Das Zertifikat wird 30: So jung und doch schon ein Klassiker

In den Wirren der Corona-Krise ist wenig Zeit für ausufernde Feiern. Dabei hätte das Zertifikat wegen seiner Erfolgsgeschichte zum 30-jährigen Geburtstag eine ordentliche Sause verdient. Aus diesem Grund sprach CAPinside mit Matthias Hüppe, Leiter Derivatives Public Distribution bei HSBC Deutschland.

Vor ziemlich genau 30 Jahren erblickte das erste Zertifikat das Licht der Börse. Welche Erkenntnisse für das restliche Börsenleben hat die Branche seitdem gemacht?

Hüppe: Ich glaube, dass ehrlich, transparent und einfach am längsten währt. Das ist wie bei Autos. Ich habe noch ein altes und technisch solides 124er Mercedes-Cabrio, das immer noch genauso funktioniert wie vor 30 Jahren. Trotz seines Alters finden Leute wie ich heute noch, dass es ein schönes und gutes Auto ist. Irgendwelche Exoten allerdings, die es damals auf den Straßen gab, die fahren heute gar nicht mehr. Der solide Klassiker hat sich also durchgesetzt. Bei Autos und bei Zertifikaten.


Ein Mercedes-Cabrio oder auch der VW Käfer bei den Autos – aber was ist denn der Klassiker bei den Zertifikaten?

Hüppe: In den Jahresberichten der Börsen Frankfurt und Stuttgart wurden fast die Hälfte der Umsätze bei Anlageprodukten in Discountzertifikaten gezählt. Das ist eines der transparentesten Produkte am Markt und funktioniert schon seit 1995.  Es sind vor allem institutionelle Kunden wie Vermögensverwalter und die Selbstentscheider, die  „Discounter“ seit Jahrzehnten einsetzen. Langfristig entscheidet halt der Kunde, welche Strukturen das Rennen machen. Und Discountzertifikate erfreuen sich dank der Einfachheit und Transparenz seit Jahrzehnten stetiger Nachfrage. Die Klassiker sind also wie bei den Autos die einfachen und soliden Produkte.


Das erste Zertifikat war tatsächlich ein simpler Dax-Tracker…

Hüppe: Die Zertifikate hatten es von ihrem Start an nicht einfach. Einfach, transparent und kostengünstig: Das Indextracker-Zertifikat, über das wir heute vielleicht lachen, war damals eine totale Innovation. Diese Innovation gab es, weil die Kunden und Selbstentscheider sie gefordert haben. Die Kunden haben diese Produkte deswegen gestützt – weniger aber der klassische Vertrieb. Damals ließ sich im Vertrieb mit Ausgabeaufschlägen bei Fonds eine Menge Geld verdienen.


Es gab den Neuen Markt und die Finanzkrise.  Discount-, Bonuszertifikate und Aktienanleihen haben diese Krisen trotzdem gut überstanden. Wie hat das geklappt?

Hüppe: Der große Vorteil dieser Strukturen ist einfach, dass es mit einem Zertifikat auch in seitwärts laufenden und fallenden Märkten möglich ist, eine positive Renditen zu erzielen. Und damit hat das Zertifikat seinen festen Platz in der Risiko-Rendite-Matrix gefunden. Denn sonst steht im Anlageuniversum oben die Aktie und ganz unten sind die Renten. Und in der Mitte? Zertifikate füllen genau den Part zwischen Rente und Aktie aus. Die aktuelle Krise ist nur die erneute Bestätigung für Zertifikate, dass sie funktionieren.

 

Inwiefern?

Hüppe: Wer in den letzten Jahren an der Börse investiert hat konnte wenig falsch machen. Bei allem Respekt: Es war schon schwer in den letzten Jahren kein Geld an der Börse zu verdienen. Jetzt trennt sich gerade die Spreu vom Weizen und man sieht, wer trotz der guten Entwicklung der letzten Jahre auch über die Risiken nachgedacht hat. Die Börse ist kein Feld für Glücksspieler, sondern für rationale Investoren. Und wer rational geblieben ist, konnte gerade jetzt dank defensiver Anlagezertifikate ruhiger Schlafen und dazu noch eine Outperformance erzielen.


Wie macht man mehr Menschen rational? 

Hüppe: Das ist ein Learning By Doing. Es ist wie der Anschnallgurt in meinem Mercedes. Auch nach über 25 unfallfreien Jahren würde ich doch niemals ohne den Anschnallgurt fahren. Beim Autofahren sind sich fast alle der Gefahr bewusst, im Depot haben viele das Thema aber vergessen und verdrängt. Das ist jetzt wieder in Augenschein getreten und deswegen fragen die Anleger jetzt auch wieder nach Absicherungen durch Zertifikate. Und das sind vor allem wieder die Selbstentscheider und Vermögensverwalter.

 

Werden die Selbstentscheider auch in den nächsten Jahren der wahre Treiber für das Wachstum bei Zertifikaten sein?

Hüppe: Gerade die Generation an neuen Investoren dürfte den Zertifikaten in Zukunft noch deutlich weiterhelfen. Denn das ist die Generation der Anleger, die auch auf Privatebene Selbstentscheider sind. Sie informieren sich über Freunde und Communities, und sie sind für  den klassischen Vertrieb längst außer Reichweite. Sie kommen nicht mehr in eine Filiale, sondern machen alles von ihrem Handy und PC aus. Auf ihren Handys und bei den Online-Brokern sind es die einfachen und verständlichen Strukturen, die im Mittelpunkt stehen und nicht die Exoten.


Womit wir wieder beim Thema Klassiker wären…

Hüppe: Das einfache, transparente und kostengünstige Zertifikat ist eben der Klassiker und wird sich deswegen weiterhin durchsetzen. Mein Tipp: Auch in 30 Jahren wird das Discountzertifikat das umsatzstärkste Anlageprodukt an den Börsen sein. Kunden am Schalter werden vermutlich auch in den kommenden 30 Jahren zu selten in den Genuss dieses Produktes kommen.




Matthias Hüppe ist Leiter Derivatives Public Distribution bei HSBC Deutschland.