Brexit-Folge? Unilever gibt Firmensitz in London auf

Der Verbrauchsgüterproduzent Unilever gibt seine Londoner Konzernzentrale auf. Ein Zusammenhang mit dem Brexit ist sehr wahrscheinlich, wird aber nicht kommuniziert.

Der Verbrauchsgüterproduzent Unilever gibt seine Londoner Konzernzentrale auf. Ein Zusammenhang mit dem Brexit ist sehr wahrscheinlich, wird aber nicht kommuniziert.
 

Flucht aus London?

Unilever, ein Weltkonzern mit bislang zwei Hauptsitzen in Rotterdam und London, auch juristisch eine "Dual-listed Company", wird seine Struktur deutlich und mit hoher Signalwirkung ändern: London ist künftig kein Hauptsitz mehr. Damit gibt das Unternehmen seine seit Jahrzehnten bestehende Doppelstruktur auf.

Natürlich wird es in Großbritannien weiter Geschäfte machen und eine Niederlassung unterhalten, doch diese hat dann keine andere Bedeutung mehr als sonstige Dependancen überall auf der Welt. Die Konzernzentrale befindet sich künftig ausschließlich in Rotterdam, juristisch könnten die beiden bislang eigenständigen Unternehmensteile unter einem Dach zusammengeführt werden. Experten bringen das unmittelbar mit dem Brexit zusammen, Unilever hingegen will diesen Eindruck vorläufig vermeiden.

Neugliederung von Unilever

Das Unternehmen soll künftig in den drei Sparten Beauty & Personal Care, Foods & Refreshment und Home Care geführt werden. Dabei spielt London weiter eine große Rolle, denn von dort aus werden zwei dieser drei Bereiche geführt, nur das Management von Foods & Refreshments sitzt in Rotterdam.

Möglicherweise soll das ein Signal sein: Brexitängste will der Gigant offenbar nicht schüren. Dabei ist er auf der britischen Insel mit mehr als 100 Milliarden Pfund immerhin das drittstärkste Unternehmen, die Briten machen sich nun völlig berechtigte Sorgen.

Bislang hat sich rein börslich noch nichts geändert, Unilever-Aktien werden wie eh und je in Amsterdam, New York und natürlich auch in London gelistet. Vielleicht geht die Unternehmensleitung mit kleinen, vorsichtigen Schritten aus London heraus.

In einer knappen Pressemitteilung zur getroffenen Entscheidung vermied die Kommunikationsabteilung des Konzerns jede Assoziation mit dem Brexit, sie schloss vielmehr einen Zusammenhang sogar explizit aus.

Es habe sich um eine strategische Entscheidung gehandelt, man denke dabei an das nächste halbe Jahrhundert. Der Brexit habe damit "auf gar keinen Fall" etwas zu tun. So äußerte sich auch der Unilever-Finanzchef Graham Pitkethly. Vielmehr würden die bestehenden Strukturen diese Entscheidung nahelegen, denn die niederländische Gesellschaft sei größer als die britische.

Der CEO Paul Polman pflichtet ihm bei: Unilever betreibe in 190 Ländern seine Geschäfte, und zwar überwiegend außerhalb er EU, sodass ein EU-Austritt Großbritanniens keine Rolle spielen könne.

Immerhin werde man weiterhin wichtige Sparten von London aus leiten, am langfristigen Engagement in Großbritannien ändere sich also nichts. Diese Beschwichtigungsversuche beruhigen die Briten nicht wirklich. Wenn sich wirtschaftliche Schwergewichte wie Unilever offenbar neu orientieren, zeigt das handfeste Konsequenzen durch den Brexit auf.

Setzt Unilever ein Zeichen?

Möglicherweise meint der Konzern sogar, was er sagt, aber die Zeichen der Zeit sind nicht zu übersehen. Denn der Brexit macht der britischen Wirtschaft inzwischen echte Sorgen, vor allem deshalb, weil die Konsequenzen bislang mit der EU nicht fertig ausgehandelt und daher unklar sind. Ganz sicher werden nun neue Zölle für Importe und Exporte anfallen, die es vorher nicht gab.

An den Grenzen müssen daher Kontrollen eingeführt werden. Die britische Politik gibt sich zwar in letzter Zeit betont wirtschaftsfreundlich, Schatzkanzler Philip Hammond erklärte erst kürzlich, dass für Investments die Insel einer der attraktivsten Standorte weltweit sei. Das stimmte möglicherweise für das EU-Mitglied Großbritannien. Ob es in Zukunft so bleibt, müssen alle Akteure abwarten.

Unternehmer überlegen daher, ob es sich beispielsweise lohnt, in Großbritannien zu produzieren und die Waren gleich dort zu verkaufen. Das machen auch deutsche Automobilhersteller in den USA (Daimler, BMW), die dadurch von Zöllen und Währungsschwankungen weitaus weniger betroffen sind.

Es funktioniert nur nicht so gut, wenn etwa ein Konzern wie Unilever ein Deo in einer Fabrik produziert und dann in die ganze Welt verschickt oder wenn er sich an seinen Hauptstandorten bestimmten Steuersätzen unterwerfen muss.

Die genauen Zusammenhänge sind von außen schwer zu beurteilen, das Abwandern einer Konzernzentrale jedoch ist ein überaus starkes Signal. Daher ist die Frage einfach zu beantworten: Ja, Unilever setzt zweifellos ein Zeichen, und zwar eines gegen den Brexit.