„Das Thema Nachhaltigkeit muss zukünftig bei jeder Beratung zur Sprache kommen“

Die Vorschriften der Europäischen Union bezüglich nachhaltiger Investments treffen alle Finanzdienstleister. Sie müssen das Interesse an der Nachhaltigkeit in der Geldanlage bei ihren Kunden abfragen und Informationen über dieses Thema zur Verfügung stellen, sagt der Münchner Rechtsanwalt Sebastian Wintzer aus der bank- und kapitalmarktrechtlich orientierten Kanzlei Waigel.

CAPinside: Berater müssen künftig in jedem Gespräch nachhaltige Geldanlagen ansprechen. Wie soll das praktisch aussehen?

Sebastian Wintzer: Im Rahmen der EU-Nachhaltigkeitsgesetzgebung müssen von Finanzdienstleistern demnächst die Wertpapieranalysebögen (oder WpHG-Bögen) so angepasst werden, dass an den relevanten Stellen die nachhaltigen Investitionsziele der Anleger abgefragt werden. Damit hat der Anleger die Möglichkeit, nachhaltige Anlagewünsche und -ziele im Strategiegespräch zu äußern und entsprechend zu gewichten. Eine Verpflichtung zum Angebot nachhaltiger Investments entsteht dadurch für Asset Manager und Berater natürlich nicht, aber das Thema wird jedes Mal automatisch zur Sprache kommen und wenn Anleger dann entsprechende Anlagewünsche äußern, muss der Berater solche Anlagen anbieten können, andernfalls muss er die Beratung abbrechen.

 

Entstehen dadurch für den Berater zusätzliche Dokumentationspflichten und wie sehen diese aus?

Sebastian Wintzer: Sowohl vorvertraglich als auch in der laufenden Zusammenarbeit müssen im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit mehr Informationen bereitgestellt werden. Auf der Website müssen beispielsweise die Strategien zur Vermeidung von Nachhaltigkeitsrisiken bei den Kunden dargestellt werden. In den vorvertraglichen Informationen und Prospekten sind zusätzlich die möglichen Auswirkungen dieser Nachhaltigkeitsrisiken auf die Rendite anzugeben. Somit muss sich ein Haus mit den Nachhaltigkeitsrisiken seiner Kunden auch dann beschäftigen, wenn es seinen Kunden überhaupt keine nachhaltigen Investments anbieten möchte. Ebenso soll es Hinweise zur Vergütungspolitik geben, inwiefern dabei Anreize geschaffen werden, nachhaltige Investmentstrategien zu berücksichtigen. Die Berichtspflichten in einer laufenden Geschäftsbeziehung müssen dann zusätzlich Informationen zur Entwicklung der nachhaltigen Produkte in Bezug auf die Erfüllung der Nachhaltigkeitsziele enthalten.

 

Welches Risiko entsteht, nicht nachhaltig zu investieren? Werden Verstöße von Beratern bestraft?

Sebastian Wintzer: Wie gesagt, ein Berater unterliegt keiner grundsätzlichen Pflicht, nachhaltige Investments in sein Produktspektrum aufzunehmen. Andererseits ist es so, wenn ein Anleger nachhaltig investieren möchte, muss der Berater ihm dann auch ein nachhaltiges Produkt anbieten. Jede andere Empfehlung würde gegen das Gebot verstoßen, dass die Berater ihren Kunden ausschließlich für sie geeignete Produkte empfehlen müssen. Falls gegen diese Pflichten verstoßen wird, greifen die üblichen aufsichtsrechtlichen Sanktionen in Form von Bußgeldern. Zivilrechtlich kann eine Schadensersatzpflicht wegen fehlerhafter Beratung gegenüber den Kunden drohen.

 

In welches Regelwerk werden die künftigen Verpflichtungen eingebunden? Gibt es Ausnahmen von dieser Regelung?

Sebastian Wintzer: Teils werden die neuen Regeln in die bestehenden MiFID-Gesetzesmaterialien integriert, teils werden neue europäische Verordnungen geschaffen. Wir gehen davon aus, dass irgendwann auch die Finanzanlagenvermittler diese Regeln beachten müssen. Im Übrigen könnte es so kommen, dass im Rahmen der durch die MiFID geforderten regelmäßigen Aktualisierungen der Wertpapieranalysebögen nicht nur die Neukunden, sondern auch die Bestandskunden nach ihren Nachhaltigkeitszielen gefragt werden müssen.

 

Welche konkreten Vorteile für Berater können sich aus den neuen Vorgaben ergeben?

Sebastian Wintzer: Natürlich entwickeln sich daraus große Chancen für neue Anlagestrategien, indem sich neue Produkt- und Themenfelder besetzen lassen. Je größer das Interesse der Anleger wird, desto größer können die Renditechancen werden. Die EU-Kommission hätte dadurch ihr erklärtes Ziel erreicht. Sie möchte so viel privates Kapital wie möglich in das Segment der Nachhaltigkeit lenken, damit Europa seine Klimaschutzziele erreicht.

 

Gibt es bestimmte Vorgaben an die Entwicklung einer Investmentstrategie im Rahmen der EU-Taxonomie für ökologische Nachhaltigkeit?

Sebastian Wintzer: Nachhaltigkeitsstrategien müssen den Vorgaben der EU-Taxonomieverordnung entsprechen, das heißt, sie müssen einen wesentlichen Beitrag zur Verwirklichung einer oder mehrerer Umweltziele leisten. Was einen solchen wesentlichen Beitrag darstellen kann, wird in zusätzlichen Evaluierungskriterien festgelegt. Erst kürzlich hat eine Arbeitsgruppe der EU Kommission konkrete Vorschläge dazu erarbeitet. Aber nicht nur neue Strategien müssen einen wesentlichen Beitrag zu einem Umweltziel leisten, sondern das gilt für alle Finanzprodukte, die das Label der Nachhaltigkeit oder von „grün“ tragen wollen. Wo „grün“ draufsteht, muss nach der Vorstellung der EU Kommission auch „grün“ drin sein. Im schlimmsten Falle könnte ein Verwalter für eine Strategie, die vorgibt, nachhaltig zu sein, aber nicht den EU-Regeln entspricht, im Falle eines Kapitalverlustes zu Schadenersatz verurteilt werden.

 

Wie bereiten sich Berater am besten auf diese ‚neue Welt‘ vor und wie ist der Zeitplan für die Umsetzung?

Sebastian Wintzer: Der offizielle Zeitplan, noch in diesem Jahr fast alle Regeln zu beschließen, war sehr ambitioniert und wird wahrscheinlich nicht mehr haltbar sein. Wir gehen jedoch davon aus, dass die meisten Vorschriften bis 2021 implementiert sein werden. Deswegen ist es wichtig, dass sich Häuser frühzeitig mit diesem Thema befassen und die strukturellen Veränderungen planen. Die Auswirkungen sind umfassend. Aber anders als bei vielen anderen Gesetzesinitiativen, die neue Regulatorik bringen, können diese Reformen neue Chancen bieten. Ich bin optimistisch, dass wir durch das neue Regelwerk beim Thema Umweltschutz ein gutes Stück vorankommen können.