CAPinside-Trend Debatte: Teure Missverständnisse: In China versagt die kapitalistische Marktlogik
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04.08.2021

CAPinside-Trend Debatte: Teure Missverständnisse: In China versagt die kapitalistische Marktlogik

In China gibt vor allem ein Akteur den Ton an: die kommunistische Partei. So viel Staat wie möglich, so viel Markt wie nötig! Wer im Reich der Mitte kostspielige Fehler vermeiden will, muss Pekings Sichtweise verstehen. Der Auftakt zur CAPinside-Monatsdebatte "China, ein (un)kalkulierbares Risiko?".

China-Aktien waren zuletzt im Sturzflug. Die Regierung „schlachtet die Tech-Gänse“, titelte die NZZ und CNBC schrieb China sei „zu weit gegangen“ und schade sich selbst. Schon seit Jahren versuchen westliche Analysten und Beobachter die chinesische Politik einzuschätzen. Oft liegen sie mit ihren Voraussagen falsch! Die Politik der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) kann man nicht mit kapitalistischer Marktlogik verstehen, denn hier geht es vorrangig um Parteiinteressen. Was in der NZZ oder bei CNBC steht, interessiert in Peking niemanden.


Parteiinteressen sind nicht unbedingt auch „Chinas“ Interessen

Dass die chinesische Regierung private Nachhilfefirmen ins Visier nimmt, war schon seit Monaten offensichtlich. Präsident Xi bezeichnete die Branche als eine „chronische Krankheit“, die die Kosten des Bildungssystems erhöhe und die Geburtenrate verringere. Doch trotz der Warnsignale rechneten viele Anleger nicht einem Profitverbot für die Branche. Damit schade sich China schließlich nur selbst. Diese Fehlkalkulation kam viele Anleger teuer zu stehen. Die drei führenden, in den USA gelisteten Anbieter TAL Education, New Orient und Gaotu verloren über Nacht mehr als zwei Drittel ihres Marktwertes. Der MSCI China hat seit Anfang Juli 2021 knapp 13 Prozent eingebüßt. War das nun in Chinas Interesse?

Die Annahme westlicher Beobachter, die KPCh würde von drakonischen Regulierungen absehen, wenn sie dadurch der chinesischen Wirtschaft schade, verkennt die Realität. „Chinas“ Interessen sind nicht zwingend deckungsgleich mit den Interessen der KPCh. Wirtschaftswachstum ist für die Partei nicht die Priorität, sondern Stabilität, der Machterhalt sowie die dafür notwendige Kontrolle. In über 4.000 Jahren herrschten in China nur zehn Dynastien. Staatlich erzwungene Stabilität hat hier über Jahrtausende hinweg funktioniert; Demokratie und freie Märkte sind in China eher fremde Konzepte.

Die Beweggründe der KPCh sind für Anleger von außen nicht immer leicht ersichtlich. Online-Nachhilfe ist ein gutes Beispiel: Die Angebote erreichen in China Millionen an Schülern. Allein in den Jahren 2019 und 2020 gab es in der Branche 27 IPOs. Trotzdem zögerte die KPCh nicht, eine schnell wachsende Industrie über Nacht in einen Non-Profit-Sektor umzuwandeln. Die explodierenden Bildungskosten belasten Familien und stehen damit im Widerspruch zur Familienpolitik der Partei, die mehr Kinder fordert. Außerdem werden durch den Zugang zu besserer Bildung wohlhabende Bevölkerungsschichten bevorzugt. Dadurch entsteht ein politisches Spannungsfeld: Einerseits ist eine zunehmend gebildete Mittelschicht gut für die Wirtschaft, andererseits ist das auch eine Herausforderung für den Machterhalt der KPCh – vor allem, wenn die Bildung außerhalb der Klassenzimmer und im Internet stattfindet.


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Aktien können auch fallen wenn die Wirtschaft wächst

Wachstum darf aus Sicht der KPCh nicht auf Kosten politischer Stabilität gehen. Deshalb sind selbst die Tech-Riesen wie Tencent oder Alibaba nicht sicher vor wertvernichtenden regulatorischen Eingriffen, auch wenn diese Unternehmen für die chinesische Wirtschaft eine zentrale Rolle spielen. Und anders als Facebook oder Amazon, die regulatorische Konsequenzen durch jahrelange Prozesse in Gerichtssälen abwehren oder zumindest verzögern können, haben Tencent und Alibaba gegenüber Pekings Befehlen keinerlei Einspruchsrecht.

Ein weiteres Missverständnis vieler China-Anleger: Die chinesische Wirtschaft wachse weiter und deshalb dürften China-Aktien im Portfolio nicht fehlen. Richtig ist: Aktien steigen nicht deshalb, weil die Wirtschaft wächst, sondern weil die Nachfrage steigt. Die Nachfrage nach chinesischen Aktien könnte spätestens dann massiv fallen, wenn US-Anleger nicht mehr in chinesische Firmen oder ihre Offshore-Vehikel investieren dürfen. Der inner-chinesische Kapitalmarkt wird das nicht kompensieren, denn der funktioniert komplett anders als im Westen: Hier dominieren chinesische Privatanleger, die Aktieninvestments oft eher als eine Art Gewinnspiel betrachten. Wie instabil deren Nachfrage ist, sieht man an der Volatilität chinesischer A-Aktien.

Trotzdem: Neben den regulatorischen Risiken bietet China mit einer schnell wachsenden Mittelschicht und zunehmender Technologisierung viele attraktive Anlagemöglichkeiten. Darauf muss man nicht verzichten. Es bleibt aber die Frage: Wie investiert man in einen Markt, dessen Aufseher am liebsten so wenig Markt wie möglich hätten? Gar nicht? Vertraut man auf die lokale Expertise erfahrener Asset Manager? Augen zu und durch mit breit gestreuten ETFs? Gleichgültig, welche Strategie man wählt, dürfte spätestens jetzt eines klar geworden sein: In China wird nach den Regeln der Partei gespielt. Wer diese Regeln nicht kennt, oder sie nicht befolgen will, sucht sich entweder professionelle Hilfe oder bleibt in heimischen Gefilden.


Neue Debatte zu China: Vom Innovator zum Diktator ­­– investieren Sie in China? 

Auf der Suche nach Wachstum schichteten immer mehr Investoren ihre Gelder in die Emerging-Markets, allen voran in asiatische Märkte. Mittlerweile besteht der beliebte ETF MSCI Emerging Markets zu rund 35 Prozent aus chinesischen Firmen und eben dort ging es zuletzt heiß her. Durch ihre regulatorischen Eingriffe etwa bei heimischen Tech-Unternehmen oder beim E-Learning-Markt verschreckte die Kommunistische Partei die Anleger weltweit.

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