Causa Wirecard: Warum es eine starke Governance braucht

Governance-Aspekte sollten bei Investitionsentscheidungen eine größere Rolle spielen als bislang. Das zeigt der Fall Wirecard sehr deutlich. Der Wert guter Unternehmensführung lässt sich konkret an einem Index ablesen.

Verschwundene Milliarden, ein abgetauchter und international gesuchter Vorstand, eine Strafanzeige der Finanzaufsicht BaFin gegen den Vorstandsvorsitzenden und Großaktionär Markus Braun, horrende Kursverluste, die Eröffnung des vorläufigen Insolvenzverfahrens - der Fall von Wirecard ist einer der größten Börsen- und Bilanzskandale der Geschichte. Die Nachrichten zu dem Zahlungsdienstleister, der nach einem märchenhaften Aufstieg einen noch beispielloseren Absturz erlebt hat, reißen nicht ab und werfen viele Fragen, sei es zur Rolle der Aufsicht, des Wirtschaftsprüfers oder auch der Aktionärskultur in Deutschland an sich.

Und die Causa Wirecard hat noch etwas gezeigt: „Governance-Aspekte sollten bei Investitionsentscheidungen eine herausragende Rolle spielen. Ohne gute Unternehmensführung und eine seriöse, einwandfreie Steuerung einer Organisation ist nachhaltig erfolgreiches und stabiles Wirtschaften nicht möglich", sagt Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der DSW – Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V. Die DSW hat den Zahlungsdienstleister Wirecard insbesondere aufgrund der hohen Intransparenz und Mängeln in der Corporate Governance seit etlichen Jahren kritisiert. 

"Unter ESG-Nachhaltigkeitsgesichtspunkten ist die Governance ein besonders wesentliches Kriterium neben Environment, also Umweltaspekten, und Social, also Soziales. Denn eine gute Governance verhindert auch Verstöße in den übrigen Bereichen. Oder andersherum: Fragwürdige Umwelt- und Sozialpraktiken resultieren zumeist aus einer problematischen Führungskultur. Daher verdient das ‚G‘ der ESG-Kriterien allerhöchste Beachtung“, erläutert Tüngler. 


MSCI World Governance-Quality Index zeigt Wert guter Unternehmensführung

Der Wert guter Unternehmensführung lässt sich am MSCI World Governance-Quality Index ablesen, sagt Dyrk Vieten, Sprecher der Geschäftsführung der Düsseldorfer ficon Vermögensmanagement. Der Index basiert auf dem MSCI World, der Large- und Mid-Cap-Aktien in 23 Industrieländern umfasst, und soll die Leistung einer Strategie widerspiegeln, die sowohl die finanziellen als auch die Corporate Governance-Aspekte von Qualitätsinvestitionen erfassen. „Stand Ende Juni hat der MSCI World Governance-Quality Index auf Zehn-Jahressicht fast 14 Prozent zugelegt, in der Zwölf-Monatsbetrachtung ebenso. Seit Jahresbeginn beläuft sich das Plus auf knapp ein Prozent, trotz aller Corona-bedingten Verwerfungen. Zum Vergleich: Der Leitindex MSCI World hat seit Anfang Januar rund 5,5 Prozent verloren und in der Zehn-Jahresperspektive etwas mehr als zehn Prozent gewonnen“, konkretisiert Vieten. Die Daten seien übrigens über alle Betrachtungszeiträume hinweg schwächer als beim MSCI World Governance-Quality Index.


Unabhängigkeit des Aufsichtsrats wichtiges Governance-Thema

Aktionärsschützer Tüngler fordert Anleger daher auf, bei ihren Investments auf die Governance zu achten und diesen Aspekt keinesfalls den ökologischen und/oder sozialen Kriterien unterzuordnen. „Das hat nicht nur mit der Nachhaltigkeit an sich zu tun. Eine transparente, seriöse Unternehmensführung nach allen gesetzlichen Pflichten wirkt sich immer positiv aufs Geschäft aus. Damit müssen Anleger sich befassen, die Kenntnis der Governance ist eine Holschuld.“ Tüngler warnt davor, dass Governance-Themen die größten Risiken für börsennotierte Gesellschaften darstellten – und damit für die Anleger. Die Praxis zeige, dass wesentliche Angriffspunkte auf Unternehmen so gut wie immer auf Schwachstellen in der Führung und Organisation zielten. Ein wiederkehrendes Thema sei beispielsweise eine intransparente Rechnungslegung, die vor allem von aktivistischen Aktionären regelmäßig angegriffen werde.

Doch wie können Anleger eine gute beziehungsweise schlechte Unternehmensführung erkennen? Tüngler, der der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex angehört, stellt zum einen heraus, dass Interessenten sich den Corporate Governance-Bericht von Unternehmen anschauen und mit den Vorgaben des Corporate Governance Kodex abgleichen sollten. „Zum anderen stehen Punkte wie die Unabhängigkeit des Aufsichtsrats, eine gute Durchmischung des Vorstands mit internen und externen Managern sowie eine transparente Vergütungsstruktur, die nicht nur ergebnisorientiert ist und Gehaltsexzesse verhindert, im Fokus.“ Aus diesen und mehr Parametern könnten Investoren ableiten, ob gute Governance und deren Umsetzung ausreichend Bedeutung beigemessen werde – am Fall Wirecard könne man allein an diesen Punkten weitreichende Mängel in der guten Unternehmensführung erkennen.


Mehrwert für langfristigen Anlageerfolg

„Gut geführte Unternehmen Unternehmen weisen beispielsweise deutlich weniger Umwelt- und Sozialprobleme, aber eine bessere Performance auf als konventionell wirtschaftende Gesellschaften", ergänzt ficon-Sprecher Vieten. "Daher kann ein Governance-Fokus in einer nachhaltigen Anlagestrategie einen wesentlichen Mehrwert für den langfristigen Investmenterfolg leisten.“ Die Gesellschaft hat mit dem „ficon Green Dividends“ einen ESG-Dividendenfonds aufgelegt, der sich besonders auf die Governance bei der Titelauswahl (in Zusammenarbeit mit iss-oekom) konzentriert.

Vieten fordert, auch zur Erhöhung der Sicherheit für Anleger, wesentlich strengere Informationspflichten vor allem für große börsennotierte Unternehmen. „Man muss viel mehr über die Governance von Unternehmen wissen, um die Unternehmensführung wirklich beurteilen zu können. Eine bessere und vor allem transparente Berichterstattung ist ganz wesentlich für die Governance-Prüfung vor Investitionen.“