Die 170-Milliarden-Frau: mal bewundert, mal verdammt

Ho Ching leitet den Staatsfonds Temasek mit Sitz in Singapur. Dieser ist jüngst beim deutschen Bayer-Konzern eingestiegen, was zur Strategie der Dame an der Spitze von Temasek passt: Ihre Finanzierungen zielen auf innovative Unternehmen.

Nach dem grünen Licht durch die Kartellbehörden konnte Bayer den Saatgutproduzenten Monsanto übernehmen, ein Megadeal von über 54 Milliarden Euro und der größte seiner Art in der Geschichte von Bayer. Dabei war Temasek als neuer Großaktionär maßgeblich beteiligt. Der Staatsfonds aus Singapur, dessen Name sich mit “Stadt am Meer” übersetzt, verwaltet rund 170 Milliarden Euro. Drei Milliarden steckte er in Bayer-Aktien. Die Temasek Holdings führt derzeit Ho Ching, geboren 1953, Mutter von vier Kindern und verheiratet mit Singapurs Premier Lee Hsien Loong. Unter ihrer Führung expandiert Temasek Holdings und legt die Gelder immer internationaler an. Dabei scheut Ho keine Risiken, die Geschäftsfelder betreffen die Biotechnologie, innovative Start-ups oder das Internet of Things. Ho war eine Vorzeigeschülerin, Beste ihres Jahrgangs und studierte Elektroingenieurin mit einem Stanford-Abschluss.


Ziele von Temasek

Der Staatsfonds ist mit der Führung des Stadtstaates Singapur eng verzahnt. Dieser hat kaum nennenswerte Industrie und keine Rohstoffe, er führt alle Lebensmittel und teilweise sogar Trinkwasser aus Malaysia ein. Die Wirtschaft basiert vorwiegend auf Dienstleistungen, die wenigen Industriebetriebe verarbeiten lediglich Rohstoffe und Halbzeuge. Die Dienstleistungswirtschaft basierte im 19. Jahrhundert auf dem Warenhandel wegen der günstigen Lage an Wasserwegen, später kamen der Bankensektor und periphere Finanzdienstleistungen hinzu. Damit ist Singapur überaus erfolgreich, jedoch muss sich seine Wirtschaft ständig neu erfinden. Das soll auch durch Investitionen von Temasek in innovative Wirtschaftszweige gelingen. Ho ist erfolgreich: Die Kapitalerträge des Fonds steuern einen beträchtlichen Beitrag zum Staatshaushalt bei, der Fonds konnte 2017 auf eine Wertsteigerung von immerhin 13 Prozent verweisen.


Staatsfonds mit Tradition

Singapur war britische Kolonie und wurde 1963 unabhängig. Ab 1965 spielte der Staatsfonds Temasek - neben dem zweiten Staatsfonds GIC - eine bedeutende Rolle bei der Neuorientierung des Stadtstaates. Beide Fonds investierten anfangs eher in landeseigene Unternehmen, später orientierte sich GIC eher konservativ-stabil, Temasek eher offensiv, risikobereit und international. Das ist von der Staatsführung Singapurs auch so gewollt. Dennoch gibt es viele inländische Kerninvestments von Temasek, darunter Singapore Airlines, Singapore Telecommunications, der Mischkonzern Keppel, die Bank DBS Group und der Immobilienentwickler Capitaland. Diese Unternehmen sind im Leitindex Straits Times gelistet. Die DBS ist die größte südostasiatische Bank, Temasek hält 29 Prozent am Geldinstitut. Allerdings machen die Investitionen in Singapurer Unternehmen nur noch ein Drittel der Temasek-Investitionen aus.


Internationalisierung mit Einfluss

Dass Temasek sich inzwischen sehr stark auf internationalem Parkett bewegt, ist ein starkes Verdienst von Ho Ching, die ihrem Fond damit großen Einfluss verschaffte und inzwischen selbst eine mächtige Frau wurde. Forbes listet sie auf Rang 28 der weltweit einflussreichsten Frauen. Sie setzt ihre internationale Einkaufstour unverdrossen fort. Bei Ant Financial, einem chinesischen Handy-Finanzdienstleister des Alibaba-Gründers Jack Ma, will sie größte Investorin werden. Die Spediteure von Kühne + Nagel in der Schweiz ließen sich auf ein Joint Venture mit Ho Ching ein, mit dem innovativen Logistik-Newcomern finanziell auf die Beine geholfen werden soll. Eine Temasek-Niederlassung wurde jüngst in San Francisco eröffnet. Ho denkt nicht ans Aufhören, obgleich es Kritik an der engen Verbandelung mit der Staatsführung gibt. Ein Ehepaar, dessen Frau einen 170-Milliarden-Staatsfonds leitet und dessen Mann gleichzeitig Premier und Finanzminister ist, vereint eine unglaubliche Machtfülle in der Familie. Dem Vorwurf des Nepotismus steuert Ho Ching allerdings mit übergroßer Bescheidenheit entgegen: Sie tritt in der Öffentlichkeit in einfachsten Kleidern auf und gilt als vollkommen unprätentiös.