China und Evergrande: Fußball, Finanzen und falsche Investorenhoffnungen
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2021-09-30

China und Evergrande: Fußball, Finanzen und falsche Investorenhoffnungen

Der Skandal um den chinesischen Immobilienentwickler Evergrande rüttelt die internationalen Börsen durch. Die mögliche Pleite des Konzerns ist das eine, das andere die vielleicht zu lasche Herangehensweise an den chinesischen Finanzmarkt in den vergangenen Jahren.

Auch wenn sich die Leser dieses Artikels wohlmöglich vor allem für Finanzen interessieren und nicht wegen Fußball auf CAPinside unterwegs sind: Dieser kleine Exkurs lohnt trotzdem – und führt am Ende doch wieder in den Finanzsektor. Protagonisten sind Lucas Barrios, ehemaliger Stürmer von Borussia Dortmund, und der Immobilienkonzern Evergrande, der gerade dafür bekannt ist, die chinesischen und internationalen Kapitalmärkte in Aufruhe zu versetzen.

Zuerst zum Top-Stürmer: Barrios hat in Dortmund noch immer einen ausgezeichneten Ruf. Nicht zuletzt weil der Paraguayer den BVB im Jahr 2011 mit seinen Treffern nach 2002 endlich wieder zum Deutschen Meistertitel schoss. Ein Jahr später wollte der noch immer heiß begehrte Barrios wegen weniger Spielanteilen den Verein wechseln. Doch statt zu einem europäischen Topklub zog es ihn, für viele überraschend, nach China zu einem Klub namens Guangzhou Evergrande. Hier kommt dann wieder der Immobilienkonzern ins Spiel.


Verluste bei Fußball und Kerngeschäft

Denn 2010, also kurz bevor Barrios den Weg nach China fand, übernahm der Immobilienkonzern den damaligen Zweitligisten und war damit einer der Wegbereiter für die Milliardenausgaben, die chinesische Unternehmen seitdem in den Sport pumpten – und versenkten. Allein der Evergrande-Klub verlor dreistellige Dollar-Millionensummen pro Jahr. Und: Das ist eben nicht die einzige Eigenschaft, die einigen westlichen Investoren rund um Evergrande verborgen blieb. Xu Jiayin, Chef des Immobilienkonzerns, soll sein Vermögen mit nicht immer legalen Methoden erworben haben. Und dass der Konzern nicht nur mit seinem Fußballverein, sondern auch mit dem Kerngeschäft in finanzielle Schieflage geriet, überraschte die breiten Finanzmärkte dann doch und führte zu einem starken Beben am chinesischen und einem mittelschweren an den sonstigen internationalen Börsen.

Die gesamte Story rund um Barrios, Xu Jiayin und Evergrande zeigt, dass der chinesische Kapitalmarkt eben doch nicht ganz durchschaubar ist – erst recht aus westlicher Sicht nicht. „Mir scheint es, als hätte es zuletzt eine gewisse Sorglosigkeit rund um China-Investments gegeben. Es ließ sich schnell vergessen, dass in China eine sozialistische Einheitspartei an der Macht ist und viele Finanzinfrastrukturen noch in der Entwicklung stecken“, meint Martin Stürner, Vorstand der PEH Wertpapier AG. Zwar kamen die Aktien der Immobilienentwickler bereits zuvor durch härtere Kreditregeln unter Beschuss, als ernsthafte Gefahr war die Situation um Evergrande aber nur wenigen Investoren ein Begriff. Insgesamt soll der Evergrande-Konzern mit umgerechnet 300 Milliarden Dollar verschuldet sein, die wohl nicht alle bedient werden können. Zuletzt ließ der Immobilienentwickler die Frist für die Zahlung von Zinsen für Übersee-Anleihen im Wert von 83,5 Millionen Dollar verstreichen, weitere Fälligkeiten in den kommenden Tagen erscheinen deshalb fraglich. Die chinesische Regierung soll bereits Vorbereitungen für die Insolvenz von Evergrande getroffen haben – immerhin waren nur wenige westliche Banken mit dem Immobilienkonzern in Geschäftsbeziehungen verwickelt.


Risiko bleibt

Die Bedenken, dass diese Pleite des zeitweise wertvollsten Immobilienunternehmens der Welt die Finanzmarktstabilität gefährden könnte, sind dennoch nicht ausgeräumt. „Der erwartete Zahlungsausfall der Evergrande Group ist Ausdruck der bewussten Bemühungen Chinas, die Disziplin im Finanzsektor zu verbessern", sagt Eiko Sievert, Director bei Scope Ratings, zu den Plänen, Evergrande wohlmöglich wirklich bankrott gehen zu lassen. „Obwohl die Möglichkeit einer Eskalation zu einer weitreichenden Kreditkrise nicht ausgeschlossen werden kann, halten wir eine solch schwerwiegende Form der Ansteckung in diesem Stadium für unwahrscheinlich. Die internationalen Auswirkungen dürften sich daher über die Auswirkungen eines weniger dynamischen chinesischen Wachstums auf die Weltwirtschaft hinaus in Grenzen halten", prognostiziert Sievert.

So oder so: Die Diskussionen um China und die nicht immer ganz durchsichtigen Geschäftspraktiken der dortigen Firmen dürften bleiben. „Wir haben bereits 2020 wegen eines möglichen Delistings chinesischer Aktien von US-Börsen Vorkehrungen getroffen, weil das Risiko nicht abschätzbar ist“, erklärt auch Stürner. Er investiert mit dem PEH EMPIRE eigentlich in die größten Unternehmen der Welt – zu denen auch Evergrande hätte zählen können. Die jüngsten Bestrebungen der chinesischen Regierung, am Kapital- und Finanzmarkt aufzuräumen, haben die Risiken für Investoren weiterhin verschärft.


Anleger-Angst wird sichtbar

„Derzeit kommt zu den nicht immer ganz einfach zu analysierenden Fundamentalrisiken der einzelnen Unternehmen auch noch eine makroökonomische Komponente dazu“, erklärt Stürner mit Blick auf die angespannte Lage in China, die bereits einer Rezession ähnliche Züge annimmt. Zusätzlich wirke sich auch die veränderte Grundstimmung gegenüber China aus. Spätestens seit den Regulierungsbemühen der chinesischen Regierung gegenüber einigen Tech-Firmen zeigten sich Investoren verhalten. Daten aus dem CAPinside-Trend legen offen, dass die Zuflüsse in chinesische Aktienfonds nach dem Bestwert im März dieses Jahres drastisch abnahmen. Seit Juli zogen die Anleger netto sogar Kapital aus den Fonds ab.

„Auch das Sentiment in Bezug auf China hat sich massiv verändert. In den vergangenen Monaten sind zu viele unvorhersehbare Dinge geschehen, die Investoren berechtigterweise verunsichern“, meint Stürner, der die Marktstimmung für den PEH EMPIRE anhand von Mikro-, Makro- und Sentiment-Daten misst und immerhin flexibel auf überraschende Nachrichten aus dem Reich der Mitte reagieren kann. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sich das in den kommenden Wochen noch auszahlen dürfte – und das nicht, weil der inzwischen in Guangzhou FC unbenannte Ex-Fußballklub von Evergrande und Lucas Barrios weitere Großtransfers an Land ziehen dürfte.

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