Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

China - von Anlegern ignorierte Supermacht

China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, aber in den Depots deutscher Investoren deutlich unterrepräsentiert. Ein Versäumnis. Die Corona-Krise dürfte das Land bald hinter sich lassen, den Status als Schwellenland vielleicht auch.

Das Reich der Mitte war als Erstes von der Corona-Krise betroffen. Es folgte ein Lockdown mit einem überwiegenden Stillstand der Wirtschaft. China kam aber auch als Erstes wieder langsam heraus aus der Krise und erholt sich bereits vom wirtschaftlichen Schock. Im Mai produzierte die chinesische Industrie 4,4 Prozent mehr als vor einem Jahr, und die Einzelhandelsumsätze lagen nur noch 2,8 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Analysten erwarten sogar, dass die chinesische Wirtschaft im zweiten Quartal ein Wachstum von 2,5 Prozent verzeichnen könnte, und auch für das Gesamtjahr wird mit einem Zuwachs gerechnet. Endlich wieder positive Konjunkturdaten.

Das spiegelt sich auch an der Börse wider. Während der DAX seit Jahresbeginn ein Minus von etwa sechs Prozent verbucht, haben chinesische Festlandaktien ihre Verluste in diesem Jahr fast wieder aufgeholt. „Echtzeitindikatoren wie Kohleverbrauch, U-Bahnverkehr oder Stauaufkommen deuten darauf hin, dass sich die Erholung der Konjunktur fortsetzt – den Aktienmarkt könnte dies weiter stützen“, schreibt Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank in seinem täglichen Newsletter. „Der jüngste Coronavirus-Ausbruch in Peking birgt zwar ein Risiko, doch solange er örtlich begrenzt bleibt, wird er die ökonomische Erholung voraussichtlich nicht stoppen.“


China öffnet Finanzmärkte

Und den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas wohl auch nicht. Experten gehen davon aus, dass das Land bis 2030 zur größten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen sein wird und die USA auf die Plätze verweist. Daran dürfte auch der Handelskonflikt nichts ändern. China wächst dreimal so schnell wie andere Staaten, auch als die USA. Wachstumsraten von sechs bis acht Prozent werden prognostiziert, auch wenn die Corona-Krise natürlich ein Dämpfer ist. Fakt ist: China wird für Anleger immer spannender, auch weil das Land schrittweise seine Finanzmärkte öffnet. Das bringt Chancen für Investoren.

Das Potenzial Chinas ist groß. Während in den Industrienationen Europas und auch in Japan die Bevölkerung schnell altert und immer weniger Menschen arbeiten, profitiert China - mit rund 1,4 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Welt  - davon, dass ein relativ großer Anteil der Bevölkerung jünger und damit im arbeitsfähigen Alter ist. Ein Treiber für das Wachstum ist die Technologie. China investiert massiv in die Digitalisierung, immer mehr höherwertige Arbeitsplätze entstehen. Die Mittelschicht im Land wächst, die Einkommen steigen und mit ihnen der Konsum.


Künstliche Intelligenz als Wachstumstreiber

Das Projekt „Made in China 2025“ der Regierung befeuert diesen Trend: Bis zum Jahr 2025 sollen 70 Prozent der Industrieroboter, 40 Prozent der Mobiltelefon-Chips und 80 Prozent der Ausrüstung für erneuerbare Energien in China selbst produziert werden. Fünf Jahre später sollen zudem 80 Prozent der Komponenten, die zur Produktion von künstlicher Intelligenz notwendig sind, im Land gefertigt werden. So soll die Abhängigkeit von Importen, zum Beispiel bei Mikroprozessoren, verringert werden. Allein 2018 investierte China für Forschung und Entwicklung 300 Milliarden Dollar und zählt auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz und Digitalisierung schon heute zu den Vorreitern. Auch bei Halbleitern und Bauteilen für die Informationstechnologie holt das Land auf.


Aufstieg zur Industrienation?

Doch obwohl China die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist, wird das Reich der Mitte immer noch als Schwellenland eingestuft. Geschuldet ist das den Richtlinien von Indexanbietern wie MSCI. Vor allem weil Chinas Kapitalmarkt für ausländische Investoren bisher schwer zugänglich war, gab es nicht das Gütesiegel „Industrienation“. Das könnte sich in den kommenden Jahren ändern. „Bemerkenswert ist der Fokus, den die chinesischen Behörden darauf legen, ihre Kapitalmärkte zu öffnen und sicherzustellen, dass Unternehmen durch eine attraktive Dividendenpolitik Minderheitsaktionäre belohnen und transparenter in allen ESG-Aspekten sind“, sagt Catherine Yeung, Investment Director bei Fidelity International.

Auch die Prognosen für die künftigen Finanzströme sprechen für das Reich der Mitte. „Angesichts der Größe Chinas auf der globalen Wirtschaftsbühne erwarten wir seit vielen Jahren, dass Chinas Position auf den Kapitalmärkten wächst“, ergänzt Yeung. Im vergangenen Jahr wurden A-Aktien, also Aktien vom chinesischen Festland, in globale Indizes aufgenommen. Dieser Trend werde sich wahrscheinlich fortsetzen. Im Zentrum steht der bekannte Index MSCI World. In diesem Index haben die USA einen Anteil von 56,6 Prozent, China dagegen kommt nur auf 4,3 Prozent. Viel zu wenig, wenn man die tatsächliche Wirtschaftskraft betrachtet. Dieser Anteil dürfte in den kommenden Jahren steigen, eben auch weil China seinen Kapitalmarkt weiter öffnen dürfte.


Expertise vor Ort wichtig

Obwohl all das für Investments spricht, spielt das Land in den Depots deutscher Anleger bisher kaum eine Rolle, obwohl der Einstieg relativ einfach wäre. Rund 100 China-Aktienfonds gibt es laut Scope Analysis. Einige investieren vorwiegend an den chinesischen Festlandsbörsen Schanghai und Shenzhen, andere eher in Hongkong und mitunter auch in Taiwan. Und im Vergleich zu ihrer Benchmark schneiden die sogar ziemlich gut ab. „Wir sind nach wie vor der Ansicht, dass ein aktives Management chinesischer Aktien ein attraktiver Investitionsansatz ist - der Markt bietet viel Auswahl, und der Markt für A-Aktien kann schwierig zu verstehen sein, da er nach wie vor eher von Kleinanlegern getrieben wird, sodass die Fähigkeit, sich vor Ort in den Risiken und Chancen zurechtzufinden, von größter Bedeutung ist“, sagt Fidelity-Expertin Yeung.

Auch Mark Davids, Co-Head des Asia-Pacific-Aktienteams bei J.P. Morgan Asset Management und Manager des Asia Growth Fund, ist überzeugt, dass Investoren es sich nicht mehr leisten können, China und Asien zu ignorieren. Sicherlich stellen das Coronavirus und die Reaktionen darauf kurzfristig Risiken für die Region dar, Davids behält jedoch sein Vertrauen in die strukturellen Veränderungen in der Region, die seine Strategie prägen. „Die Schlagzeilen beeinflussen natürlich die Stimmung an den Märkten und sorgen für Schwankungen. Aber wir fokussieren uns hauptsächlich auf die inländische Wachstumsstory in China und ganz Asien“, sagt er. „Und Schwankungen in den Schwellenländern sind erfahrungsgemäß ja auch nichts Ungewöhnliches. Im Gegenteil, sie bieten immer wieder Gelegenheiten, Marktineffizienzen auszunutzen und zu einem vernünftigen Kurs in gute Unternehmen zu investieren.“


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