhaber von Versicherungs- und Finanzdienstleistungsagenturen sind zum überwiegenden Teil klassische Mittelständler und stehen dementsprechend vor den typischen Herausforderungen eines Mittelständlers in der Nachfolge. Zumeist liegen Eigentum und Führung in einer Hand, das Unternehmen ist Lebenswerk, die Familie lebt davon und vieles mehr. Gleichzeitig haben viele Vermögensverwalter recht alte Führungsmannschaften. Hier läuft die Zeit für eine Übergabe also ebenso ab wie bei Beratern und Vermittlern“, beobachtet der Düsseldorfer Rechtsanwalt und Nachfolgeexperte Dr. Guido Krüger aus der Kanzlei Beiten Burkhardt. Er berät seit vielen Jahren Asset Management-Unternehmen und Family Offices im gesamten Gesellschaftsrecht und in der Gestaltung der Unternehmensnachfolge.

Seine Erfahrung aus der Praxis: Um die Kontinuität und Werthaltigkeit des Unternehmens zu sichern, ist vor allem ein ausreichender Zeithorizont notwendig, denn die Vorbereitung der Übertragung und der eigentliche Übergabeprozess sind nicht nebenher zu erledigen. Aber genauso müsse das Unternehmen natürlich auch vor und während der Übertragung nachhaltig und gewinnorientiert geführt werden, betont Krüger. „Wer dann unter Zeitdruck steht, bei dem entsteht möglicherweise Unruhe. Das ist immer ein schlechter Ratgeber, der sich negativ auf die Nachfolge auswirken kann.“

 

Ungewisse Wette auf die Zukunft

Warum? Ganz einfach: Ein Nachfolger – ob er aus der Familie stammt oder ein externer Käufer ist – geht mit der Übernahme immer eine Wette auf die Zukunft ein, deren Erfolgsaussichten er aus den Ergebnissen der Vergangenheit, der Marktpositionierung, dem Kundenstamm und anderen Parametern ableitet. Wer dann den Betrieb vernachlässige, reduziere nicht nur den Firmenwert, sondern setze die erfolgreiche Nachfolge generell aufs Spiel – denn kein Nachfolger wolle einen Sanierungsfall übernehmen.

Apropos Unternehmenswert: Die Frage nach der richtigen Unternehmensbewertung ist oftmals ein zentraler Konflikt, warnt der Rechtsanwalt. „Die Sachwerte in der Finanzdienstleistung sind meist überschaubar, also greift man zum Ertragswertverfahren, also die Ermittlung des Wertes von Renditeobjekten durch die Kapitalisierung der Reinerträge. Aber wer weiß schon, ob Kunden und Mitarbeiter dem Haus in einer neuen Eigentümerstruktur treu bleiben und dementsprechende Erträge überhaupt erwirtschaftet werden können?“

 

Professionelle Bewertung entscheidend

Eine Lösungsmöglichkeit kann daher sein, die Kaufpreiszahlung erfolgsabhängig auf mehrere Jahre zu verteilen. Dafür muss man aber eben bereit sein, einen Verkaufsprozess über einen längeren Zeitraum laufen zu lassen. „Das ist eine Frage der persönlichen Planung, Flexibilität und der verfügbaren Zeit. Wer sich frühzeitig mit der Übertragung befasst, kann dem Nachfolger dabei auch entgegenkommen“, rät Krüger. Die Ermittlung des realistischen Kaufpreises sei eine Herausforderung, die Käufer und Verkäufer gleichermaßen betreffe. Daher sei eine professionelle Bewertung nach anerkannten Methoden unter Berücksichtigung branchenspezifischer Parameter absolut entscheidend, um eine Gesprächsgrundlage zwischen den Parteien zu schaffen.

Guido Krüger rät Finanzberatern und Vermögensverwaltern dazu, den Prozess nicht ohne externen Berater anzustoßen. „Der Berater kann, wenn er erfahren ist, die richtigen Fragen zur richtigen Zeit stellen und für einen effizienten Prozess sorgen. Vor allem kommt es darauf an, rechtliche und steuerliche Risiken wie Wettbewerbs- und Complianceverstöße oder ungeklärte Steuerstrafverfahren auszuschalten, denn diese sind als potenzielle Deal Breaker bekannt – kein Erwerber wird sich ein ‚faules Ei‘ ins Nest legen. Ebenso wissen Berater, welche Informationen zwecks Sorgfaltsprüfung benötigt werden, und können die Verhandlungen als Parteienvertreter führen. Das entlastet und schafft Ruhe und Gelassenheit.“