Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Der größte Feind des Anlegers

Die Börse, das ist eine Geschichte von Obsessionen, Irrtümern und Übertreibungen. Psychologie pur! Wieso Investoren - Profis wie Privatanleger - so verdammt emotional handeln.

Der größte Feind des Anlegers schaut ihm jeden Morgen aus dem Spiegel entgegen“, sagte einst Benjamin Graham, Wirtschaftsprofessor und Lehrmeister von Superinvestor Warren Buffett. Damit brachte er es klar auf den Punkt: Wir lassen uns an der Börse von unseren Emotionen leiten und leider auch oft in die Irre führen. Gier, Harmoniesucht, selektive Wahrnehmung, auch Selbstbetrug und vor allem Angst, manchmal sogar Panik bestimmen unsere Anlageentscheidungen. Und das kostet leider oft Geld, viel Geld. Von Emotionen und emotionalem Handeln kann sich leider niemand freisprechen, kein erfahrener Anleger, kein Vermögensverwalter, kein Fondsmanager und selbst extrem erfolgreiche Investoren wie Buffett nicht. Sie haben ihre Emotionen nur (hoffentlich) sehr viel besser im Griff als Privatanleger.

Aber auch für sie gilt: Es gibt keinen Anleger aus Fleisch und Blut, den seine Emotionen nicht in seinem Handeln beeinflussen. Wir sind keine Roboter. Wissenschaftler sind trotzdem viele Jahre lang davon ausgegangen, dass Anleger einen kühlen Kopf bewahren. Die moderne Kapitalmarkttheorie hat dabei aber leider den Menschen vergessen. „Homo oeconomicus“ hieß das Fabelwesen, mit dem wir aber leider nicht besonders viel gemein haben. Den rationalen Investor gibt es nämlich leider nicht.

Die Wissenschaft kann zwar schöne, in sich logische Modelle entwickeln, mit der Wirklichkeit des Lebens und Handelns an der Börse haben die aber wenig zu tun. Der „Homo oeconomicus“ argumentiert und handelt streng logisch, er nimmt alle Informationen völlig unvoreingenommen auf und strebt permanent nach Gewinnmaximierung bei minimalem Einsatz von Zeit, Arbeit und Kapital. Emotionen wie Gier oder Angst sind ihm völlig fremd. Eigentlich perfekt, um an der Börse immer die richtigen Entscheidungen zu treffen und ihnen treu zu bleiben.

 

„Die Börse besteht zu 90 Prozent aus Emotionen“

Aber so ticken wir Menschen nicht. Weder sind die Finanzmärkte ein Hort der Rationalität, noch sind Anleger kühle Rechner. Das haben zum Glück auch die Wissenschaftler irgendwann erkannt und einen ganz neuen Forschungszweig geschaffen: die „Behavioral Finance“. Die Börse, das ist eine Geschichte von Obsessionen, Irrtümern und Übertreibungen. Oder um es mit dem legendären André Kostolany zu sagen: „Die Börse besteht zu 90 Prozent aus Emotionen.“ Zumindest kurzfristig, langfristig setzen sich die Fakten, also die restlichen zehn Prozent durch. Kurzfristig aber kochen die Emotionen hoch und die Kurse schlagen entsprechend heftig in die eine oder andere Richtung aus.

Zweifel, Zuversicht, Gier, Hochmut, Schreck, Hoffnung, Ratlosigkeit, Angst, Panik, Reue und Abscheu - wir durchlaufen bei der Geldanlage eine Vielzahl von Gemütszuständen. Es ist ein sich wiederholender Zyklus. Es sind immer wieder die gleichen Gedanken, die gleichen Reaktionen, die gleichen Fehler. Eigentlich wissen wir das auch, zumindest als erfahrene Anleger, als Profis sogar. Doch warum spielt uns unser Gehirn immer wieder diese Streiche? Warum tappen wir immer wieder in Psychofallen? Die „Behavioral Finance“ gibt Antworten.

 

Der Dispositionseffekt

Es ist ein weit verbreiteter Fehler: Wir verkaufen Gewinneraktien zu früh, halten aber an Nieten zu lange fest. Dieses typische Verhaltensmuster wird als Dispositionseffekt bezeichnet und ist im unterschiedlichen Risikoverhalten in der Gewinn- beziehungsweise Verlustzone begründet. Einen Gewinn einzustreichen tut gut und ist verlockender als die Aktie im Depot zu belassen. Denn schließlich besteht die Gefahr, die bereits erzielten Gewinne und im Zweifelsfall noch mehr zu verlieren. Das wäre wirklich schlimm. Und deshalb verzichten wir auf einen zusätzlicher Gewinn, der ja auch möglich wäre. Verluste nehmen wir eben zweieinhalb mal stärker wahr als Gewinne.

Apropos Gewinne: Weitere Profite würden wir längst nicht mehr in dem Maße wahrnehmen, wie den bereits erzielten Gewinn. Mit Verlusten ist es genauso: Auch hier nimmt unser Sensitivität ab, wenn es weiter abwärts geht. Der erste Verlust ist immer der schlimmste, weitere Verluste in gleicher Höhe empfinden wir nicht mehr stark. Halten wir auch deshalb immer viel zu lange an den Nieten fest? Ja. Zumal wir im Falle eines Verkaufes den Verlust ja auch zementieren würden. Die Niederlage wäre unwiderruflich. Das empfinden wir deutlich schmerzhafter als die Aussicht auf weitere Verluste. Bleibt die Verliereraktie im Depot, können wir uns außerdem vormachen, dass das Papier sicher bald den Turnaround schafft. Im Grunde verhalten wir uns also nach Gewinnen risikoscheu und nach Verlusten risikofreudig. Ein weit verbreitetes Phänomen, wie unzählige Studien belegen. Der Dispositionseffekt ist übrigens kein Phänomen, das nur Privatanleger trifft. Zwar ist er bei ungeübten Anlegern stärker ausgeprägt, aber auch institutionelle Investoren können sich davon nicht freimachen.

 

Schubladen, Schablonen, Störfaktoren

Ebensowenig vom Denken in Schubladen und Schablonen. Experten nennen das Heuristiken. Es sind im Grunde einfache Faustregeln, auf die das Gehirn zurückgreift, um Entscheidungswege abzukürzen. Das kann mal gut sein, oft ist es aber auch schlecht. Wir neigen beispielsweise dazu, uns an bestimmten Werten zu orientieren. Das können Allzeithochs sein oder runde Zahlen wie „Dax 12.000“ sein . Das nennt sich Verankerungsheuristik. Wir werfen quasi den Anker, nur fällt es uns schwer, ihn irgendwann wieder einzuholen. Zugegeben: Mit Heuristiken - mitunter können das auch Glaubenssätze oder Vorurteile à la „Die Börse ist ein Casino“ sein - haben eher Privatanleger zu kämpfen, aber mitunter eben auch die Profis.

Und dann wäre da noch die kognitive Dissonanz. Normalerweise sind wir harmoniesüchtig. Aber was, wenn unsere Einstellungen, Gedanken, Meinungen, Absichten, Motive und Wahrnehmungen nicht mehr miteinander vereinbar sind. Übersetzt: Was ist, wenn es an der Börse völlig anders läuft als erwartet? Wenn unsere Prognosen so gar nicht mehr stimmen wollen? Diese widersprüchlichen Empfindungen nennen Experten kognitive Dissonanz. Es ist ein äußert unbeliebter Störfaktor. Und natürlich sucht unser Gehirn sofort nach Strategien und Techniken, um ihn zu beseitigen oder zumindest abzuschwächen. Wir relativen Informationen, deuten sie um oder ignorieren sie gleich ganz. Denn andernfalls müssten wir uns ja Fehlentscheidung eingestehen. Wer will das schon? Also wird interpretiert, wegdiskutiert und verdrängt, was das Zeug hält. Bei der Geldanlage führt das dazu, dass wir Kursbewegungen fehl deuten. Eine rationale Betrachtung der aktuellen Lage wäre ratsamer. Aber wir sind eben Menschen, hoch emotional noch dazu.

Das sind nur einige Beispiele dafür, wie und warum uns unsere Psyche an der Börse oft teure Streiche spielt. Wir werden unsere Emotionen niemals abschalten können, aber wir können lernen, sie zu erkennen und sie zu kontrollieren.