CAPinside-Trend Debatte: Chinesisches Klumpenrisiko im Depot?
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10.08.2021
Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

CAPinside-Trend Debatte: Chinesisches Klumpenrisiko im Depot?

Die aufstrebenden Schwellenländer gehören in jedes Depot. Viele Anleger decken die Anlageklasse über einen ETF auf den MSCI Emerging Markets ab. Ob sie aber wirklich so genau wissen, was sie tun? Der Index birgt ein ziemliches Klumpenrisiko, ein chinesisches Klumpenrisiko. Ob das gut oder schlecht, riskant oder chancenreich ist.

Wer in den MSCI Emerging Marktes investiert, holt sich mittlerweile fast 40 Prozent chinesische Aktien ins Depot. Ist das noch vernünftige Risikostreuung oder doch eher ein Klumpenrisiko? Anleger sollten bei der Anlageentscheidung grundsätzlich Konzentrationsrisiken berücksichtigen. Das gilt für die Industrieländer ebenso wie für Schwellenländer, mahnen Experten wie Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank. 


Ökonomische Realitäten im Index 

Die Gewichtung chinesischer Aktien im globalen Schwellenländer-Index ist in den vergangenen Jahren extrem gewachsen. Der MSCI Emerging Markets bildet zwar die Wertentwicklung von rund 1.400 Aktien aus 27 Schwellenländern ab, aber der Anteil Chinas ist enorm. Waren es noch vor ein paar Jahre weniger als 20 Prozent, sind es heute eben fast 40 Prozent. „Der hohe Anteil Chinas innerhalb der Emerging Markets spiegelt letztendlich nur die ökonomischen Realitäten wider“, sagt Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management. „China ist in den letzten Jahrzehnten zur mit Abstand zweitgrößten Volkswirtschaft aufgestiegen. Dass sich dieser Umstand in der Marktkapitalisierung reflektiert, ist also nichts Ungewöhnliches.“ Auch der Aufstieg chinesischer Tech-Aktien spiegelt sich hier wider. 

Indexanbieter MSCI nimmt seit 2018 auch chinesische A-Aktien auf, also chinesische Inlandaktien, die an den den Börsen in Shanghai oder Shenzhen gelistet sind und in Renminbi notieren. Zuvor waren lediglich H-Aktien im Index enthalten. Ausländische Investoren konnten in A-Aktien lange Zeit nicht investieren, erst 2014 öffnete sich dieser Markt schrittweise. Der Zugang zu dem lange unerschlossenen inländischen Aktien-Universum brachte auch MSCI dazu, diese Aktienart in seine Indizes einzubeziehen. 


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Das Klumpenrisiko ist gestiegen 

Klumpenrisiken in großen Indizes sind längst keine Seltenheit mehr. „Der Anteil US-amerikanischer Unternehmen im MSCI World Index liegt inzwischen sogar bei über 60 Prozent“, gibt Stephan zu bedenken. „Dies liegt daran, dass MSCI die Gewichtung der Unternehmen in ihren Indizes anhand der jeweiligen Marktkapitalisierung berechnet.“ Insbesondere der Aufstieg der IT- und Telekommunikationsunternehmen hat ihren Indexanteil im Vergleich zu Unternehmen anderer Branchen überproportional wachsen lassen. „Insgesamt ist zu beobachten, dass die Indizes in den vergangenen Jahren kopflastiger geworden sind, weil der Anteil der größten Konzerne noch gestiegen ist“, sagt der Deutsche-Bank-Experte. Die zehn größten US-Unternehmen – überwiegend Tech-Firmen – stehen mittlerweile für knapp 35 Prozent des S&P 500, im MSCI EM sind es etwas weniger als 30 Prozent (ein Plus von etwa zehn Prozentpunkten seit 2014). „Das Klumpenrisiko ist gestiegen“, so Stephan. „Anleger können durch aktives Portfoliomanagement ihrem Risikoprofil entsprechend gegensteuern.“ 

Mit Blick auf Chinas hohen Anteil im MSCI EM kann man aus Risikoperspektive aber auch positiv  auf diese Entwicklung schauen. „Chinesische Aktien, insbesondere die lokalen A-Share Aktien sind deutlich niedriger zu globalen Aktien korreliert als beispielsweise US-Aktien oder Emerging Markets“, so Galler. „Das bedeutet für Anleger, dass trotz steigendem Gewicht Chinas das Risiko eines globalen Aktienportfolios dadurch eher niedriger wird.“ Im jüngsten Long-Term Capital Market Assumptions von JP Morgan AM liegt die geschätzte Korrelation von lokalen chinesischen Aktien zum MSCI AC World mit 0,45 deutlich niedriger als die 0,75 des Emerging Markets Index. 


Noch ein Schwellenland?

Natürlich stellt sich unweigerlich auch die Frage, ob es noch gerechtfertigt es, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt an der Börse als aufstrebendes Schwellenland gilt. Typischerweise richten sich die Indexgewichtungen nicht nur nach der Marktkapitalisierung, sondern auch nach Kriterien wie Free Float, Liquidität oder Handelbarkeit. „Im Vergleich zu den Finanzmärkten der im MSCI World geführten Länder gibt es in China gerade beim Marktzugang für ausländische Investoren noch Nachholbedarf“, sagt Stephan. „Es bestehen zudem noch weitere Hürden.“ Beispielsweise würden Konzerne häufig Pressemitteilungen nur in chinesischer Sprache herausgeben. China erfülle zudem die Anforderungen von MSCI für den Status als „Developed Market“ hinsichtlich des Bruttonationaleinkommens pro Kopf noch nicht. „Meiner Meinung nach gilt China an der Börse deshalb zurecht als aufstrebendes Schwellenland“, sagt Stephan. Auch wenn sich China in den vergangenen Jahre ausländischen Investoren geöffnet hat, ist es noch ein weiter Weg zum freien Kapitalverkehr, effizienten operativen Kapitalmarkt und stabilen rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen, bestätigt auch Galler. 

Die Experten sind überzeugt: Insgesamt sollten chinesische Aktien weiterhin vom hohen Wachstum der Volksrepublik profitieren. „Chinesische Aktien haben durch die jüngsten Kursverluste wieder an Attraktivität gewonnen, denn trotz politischer Risiken und Regulierungsrisiken bleibt für uns China ein langfristig attraktiver Markt“, sagt Galler. Strukturelle Trends wie Technologie, Konsum und die Öffnung des A-Share Marktes eröffnen langfristig positive Ertragsperspektiven. „Chinesische Aktien dürften weiterhin Potential haben“, sagt auch Stephan, gibt aber zu bedenken: „Mittelfristig bin ich jedoch zurückhaltend gestimmt.“ Die Zentralregierung hat die Zügel der Privatwirtschaft zuletzt wieder stärker angezogen und im IT- und Bildungssektor durch Strafzahlungen beziehungsweise Beschränkungen des Marktes merklich interveniert. „Die Maßnahmen der Regierung haben Anleger stark verunsichert und das könnte weiter auf den Kursen lasten“, so der Experte. Weitere Reformen beispielsweise im Bau- und Gesundheitssektor sind denkbar. Das politische Verhältnis zwischen China und den USA ist weiterhin unterkühlt. Weitere US-Sanktionen im IT-Bereich oder ein De-Listing chinesischer Aktien von US-Börsen sind nicht auszuschließen. „Fallen die Kurse weiter, könnten Anleger jedoch in den kommenden Monaten schrittweise zukaufen“, sagt Stephan. „Langfristig bewerte ich chinesische Aktien immer noch positiv.“



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