Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Die besten Anlagestrategien Teil 10: Growth - Wachstum um jeden Preis?

Wachstumswerte haben Investoren in den vergangenen Jahren hohe Renditen beschert. Vor allem amerikanische Technologieaktien boomten. Wie lange hält der Trend noch?

Es ist ein Anlagestil für Investoren mit viel Phantasie: „Growth“. Wer diese Aktien kauft, setzt auf die Zukunft. Die entsprechenden Unternehmen wachsen schnell, investieren viel, schreiben aber oft noch keine Gewinne. Die Volatilität der Wachstumswerte ist hoch, die Chancen sind es auch. „Growth“ wird meistens in einem Atemzug mit „Value“ genannt. Welcher Anlagestil bietet die besten Chancen? Der Streit zwischen „Value“- und „Growth“-Anhängern ist fast so alt wie die Börse selbst. Dabei seien beide doch per se keine konträren Anlagestile, sagt Christian Kahler. „Der Wert, also Value eines Unternehmens wird durch Wachstum, also Growth geschaffen“, sagt der Chefanlagestratege der DZ Bank. „Value-Titel gelten als langweilige Dickschiffe mit wenig Wachstum und niedriger Bewertung, Growth-Titel als Schnellboote, die sich durch hohes Gewinnwachstum auszeichnen.“

 

Anlageuniversum Growth lässt sich in drei Kategorien unterteilen

Er kritisiert, dass sich gerade Indexanbieter die Entscheidung darüber, was „Value“ und was „Growth“ sei, zu einfach machen würden. Denn in der Regel würden sie nur auf das Verhältnis von Kurs- zu Buchwert (KBV) eines Unternehmens schauen. Das KBV gibt an, wie der aktuelle Marktwert eines Unternehmens zum bilanzierten Eigenkapitalwert notiert. „Meist ‚buchen‘ die Indexanbieter die nach KBV teurere Hälfte aller Aktien im Index in den „Growth“-Index und die andere Hälfte in den „Value“-Index“, so Kahler. 

So einfach machen es sich die Manager aktiver Fonds natürlich nicht. Ihre Auswahlkriterien sind deutlich ausgefeilter - und oft auch besser. „Growth-Anlagestile gibt es mehrere“, sagt Sebastian Junker, Portfoliomanager im Team Equities bei Metzler Asset Management. Sein Team sucht  grundsätzlich nach Unternehmen, die überproportionales Wachstum versprechen bei guter Bilanzqualität. „Wir unterteilen jedoch das Anlageuniversum Growth in drei Kategorien“, ergänzt er. Quality-Growth-Werte seien Unternehmen, die starke Marken vertreiben, die auch in konjunkturschwachen Zeiten nachgefragt werden. Dynamic-Growth-Aktien seien Unternehmen, die konjunktursensitiver seien. Unter dem dritten Bereich Disruption verstehen die Experten Unternehmen, die technologische Veränderungen auf den Weg bringen beziehungsweise traditionelle Geschäftsmodelle durch innovative Erneuerungen ersetzen, vorantreiben oder klar davon profitieren.

 

„Growth“ schlägt den breiten Markt langfristig

Aber: „Als Aktienanleger und speziell als Growth-Investor muss man Marktschwankungen einkalkulieren und aushalten können“, sagt der Metzler-Experte. Und die können bei Wachstumsaktien heftig ausfallen. Langfristig werden Investoren aber mit einer Überrendite belohnt. In den vergangenen zehn Jahren hat der MSCI World Growth pro Jahr etwa zwölf Prozent zugelegt, der MSCI World 10,5 Prozent. Langfristig macht sich das natürlich bemerkbar. Auch in den vergangenen drei Jahren funktionierte „Growth“. Der MSCI World Growth legte um 13 Prozent pro Jahr zu, der MSCI World „nur“ um elf Prozent.  

„Anleger sollten jedoch nicht blind auf Sektoren oder die Stil-Indizes setzen, weil deren Unterscheidung von „Value“ und „Growth“ oft zu kurz greift“, sagt Kahler. „Auch ist zu bedenken, dass nicht jeder der Stile gleichermaßen für einen Anleger geeignet ist.“ Auf „Growth“-Strategien zu setzen sei mental weniger anspruchsvoll, weil die Investoren meist „mit dem Strom“ schwimmen würden. „Value“-Investoren hingegen würden oft abseits der Menge stehen. „Die erfolgreichsten Anleger der Welt kombinieren beide Ansätze, indem sie unterbewertete Aktien kaufen, die langfristig ein solides Wachstumspotenzial aufweisen“, sagt der Experte der DZ Bank.

Und wie machen es die Experten von Metzler? Gewinnaussichten sind für sie ein Kriterium von vielen. „Um den künftigen Erfolg eines Unternehmens einschätzen zu können, konzentrieren wir uns vor allem auf den Discounted Cash Flow, also den abgezinsten Zahlungsstrom eines Unternehmens“, sagt Junker. Das Fondsmanagement bevorzugt Unternehmen mit strukturellem Wachstumstrend (im Gegensatz zu zyklischem Gewinnwachstum), hoher Ertragsdynamik bei hoher beziehungsweise steigender Kapitalrentabilität, solider Bilanz und hoher Innenfinanzierungskraft, hoch skalierbarem Geschäftsmodell und vielversprechender Marktpositionierung und überzeugendem Management. „Growth“ finden sie in allen Sektoren und Branchen. „Das Wachstumssegment hat sich zu einem breit diversifizierten Anlageuniversum gewandelt“, sagt der Experte. Die technologischen Veränderungen würden praktisch alle Segmente erfassen. „Technologischer Wandel und Disruption führen einerseits zu neuen erfolgreichen Unternehmen, andererseits werden etablierte Geschäftsmodelle infrage gestellt.“ Hier gelte es, die Verlierer des Technologiewandels zu meiden.

 

Prognose: Es mangelt an Wachstumschancen

Die Frage, ob nun „Growth“ oder „Value“ besser performt, ist zumindest für die vergangenen zehn Jahre leicht zu beantworten: Wachstumstitel haben sich deutlich besser entwickelt als Substanztitel. Und wie geht es weiter? Das weltwirtschaftliche Wachstum hat sich abgeschwächt.„Auf Unternehmensseite haben viele globale Trends zunehmend die Marktsättigung erreicht, sodass es in bestehenden Industrien an Wachstumschancen mangelt“, sagt Kahler. „Vielfach halten Growth-Unternehmen die Aktionäre nur noch mit Aktienrückkäufen zu Lasten der eigenen Bilanz bei Laune, können sich das im Gegensatz zu vielen Value-Werten aber nicht immer leisten.“ Dies sei ein Trend, der im Falle eines Zinsanstiegs noch negativ überraschen kann. Bedingt durch die schlechte Kursentwicklung sind viele Value-Titel so günstig wie selten zuvor. Gleichzeitig hat die Bewertung bei Growth-Aktien wieder Extremwerte erreicht. Dies liegt unter anderem an der Hausse bei den großen US-Technologieaktien. Kahler hält es eher für ratsam, die Gruppe der Growth-Aktien zu meiden und verstärkt auf Value-Titel zu setzen. „Diese dürften auch in einem wachstumsschwachen Umfeld solide Erträge - und Dividenden - erwirtschaften und sind wegen der vergleichsweise günstigen Bewertung auch weniger korrekturanfällig als teure Wachstumstitel“, sagt er.


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Die besten Anlagestrategien Teil 5:  Dividenden, die unterschätzten Renditebringer

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Die besten Anlagestrategien Teil 9: Technologie-Boom in den Schwellenländern