Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Die besten Anlagestrategien Teil 1: Der Blick in deutsche Depots ist erschreckend

Von Strategie kaum eine Spur und auch an der Risikostreuung hapert es gewaltig. Die meisten Depots von Privatanlegern sind ein wildes Sammelsurium. Das muss sich ändern.

Ein paar Einzeltitel, vor allem aus dem Dax, den ein oder anderen Fonds, in der Regel bekannte Namen von den jährlichen Performance-Ranglisten, und dann vielleicht noch ein paar Zertifikate - so oder so ähnlich sehen viele Portfolios von Privatanlegern aus. „Gewinnen wir neue Kunden, sehen wir zwangsläufig, wie deren Depots bis dato aufgestellt waren“, sagt Stefan May, Leiter Anlagemanagement der Quirin Privatbank. „Das ist in der Regel sehr ernüchternd, um nicht zu sagen erschreckend.“ Es sind immer wieder die gleichen Anlegerfehler, die die Experten beobachten: zu wenig Streuung, damit verbunden viel zu hohe Risiken, wilde Sammelsurien von Einzeltiteln, überteuerte Produkte und der Versuch, durch Timing-Strategien den optimalen Ein- und Ausstieg in die Märkte zu finden.

Aber wie kommt es zu diesem Chaos im Depot? „Die meisten Privatanleger denken selten über ihr Gesamtportfolio nach“, sagt Dirk Rathjen, Vorstand des Instituts für Vermögensaufbau (IVA). „Sie kaufen Wertpapiere und Fonds, weil sie zum Zeitpunkt des Kaufs attraktiv erscheinen. Ob sich neue Käufe mit den bereits vorhandenen Positionen gut ergänzen, wird dabei meistens kaum beachtet, wenn überhaupt.“ Mit Strategie hat das natürlich wenig zu tun. Auch die Gewichtung einzelner Anlageklasse wird nicht beachtet. Wie hoch soll der Aktienanteil sein? Wie hoch sollen Anleihen oder Rohstoffe gewichtet sein? Viele Anleger machen sich auch darüber kaum Gedanken. Da wundert es nicht, das viele Depots gar nicht zum Risikoprofil ihrer Besitzer passen. Nicht die einzigen Fehler, die Privatanleger machen.

Ob bewusst oder unbewusst: Die Deutschen lieben es deutsch. „Besonders ausgeprägt ist die ‚Heimatliebe‘ der Deutschen“, sagt May. Auch eine Auswertung der Consorsbank hat vor einigen Wochen wieder gezeigt, dass von den 30 beliebtesten Aktien in den Depots ihrer Kunden 23 aus Deutschland stammen. Besonders gerne investieren Deutschlands Privatanleger übrigens in Aktien aus dem Dax. Die sechs beliebtesten Aktien in den Depots der Anleger sind Standardwerte. Die Deutsche Telekom führt das Ranking der beliebtesten Aktien an, gefolgt von Daimler, der Deutschen Bank, BASF, der Allianz und Siemens. Setzen deutsche Privatanleger auf ausländische Aktien, dann ist ihr Favorit die Apple-Aktie, die auf Rang elf steht. Auch Nokia, Royal Dutch Shell, Microsoft, Cisco und Amazon haben es auf die Liste der 30 beliebtesten Aktien geschafft.

Doch selbst wenn die Einsicht besteht, dass man sein Geld international investieren sollte, hapert es an der Umsetzung. „Wenn Anleger versuchen, ihr Geld weltweit gestreut anzulegen, investieren sie regelmäßig viel zu große Teile in heimische Papiere“, weiß May. „So liegt der Anteil deutscher Aktien in den von uns analysierten Depots im Schnitt bei fast 50 Prozent aller Einzelwerte.“ Seit 2014 hat die Quirin Privatbank im Rahmen des Vermögenschecks etwa 2000 Depots untersucht. „Und wir haben nicht einen unter hundert Anlegern gefunden, der weniger als drei Prozent seines Depotvolumens in deutsche Aktien investiert hat, wie es mit Blick auf die tatsächliche Weltmarktkapitalisierung richtig wäre.“ Denn so gering ist die Gewichtung deutscher Titel im Weltaktienindex MSCI All Country World. „Dieser Mangel an Streuung führt grundsätzlich zu höheren Risiken, häufig aber auch zu niedrigeren Renditen, wenn beispielsweise der heimische Index schlechter läuft als die weltweiten wie 2018“, weiß der Anlageexperte der Quirin Privatbank.

Und selbst wenn Anleger breiter streuen - über viele Einzeltitel, Branchen, Länder und Kontinente -, fehlt es meistens an der Strategie. Vor allem die Rendite ist ein Kaufargument. „Die Umsatzstatistiken belegen, dass Anleger bevorzugt Fonds kaufen, die in der Vergangenheit besonders gut gelaufen sind“, sagt IVA-Experte Rathjen. „Häufig sind nach mehreren herausragenden Jahren die Aktien in genau diesen Fonds bereits zu teuer, so dass die Performance leidet, nachdem die Anleger massenweise eingestiegen sind.“ Ein professionell gemanagtes Portfolio würde nach Phasen besonders guter Performance hingegen einen Teil der Gewinne mitnehmen und in schlecht gelaufene und dadurch billige Titel investieren, im Fachjargon „Rebalancing“ genannt. Doch auch darauf verzichten die meisten Privatanleger.

Vor der ersten Kauforder sollte zwingend die Entscheidung für eine Strategie stehen.  „Wichtig ist, dass Anleger nicht einfach irgendwie auf eigene Faust in Aktien investieren, sondern dass sie sich gut beraten lassen und ihrer Investition eine Strategie zugrunde liegt“, sagt auch Anlageexperte May. Doch was kennzeichnet eine gute Strategie? „Kurz gesagt: Breit gestreut auf den gesamten Markt setzen, dabei kostengünstige ETFs nutzen und Überrenditen nach wissenschaftlichen Kriterien einsammeln. Plus regelmäßiges Zurücksetzen auf das anfängliche Rendite-Risiko-Profil des Anlegers, also Rebalancing.“ Laut IVA ist das übrigens der beste Schutz bei Kurseinbrüchen.

 

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