Das Ende der Kapitallebensversicherungen?

Anleger und Sparer müssen auf absehbare Zeit weiter mit weiter niedrigen Spar- und Anleihezinsen leben – trotz steigender Preise und anziehenden Inflationsraten. Besonders gefährdet sind in diesem Szenario die in Deutschland so beliebten Kapitallebensversicherungen.

Rund 88 Millionen Lebensversicherungsverträge gibt es in Deutschland, statistisch gesehen hat also jeder Deutsche mehr als eine Lebensversicherung. Und so schreibt das Handelsblatt am 13. Juli 2018 in seiner Titelstory: „Magere Zeiten – Was Le­bensversicherungen jetzt noch bringen“ ausführlich über den „Niedergang eines Klassikers“.

Die Zeitung zitierte aus einem vor Kurzem bekannt gewordenen 25 Seiten dünnen Strategiepapier des Bundesfinanzministeriums mit dem spröden Titel „Evaluierung des Lebensversicherungsreformgesetzes“. Darin beschäftigt sich das Ministerium mit dem Änderungsbedarf für das im Jahr 2014 eingeführte Gesetzeswerk. Insbesondere eine Passage auf Seite 15 regt zum Nachdenken an. Danach unterliegen „derzeit 34 Lebensversicherer“ einer intensivierten Aufsicht durch die Bundesanstalt für Finanz­dienstleistungsaufsicht (BaFin). Es handelt sich dabei um „Unternehmen, bei denen sich aus der jährlichen Prognoserechnung ergibt, dass sie mittel- bis langfristig finanzielle Schwierigkeiten haben könnten“, so das Handelsblatt weiter.

Kein Wunder, denn die Lebensversicherer versprechen ihren Kunden im Schnitt 2,9 Prozent Zins, erwirtschaften zurzeit aber noch nicht einmal zwei Prozent Rendite. Das bedeutet für etwa jeden dritten Anbieter, dass die Kapitalerträge nicht ausreichen, um die Zinsgutschriften für die Kunden abzudecken.

 

Probleme auch bei kräftigem Zinsanstieg 

Und auch die Ratingagentur Moody’s machte Anfang August in ihrem Ausblick für die Versicherungsbranche deutlich: „Auf die deutschen Lebensversicherer kommen hohe Risiken zu, sollten die Leitzinsen weiterhin so niedrig bleiben wie aktuell.“ Umgekehrt dürfen die Zinsen aber auch nicht allzu stark steigen, sonst „bestehen auch im Lebensversicherungssektor Risiken aus einem unerwartet starken Zinsanstieg.“ Denn dann „haben Versicherungsnehmer bei deutlich höheren Zinsen einen Anreiz, ihre Lebensversicherungen zu kündigen und somit finanzielle Mittel von den Versicherern abzuziehen.“ Und weiter: „Unternehmen mit geringer Eigenkapitalausstattung und geringen laufenden Erträgen könnten bei einem starken Zinsanstieg in die Nähe einer Überschuldung geraten.“

Sogar Bundesbankpräsident Jens Weidmann hat auf das systemische Risiko der Versicherungswirtschaft hingewiesen und vor einer abrupten Zinswende gewarnt. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel (vom 30. Juni 2018) fragt daher zu Recht: „Lohnt sich die Lebensversicherung noch?“ und der Finanzanalytiker Volker Looman wirft in seiner Analyse „Verunsicherung über die Zukunft der Versicherungen“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4. September 2018) die alles entscheidende Frage auf: „Wie stabil ist die Ablaufleistung?“ Denn die mit Abstand wichtigste Überlegung bei einer Lebensversicherung sei die Sicherheit des Geldes.

Und genau diese Sicherheit ist nicht mehr gewährleistet, da können die an einem rei­bungslosen Weiterbestehen der Lebensversicherer interessierten Politiker noch so viel erzählen. Erst im Januar 2016 wurde der Paragraf 314 des Versicherungsaufsichtsgesetzes geändert, der den staatlichen Aufsichtsbehörden einen direkten Zugriff auf die Ersparnisse der Lebensversicherungskunden ermöglicht.

 

Direkter Zugriff ist möglich

Die Auszahlung von Geldern und sogar die Versicherungssummen können von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) neu festgelegt werden. Der Paragraf 314 ermöglicht der staatlichen Aufsichtsbehörde den direkten Zu- und Eingriff auf und in die Ersparnisse von Lebensversicherungskunden. Was dann in letzter Konsequenz dazu führt, dass die Versicherten teilweise oder ganz auf ihre Ansprüche verzichten müssten.

Der Autor Sven Enger wird in seinem Buch „Alt, arm und abgezockt“ sogar noch deutlicher: „Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Schwierigkeiten mindestens eines relevanten Lebensversicherers so groß werden, dass er unter der Last zusammenbricht.“ Und dann „wird beim Crash eines Versicherers gewissermaßen nach Kassenlage verfahren. Die Aufsichtsbehörde kann die Ansprüche der Versicherten praktisch nach eigenem Ermessen ‚herabsetzen‘, und sie darf die Versicherungsnehmer hierbei sogar ‚ungleichmäßig‘ behandeln.“ Im Anlagemagazin €uro (03/2018) wird Enger noch deutlicher: „Dem Geschäftsmodell der Lebensversicherung droht ein Crash. Für einige Firmen wird der Absturz nicht abzuwenden sein. Ersparnisse gehen verloren.“ Sein Rat: raus aus der Lebensversicherung und retten, was zu retten ist.

Es handelt sich bei diesem Szenario keineswegs um „Schwarzmalerei“ oder gar „Verschwörungstheorien“, mit denen wir von Schmitz & Partner AG unsere Kunden oder Interessenten verängstigen wollen. Es wird zwar tatsächlich nicht viel darüber in den Medien berichtet, aber Experte Enger hat für diese „mediale Erstarrung eine aus unserer Sicht gute Erklärung: „Wer die Krise der Lebensversicherer öffentlich ins Bewusstsein rückt, droht sie zunächst einmal zu verstärken und wird somit das Eintreten des vorhergesagten Crashs vermutlich beschleunigen. Ein klassischer Fall von Selffulfilling Prophecy.“

Anzeichen für einen Crash der Lebensversicherungen verdichten sich bereits. So verkauft beispielsweise der italienische Versicherungskonzern Generali seine deutsche Tochter Generali Leben – immerhin mit rund vier Millionen Kunden der zweitgrößte Lebensversicherungskonzern in Deutschland – an die Abwicklungsplattform Viridium.

 

Resterampe-Geschäfte 

Auch in diesem Fall wird der Buchautor Sven Enger deutlich und schreibt: „Andere [Lebensversicherer] verkaufen die Verträge über die Köpfe der Versicherten hinweg an spezialisierte Abwicklungsfirmen, so genannte Run-off-Gesellschaften, die mit den Lebensversicherungen von der Resterampe Geschäfte machen wollen. So landen viele der von den Bürgern besparten Policen auf der ‚Müllkippe‘ der Versicherungsindustrie. Werden die Policen ausgelagert, wird das Problem aber nicht gelöst, sondern nur verlagert. Am Ende droht den Versicherten gar der Verlust ihrer gezahlten Beiträge.“

 

Das Handelsblatt (13. August 2018) bemerkt in diesem Zusammenhang: „Der Deal zwischen der Generali und Viridium ist nicht nur die bisher größte Transaktion dieser Art in Deutschland. Sie markiert eine Zäsur in der Geschichte der deutschen Versicherungsbranche.“ Und Sven Enger ergänzt: „Die Lebensversicherung, in der Bundesrepublik für viele Menschen jahrzehntelang ein Synonym für Sicherheit und Solidität, liegt auf dem Sterbebett. Und alle schauen beim Sterben zu.“