CAPinside-Trend Debatte: "Garantien müssen neu überdacht und definiert werden“
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2021-07-21

CAPinside-Trend Debatte: "Garantien müssen neu überdacht und definiert werden“

Sinkendes Rentenniveau, steigende Lebenserwartung, niedrige Zinsen, komplizierte Produkte: Die Alterssicherung durchlebt eine ihrer größten Zerreißproben. Laut Jürgen Dries, Vorstandsmitglied beim Bundesverband Finanzplaner e.V., wirken sich auch Garantien und die geringe Finanzbildung in der Bevölkerung negativ auf die private Vorsorge aus. Was tun, Herr Dries?

Herr Dries, Sie sind zertifizierter Ruhestandsplaner und beim Thema Rente einer der Experten beim Bundesverband der Finanzplaner. Welches sind aus Ihrer Sicht die zentralen Herausforderungen bei der gesetzlichen Rente? 

Jürgen Dries: Wir haben auf der einen Seite die Tatsache, dass die Menschen immer länger leben. Das ist sicherlich ein positives Signal. Dann kommt die berufliche Vita dazu. Die meisten Menschen kommen nicht mehr auf 45 Berufsjahre oder mehr. Und dann die dritte Schiene: das Verhältnis Beitragszahler zu Rentenempfänger. Da ist vorprogrammiert, dass die gesetzliche Rente in den kommenden Jahren in Schieflast geraten muss. Das Rentenniveau auf 48 Prozent festzulegen und das als großen Erfolg der aktuellen Bundesregierung zu feiern, ist aus meiner Sicht nicht der richtige Weg. 


Was ist schief gelaufen?

Dries: Der ursprüngliche Ansatz der Politik unter dem Kanzler Konrad Adenauer im Gründungsjahr der gesetzlichen Rentenversicherung war: „Die Sozialversicherungsrente muss Altersarmut verhindern. Sie darf nicht nur ein Zuschuss, sondern muss Ersatz für den ausgefallenen Lohn sein und durch dynamische Anpassungen ein Inflationsausgleich sein.“ Von diesem Ansatz sind wir weit entfernt. Man muss sich einfach auch vor Augen führen, dass 1957 die Welt anders war. Die Menschen waren alle berufstätig, es gab eine 6 Tage-Woche, bis zu 12 Stunden wurde pro Tag gearbeitet, nach 45 oder mehr Jahren ging man in Rente und lebte vielleicht noch zehn Jahre. Das waren damals die Rahmenbedingungen für das umlagefinanzierte Rentensystem. Und genau diese Rahmenbedingungen haben wir nicht mehr. Das ist sicherlich auch der Politik bewusst. Rente mit 68 kann da nicht die Antwort sein.


Welche Folgen für Gesellschaft und Rente erwarten Sie?

Dries:  Die Menschen, die sich nur auf die gesetzliche Rente fokussieren, wandern mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Altersarmut. Die Rentenkommission hat für das Jahr 2045 ein Bruttorentenniveau von 39 Prozent – wohlgemerkt vor Krankenversicherungsbeitrag, Beitrag für die Pflegeversicherung und Steuer – bei einem Beitragssatz von 23,6 Prozent prognostiziert. Ein Entgeltpunkt würde dann knapp 19.200 Euro kosten, aktuell liegt der bei 7.500 Euro. Wenn die geburtenstarken Jahrgänge in die Rentenphase kommen, gibt es Probleme mit dem Demographiefaktor, der vor einigen Jahren in die Formel für die Ermittlung des Rentenwertes nach § 68 SGB V integriert wurde. Hier greift dann die Schutzklausel des § 68a SGB V. Das heißt letztendlich, dass es keine Rentenanpassungen geben kann. Also alles Signale, die zeigen, in welcher Problematik sich dieses System bereits befindet. Ob ein "Weiter so!" getreu dem Motto „Die Rente ist sicher“ das richtige Signal ist, möchte ich bezweifeln. Es ist mir allerdings auch bewusst, dass ein möglicher Umbau dieses Systems nicht einfach sein wird. Da müssen sicherlich viele kreative Ideen mit einfließen. Derzeit haben wir ja die Situation, dass die Politik, allen voran der jeweilige Arbeitsminister oder -ministerin die gesetzliche Rente reformiert, selbst aber von den Folgen der Reform nicht betroffen ist und sich vielleicht auch nicht vorstellen kann, wie man mit einer Rente in Höhe der Grundsicherung im Alter leben kann.


Würden die Ansprüche aus der gesetzlichen Rente steigen, wenn man die Beitragssätze anhebt?

Dries: Man muss sich erst einmal vor Augen halten, wie sich der Rentenanspruch berechnet. Alle rentenversicherungspflichtigen Beschäftigten sammeln Entgeltpunkte. Die werden ermittelt, indem man das individuelle sozialversicherungspflichtige Jahresbruttoeinkommen durch das jeweilige Durchschnittsbruttoeinkommen dividiert. 2020 waren das 40.551 Euro. Hat man ein höheres individuelles Jahresbruttoeinkommen als der Durchschnitt, erhält man Punkte größer eins und umgekehrt. Diese Punkte werden mit dem aktuellen Rentenwert – in 2020 34,19 Euro – multipliziert und somit erhält man die Rente, die man für ein Jahr Beschäftigung erwirtschaftet hat. Begrenzt wird diese Berechnung durch die Beitragsbemessungsgrenze der deutschen Rentenversicherung, die in 2020 bei 82.800 Euro lag. In diesem Rechenweg hat der Beitragssatz keine Anwendung gefunden. Also hat der Beitragssatz auch keinen Einfluss darauf, dass die Renten höher ausfallen. Das wäre nur durch höhere Bruttoeinkünfte zu realisieren. Steigende Beitragssätze haben eher den gegenteiligen Effekt. Wenn man mathematisch einigermaßen drauf ist und sich die Formel für den Rentenwert anschaut, dann erkennt man, dass bei steigenden Beitragssätzen der Rentenwert eher nicht steigen wird und somit es auch keine Rentenanpassungen geben wird.


Könnte eine freiwillige Zuzahlung in die gesetzliche Rente den Anspruch daraus erhöhen? 

Dries: Sicherlich würden sich durch freiwillige Zuzahlungen die Rentenleistungen erhöhen. Allerdings können das derzeit nur Selbständige machen. Eine Ausnahme gilt für Arbeitnehmer, die früher in Rente gehen wollen und somit Rentenabschläge von 0,3 Prozent pro Monat in Kauf nehmen müssen. Die könnten durch Zuzahlungen versuchen, die Rentenkürzungen auszugleichen. Um zum Beispiel 100 Euro Rentenkürzung auszugleichen, müssen derzeit circa 24.000 Euro als Zusatzbeitrag in die gesetzliche Rente eingezahlt werden. Und wenn die Rentenkürzung durch vorzeitigen Rentenbeginn höher ist, dann steigt natürlich auch der Betrag, der als Zuzahlung erforderlich ist. Alternativ können die Zuzahlungen auch monatlich erfolgen. Nach meinem Kenntnisstand muss aber der Deutschen Rentenversicherung gegenüber erklärt werden, dass man definitiv früher in Rente gehen möchte.


Wenn auf die gesetzliche Alterssicherung nicht zu hoffen ist, warum sind die privaten Vorsorgemöglichkeiten aus Ihrer Sicht noch so unbeliebt?  

Dries: Ein Hauptgrund dürfte sein, dass sich viele Menschen die private Vorsorge nicht leisten können. Die Verschuldung der Privathaushalte nimmt zu, von daher müssen oftmals auch Kredite bedient werden. Und man kann den Euro immer nur einmal ausgeben. Oder sie haben nur einen befristeten Arbeitsvertrag, der langfristige Planungen nicht zulässt. Auch kommt hinzu, dass aus meiner persönlichen Sicht nur wenig Finanzwissen in der Bevölkerung vorhanden ist. Verbraucher sind zudem verunsichert, wenn sie in den Medien mitbekommen, dass „Riester gescheitert ist“, „die Betriebliche Altersvorsorge Betrug sei“ oder „die Lebensversicherung schwächelt“. Das schürt Ängste bei den Menschen, die dringend eine Altersvorsorge betreiben müssten. Hinzu kommt, dass aufgrund der sinkenden Zinsen ein Umdenken stattfinden muss. Die klassische Form der Altersvorsorge, also die Lebensversicherung mit dem Deckungsstock, hat sicherlich keine Bedeutung mehr für eine richtige Altersvorsorge. Die entscheidende Größe in der Formel für die Altersvorsorge ist der Zins. Die anderen Größen sind der Zeitraum für den Sparprozess – der durch den Eintritt in die Rente vorgegeben ist – der Sparbeitrag wäre die andere Größe. Auch hier sind natürlich Grenzen gesetzt, weil jeder ja nur ein gewisses Budget zur Verfügung hat. Also bleibt der Zins übrig. Bei den klassischen Produkten wird diesbezüglich nicht mehr viel zu erwarten sein. Also muss der Sparer bereit sein, in andere Assetklassen, wie etwa Fonds zu investieren. Dazu ist manchmal auch Überzeugungsarbeit erforderlich.


Welche Inhalte sind denn bei der Überzeugungsarbeit wirklich wichtig und wer sollte hier die Aufklärung übernehmen? 

Dries: Altersvorsorge oder Sparen für gewisse Ziele im Allgemeinen hat etwas mit Zahlungsströmen zu tun, also mit Mathematik. Beispielsweise in der Baufinanzierung: Mandanten kommen oftmals mit Vorstellungen, die jenseits der Realität liegen. In der Regel ist kein Eigenkapital vorhanden, es laufen hohe Konsumkredite und trotzdem gibt es die Wunschvorstellung, eine Immobilie für 750.000 Euro oder mehr zu erwerben. Dazu kommen  Kaufnebenkosten und dann einige Renovierungsanteile. Bei bloßem Nachrechnen würde man sofort erkennen, dass das nicht finanzierbar ist. Da ist die Mathematik dann eine sehr nüchterne Kommunikation. Aber bei Mathematik scheint es Berührungsängste zu geben. Hier könnte ich mir vorstellen, dass in den Schulen Fächer angeboten werden, die die Schüler hinsichtlich Geldkreislauf, Inflation, Geld als Zahlungsmittel sowie der Entstehung und Erwirtschaftung von Zinsen vorbereiten – hinterlegt mit vielen praktischen Beispielen, damit die Schüler auch den Bezug zur realen Welt erleben können. Ich kenne zum Beispiel den ein oder anderen Geldlehrer, der über eine Zusatzausbildung an den Schulen diesbezüglich die Schüler und Schülerinnen mit diesem Thema vertraut macht. Solche Kurse könnten sicherlich auch ein Angebot der Volkshochschule werden.



Neben einer weniger polarisierenden Berichterstattung und der Finanzbildung: Welche zentralen Stellschrauben müssen aus Ihrer Sicht gedreht werden, damit die Herausforderungen des Rentensystems bewältigt werden können?

Dries: Ich glaube, diese Frage kann derzeit keiner beantworten. Sowohl das gesetzliche Rentensystem als auch die gesetzliche Krankenkasse und die gesetzliche Pflegeversicherung stehen am Scheidepunkt. Die Reformierung dieser Systeme wird sicherlich immer auf Widerstand stoßen, weil sie vielleicht zu komplex ist. Sehen wir alleine die Umsetzung des Alterseinkünftegesetzes mit der Folge, dass die Altersrenten seit 2005 schrittweise bis 2040 höher besteuert werden. Höhere Steuern bedeutet ja, dass der Rentner letztendlich weniger Rente netto zur Verfügung hat. Ulla Schmidt hatte vor Jahren dafür gesorgt, dass Betriebsrenten mit einem vollen Beitragssatz für die gesetzliche Kranken- und Pflegepflichtversicherung beaufschlagt wird. Eigentlich kontraproduktiv. Die Menschen machen etwas, sie sparen und dann kommt die Politik und will dem Ersparten auch noch etwas abzweigen. Oder die Idee der SPD etwa, mehr Leute in die Gesetzliche Rentenversicherung einzahlen zu lassen, also die Beitragseinnahmen auf ein breiteres Niveau zu stellen. Das sorgt in erster Linie zwar dafür, dass mehr Geld eingenommen wird, es werden aber auch Anwartschaften erzeugt, die in der Zukunft bedient werden müssen. Und es ändert ja nichts am eigentlichen Problem des Rentensystems. Die oben beschriebenen Rahmenparameter haben sich grundlegend geändert. Die Rente mit 68 zu fordern, ist aus meiner Sicht keine Reform, sondern eher wieder eine Kürzung und ein schwacher Versuch der Politik, das Rentensystem irgendwie über die Zeit zu bringen.


Eine grundlegende Reformierung der staatlichen Systeme dürfte also längerfristig ausbleiben. Wie bewerten Sie die Altersvorsorgemöglichkeiten, aus denen deutsche Verbraucher wählen können? 

Dries: Die Gesellschaften und Produktanbieter sind in ihrer Kreativität sehr aktiv und schaffen immer neue Produkte, die der Verbraucher nicht mehr versteht und viele Vermittler auch nicht mehr. Stellvertretend dafür sei die Indexpolice genannt, die in sich sehr komplex ist. Ganz speziell das Schreckgespenst „Indexpartizipation“. Die Kunden verstehen das nicht. Ein Altersvorsorgeprodukt muss der Anleger verstehen, die Kosten sollten sich im Rahmen bewegen und – das ist sicherlich entscheidend – der Verbraucher muss sich von dem Gedanken lösen, dass er in 30 oder 35 Jahren zumindest die Summe der eingezahlten Beiträge wieder in der Police stehen hat. Aufgrund des Zinsniveaus ist das nicht mehr darstellbar. Garantien müssen neu überdacht und definiert werden. Auch muss sich der Verbraucher mehr um die eigene Altersvorsorge kümmern, sich informieren. Die Zeiten, in denen man einen Altersvorsorgevertrag abgeschlossen hat und die Police nach mehr als 30 Jahren wieder aus dem Ordner holte, gehören der Vergangenheit an.


Welche Altersvorsorgemöglichkeiten sind aus Ihrer Sicht sinnvoller? 

Dries: Der Markt der Altersvorsorgeprodukte ist reichhaltiger denn je. Und was sinnvoll ist, muss immer in einer Beratung mit den Mandanten besprochen werden. Was sinnvoll ist, ist manchmal auch abhängig vom Alter oder beruflicher Situation oder des Familienstandes. Gerade wenn eine Familie gegründet wird, kann sich der Blickwinkel entscheidend verändern. Wichtig dabei ist aus meiner Sicht immer, dass man alle Vor- und Nachteile kennt, bevor die Entscheidung getroffen wird. Zum Beispiel im Bereich der Finanzierung von Eigenheimen ist dies mehr als wichtig. Aus meiner Erfahrung wird nur auf den Zins geschaut – gut, der ist derzeit günstig. Aber das ist nicht alleine das Entscheidende bei einer Baufinanzierung. Keiner würde eine Firma gründen und sich nur auf einen Parameter fokussieren. Selbst beim Kauf eines Elektrogerätes wird sich mehr informiert als bei einer Immobilie oder Altersvorsorge. In der heutigen Berufswelt ist sicherlich eine Form der Flexibilität wichtig. Wer kann heute noch prognostizieren, dass er bei seinem Arbeitgeber bis zum Rentenbeginn arbeiten kann? Bei all diesen wichtigen Entscheidungen benötigen die Menschen jemanden an ihrer Seite, quasi als Sparringspartner, der mit ihnen auf gleicher Augenhöhe diese wichtigen Themen angeht und sie unterstützt.

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