„Das Interesse am nachhaltigen Investieren nimmt auch im Family Office zu“

Dr. Christoph Kind von Marcard, Stein & Co im Interview mit Markus Hill

Kernthemen für Multi Family Offices sind Asset Allocation und Produktauswahl. Markus Hill* sprach für IPE-D.A.CH mit Dr. Christoph Kind, CIO von Marcard, Stein & Co über die Bedeutung dieser Themenfelder für die Mandantenbetreuung. Zusätzlich betrachtet wurden Bereiche wie Managerauswahl, Research und die Meinung zu Themen wie ESG, SRI und Impact Investing. Auch in diesem Jahr wird Herr Kind diese und andere Themen am 25. Juni auf dem FundForum International in Kopenhagen auf einem Panel mit anderen Family Offices diskutieren.

 

 

Dr. Christoph Kind, Volkswirt, Chief Investment Officer (CIO) bei Marcard, Stein & Co.,
 ist im Family Office-Bereich verantwortlich für die Bereiche Asset Allocation,
 Research und Produktauswahl im Kapitalmarktbereich. Zusätzlich hält er
 als Dozent Vorlesungen an der Hochschule Ludwigshafen im Bereich Portfolio Management.

Wie sieht der Investmentprozess im Generellen bei Ihnen aus?

Kind: Der Investmentprozess beginnt bei uns mit der Erfassung, Bewertung und Analyse des Gesamtvermögens. Im Gespräch mit der Familie werden Anlageziele, Renditeerwartungen, Risikoeinstellungen und Anlagerestriktionen ermittelt. Auf dieser Basis erfolgt eine strategische Asset Allocation, die auf realistischen Annahmen zur erwarteten Rendite und dem erwarteten Risiko einzelner Assets sowie der Korrelation zwischen den Assetklassen beruht. Neben den liquiden Assetklassen werden bei der strategischen Allokation auch Immobilien und Beteiligungen berücksichtigt.
Die Analyse des aktuellen Kapitalmarktumfelds führt zu einer taktischen Asset Allocation, die die strategische Ausrichtung innerhalb vorgegebener Bandbreiten variieren kann. Bei der Portfoliokonstruktion werden Direktanlagen, Investmentfonds und Vermögensverwaltungsmandate kombiniert sowie steuerliche und rechtliche Aspekte einbezogen. Auf der Basis des aktuellen Reportings erfolgt die Performanceanalyse und -attribution. Der gesamte Investmentprozess ist vom Grundgedanken der Diversifikation bestimmt. Durch Diversifikation können unnötige Risiken vermieden und entlohnte Risiken gezielt eingegangen werden.
 

Welche Bedeutung hat die Asset Allocation für Sie in diesem Zusammenhang?

Kind: Die Asset Allocation hat eine zentrale Stellung im Anlageprozess. Die strategische Asset Allocation bestimmt die langfristige Ausrichtung des Vermögens. Rund zwei Drittel des Vermögens werden strategisch angelegt, entweder als Buy-and-Hold-Investments oder in extern verwalteten Teilvermögen. Ein Drittel dient als Manövriermasse für die taktische Asset Allocation.
 

Setzen Sie für Ihre Entscheidungsfindung hier eigenes oder fremdes Researchmaterial ein?

Kind: Research spielt eine entscheidende Rolle für gute Beratung und fundierte Entscheidungen. Marcard arbeitet nicht nur mit renommierten internationalen Researchanbietern zusammen, sondern erstellt auch eigene Studien und Publikationen. Das Spektrum reicht hier von der aktuellen Marktkommentierung über umfassende Ausblickspublikationen bis hin zu kundenindividuellen Ausarbeitungen.
 

Wie wählen Sie Asset Manager aus, welche Besonderheiten bei der Due Diligence gibt es bei Ihnen?

Kind: Die Auswahl von Vermögensverwaltern und Fonds basiert auf den 5 P’s: Parent, People, Process, Price, Performance. Wir analysieren im ersten Schritt die Organisations- und Eigentümerstruktur des Managers, dessen Regulierung, rechtliche Struktur, Personalfluktuation, wirtschaftliche Lage und Unternehmenskultur. Im zweiten Schritt werden die handelnden Personen auf ihre Qualifikation, Erfahrung, Erfolge und Incentivierung untersucht. Die Anlagephilosophie, der Investmentprozess, die Verantwortlichkeiten sowie die Skalierbarkeit und Konsistenz der Anlagestrategie werden im dritten Schritt überprüft. Im vierten Schritt werden das Gebührenmodell und dessen Anreizstruktur analysiert. Im fünften Schritt kommt die Performance ins Spiel. Sie wird innerhalb der Peer Group analysiert und zwar sowohl absolut als auch risikoadjustiert. Wichtig ist eine konsistente und nachhaltige Outperformance der Peer Group.
 

Welche Themen sind für Sie bei der Mandatsvergabe besonders interessant?

Kind: Die Kunden des Family Office investieren in ein breites Spektrum von Assets. Externe Mandate werden vor allem bei Spezialthemen wie zum Beispiel Emerging Markets, Wandelanleihen, Hedgefonds oder Nebenwerten vergeben.
 

Wie betrachten Sie Themen wie ESG, SRI, Impact Investing – Hype- oder Standardthema mit Langfristcharakter für Sie?

Kind: Das Interesse am nachhaltigen Investieren nimmt auch im Family Office zu. Die Frage nach den Folgen des eigenen Handelns für Umwelt und Gesellschaft gewinnt bei vielen Kunden an Bedeutung. Dabei setzt sich auch zunehmend die Einsicht durch, dass Nachhaltigkeit weder die Investitionsmöglichkeiten übermäßig einschränkt noch Rendite kostet. Bei großen und komplexen Vermögen sind Nachhaltigkeitsanalysen schon alleine deswegen nötig, um Risiken zu identifizieren, die sich nicht aus der klassischen Betrachtung eines Portfolios ergeben. Viele Kunden nutzen inzwischen diese Einsichten, um Ausschlusskriterien zu definieren oder aktiv in besonders nachhaltige Unternehmen und Strategien zu investieren. Nachhaltigkeit ist daher mehr als nur ein Trend, sondern wird das bestimmende Thema in den kommenden Jahren sein. Dazu trägt, wie die aktuellen Vorschläge der EU-Kommission zeigen, auch die Regulierung bei. Dieses Thema verfolgen wir schon länger intensiv. Wie im Vorjahr werde ich mich auch in diesem Jahr am 25. Juni mit einigen anderen Family Offices wieder auf dem FundForum International in Kopenhagen auf einem Panel neben anderen Themen auch zu diesem Thema intensiver austauschen.

*Markus Hill ist unabhängiger Asset Management Consultant in Frankfurt am Main. Kontakt: info(at)markus-hill.com; Website: www.markus-hill.com
 

Dieses Interview wurde ursprünglich bei IPE Institutional Investment veröffentlicht.