Börsenstreit zwischen EU und der Schweiz: Keine Einigung in Sicht

Der Kauf und Verkauf von Schweizer Aktien ist für Banken und Vermögensverwalter seit dem 1. Juli komplizierter geworden. Banker weisen aber darauf hin, dass gute Lösungen gefunden worden seien.

Schon seit Sommer schwelt ein Streit zwischen der Europäischen Union und der Schweiz. Diesmal im Mittelpunkt: der Börsenhandel. Was war passiert? Zum 1. Juli hat Brüssel der Schweizer Börsenregulierung die Anerkennung als gleichwertig entzogen. Damit ist es seitdem Marktteilnehmern aus der EU verboten, Aktienhandel an der Schweizer Börse SIX zu betreiben. Als Reaktion wiederum hat die Schweizer Regierung den Handel von Schweizer Aktien in der EU untersagt. Insgesamt setzte Frankfurt nach einer entsprechenden Anweisung aus Bern 182 Schweizer Aktien vom Handel aus, in London waren es sogar 245.

„Seit rund fünf Jahren verhandeln die Schweiz und die EU über das sogenannte Rahmenabkommen. Das soll zukünftige Anpassungen von bereits bestehenden Marktzugangsvereinbarungen und Streitschlichtungsmechanismen festlegen. Die Skepsis in der Schweiz ist aber immer noch groß, zuletzt hat die Schweiz Teile des Abkommens bereits zurückgewiesen. Unter anderem werden Regelungen beim Lohn- und Arbeitnehmerschutz kritisiert. Der Börsenstreit ist also sozusagen ein Stellvertreterkrieg“, kommentiert Timo Keppler, Kanzler der privaten Allensbach Hochschule in Konstanz und seit Jahren geschäftlich mit der Schweiz verbunden. „Eine Einigung ist offenbar auch nicht in Sicht, die Schweiz hat Medienberichten zufolge die Hoffnung auf eine Einigung im Streit mit der Europäischen Union bis Ende Oktober aufgegeben.“ Daher sei es völlig unklar, wann der Streit um den Börsenhandel beigelegt werden könne.


SIX verzeichnet mehr Handelsaktivitäten

Was ist nun die Konsequenz für Vermögensverwalter und Co.? Sie können nicht mehr ohne weiteres an der Schweizer Börse handeln, sondern müssen zunächst prüfen, ob sie die Papiere nicht auch über einen europäischen Handelsplatz kaufen oder verkaufen könnten. Das habe laut Marktbeobachtern beispielsweise dazu geführt, dass sich die Marktaktivität von multilateralen, börsenähnlichen Plattformen in der EU an die Schweizer Börse verlagert habe, sodass der Handel mit Schweizer Aktien über sogenannte Multilateral Trading Facilities de facto nicht mehr stattfinde. Multilateral Trading Facilities, als multilaterale Handelssysteme, werden von einer Wertpapierfirma oder einem Marktbetreiber betrieben und zeichnen sich dadurch aus, dass sie wie ein geregelter Markt „die Interessen einer Vielzahl Dritter am Kauf und Verkauf von Finanzinstrumenten zusammenführen“, heißt es nach der Finanzmarktrichtlinie MiFID II. Laut Christoph Hock, Head of Multi Asset Trading bei Union Investment, gilt: „Zuvor wurden etwa 60 bis 65 Prozent über die SIX direkt gehandelt, jetzt sind es über 90 Prozent.“

Kurzum: Die SIX verzeichnet mehr Handelsaktivitäten und konnte ihre Ergebnisse bereits verbessern. Tatsächlich stiegt das SIX-Handelsvolumen im Juli 2019 – dem ersten Monat seit dem Handelsverbot –im Vergleich zum Vorjahr um mehr als ein Drittel auf 138,1 Milliarden Franken. Im Vergleich zum Vormonat Juni waren es über ein Viertel mehr. SIX-Finanzchef Daniel Schmucki rechnet für das zweite Halbjahr mit einem positiven Effekt im einstelligen Millionenbereich.


Für Banken „kein großes Event“

Für Banken wie Hauck & Aufhäuser ist es indes „kein relevantes Thema“, wie Naveed Arshad sagt, Leiter Investmentlösungen und Niederlassungsleiter der Privatbank in Frankfurt, das sein Haus „aber gut gelöst hat, um den reibungslosen Kauf und Verkauf von Schweizer Aktien weiterhin für die Kunden zu gewährleisten. Schließlich sind Nestle, Lindt Sprüngli, Novartis, Roche und viele andere Schweizer Papiere typische Bestandteile der Aktiendepots unserer Kunden.“ Das Privatbankhaus handelt die Aktien für die Kunden direkt an der schweizerischen Börse und verbucht nachträglich die Transaktion, insbesondere die Lagerstelle. Auch andere Banken haben eine schlanke Lösung für dieses Problem entwickelt. „Alles in allem bedeutet es zwar Mehraufwand im Tagesgeschäft der Banken, ist aber kein großes Event.“

Hochschulkanzler Timo Keppler hofft, dass sich die Parteien dennoch schnell auf eine tragfähige Lösung einigen können. Insidern zufolge dauerten die informellen Gespräche zwischen den beiden Seiten an, das nächste Zeitfenster reiche bis ungefähr Mitte 2020. „Dann könnte die EU die Zügel anziehen und weitere Strafmaßnahmen gegen die Schweiz verhängen. Das ist aber nicht wünschenswert, um den wirtschaftlichen Austausch nicht weiter zu gefährden. Auch muss der Streit auf den Rücken der Aktionäre schnell ein Ende haben“, fordert er.