Bis 2030 sind 70.000 Arbeitsplätze in der deutschen Automobilindustrie in Gefahr

Was geschieht mit zukünftig rund 70.000 arbeitslosen Beschäftigten in der deutschen Automobilindustrie? 

Diese Frage gehört zu den Kernthemen, die in der jüngeren Vergangenheit rund um das Elektroauto diskutiert werden. Jörg Hofmann ist als Vorsitzender der Industriegewerkschaft Metall, kurz IG Metall, einerseits Herr über mehr als 2,6 Mio. Mitglieder; andererseits aber auch stellvertretender Aufsichtsratschef bei VW. Er geht davon aus, dass bis zum Ende des kommenden Jahrzehnts etwa 70.000 Arbeitsplätze in der Automobilindustrie nicht mehr gebraucht, in dem Sinne überflüssig werden. Ihm und vielen anderen stellt sich die Frage: wohin mit den Beschäftigten, die ja bis dahin nicht in den Ruhestand gehen.


Ersatzlos wegfallender Antriebsstrang – Hauptproblem unter mehreren Problemen 

Unbestritten ist die Aussicht, dass der Anteil der Elektrofahrzeuge gemessen an der Gesamtzahl aller Pkw und Nutzfahrzeuge in den kommenden Jahren auf 25 Prozent plus X steigen wird. In der deutschlandweiten Autoindustrie sind zurzeit deutlich mehr als 800.000 Frauen und Männer beschäftigt, vom unbefristeten Vertrag über Zeit- und Leiharbeit bis hin zur Probezeit. Das Hauptproblem ist der Antriebsstrang für die Fahrzeuge mit Otto- und mit Dieselmotor. Den gibt es in der heutigen Form für den Elektromotor nicht mehr, er entfällt ersatzlos. In diesem Bereich sind, von der Gesamtzahl 800.000 ausgehend, etwa 40 Prozent beschäftigt. Weniger betroffen von der Elektromobilität sind die Beschäftigten an den Montagebändern.

Eigene Batteriezellen entwickeln und bauen anstelle einkaufen

Die Situation lässt sich mit dem Profifußball in Deutschland vergleichen. Das Einkaufen fertiger Profis ist unterm Strich einfacher als das jahrelange Entwickeln und Ausbilden von Talenten im eigenen Fußballinternat. Die deutsche Autoindustrie kann sich dazu entschließen, selbst sowie ganz eigenständig die benötigten Batteriezellen zu entwickeln und zu produzieren; sie kann aber auch darauf verzichten und diese Bauteile hinzukaufen. Zu den typischen Lieferanten gehören asiatische Länder wie China, Japan, Südkorea und zukünftig auch Indien. In diesem Fall wird kein eigenes Knowhow aufgebaut und es wird auch kein Mehrwert geschaffen. Die deutsche Autoindustrie macht sich vielmehr von Konkurrenzländern abhängig. Die jetzigen Vorsitzenden in den Vorständen deutscher Autokonzerne sind dann nicht mehr am Ruder. Dennoch sind sie schon heute in der Verantwortung, für die Zukunft ihres Unternehmens sowie ihrer Beschäftigten vorzusorgen.


Staatliche Hilfe differenziert betrachten 

Das Rufen nach staatlicher Hilfe ist leicht und einfach. Doch Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Gewerkschaften müssen sich eingestehen, dass es nicht die Aufgabe der öffentlichen Hand, sondern ihre eigene unternehmerische Verantwortung ist, die ihnen anvertrauten Beschäftigten sicher durch das kommende Jahrzehnt hindurchzuführen. Gefragt sind die Aufsichtsräte, die Vorstände sowie die Betriebsräte mit ihren Arbeitnehmervertretern in den Gremien. Knapp 70.000 wegfallende Arbeitsplätze kann man nicht einfach so übersehen, und sie erledigen sich auch nicht durch die natürliche Fluktuation. Gefragt sind vielmehr Ideen, Innovationen, Investitionen sowie Joint Ventures, um diese schon heute absehbare Situation langfristig zu entschärfen. Der Staat kann mittelbar helfen, während die Automobilunternehmen unmittelbar, sprich direkt aktiv werden müssen. Sie müssen diese wegfallenden Arbeitsplätze an anderer Stelle sichern oder sie ganz neu schaffen. Dazu ist es noch nicht zu spät, aber auch keinesfalls zu früh!