Die besten Anlagestrategien Teil 14: Das fast perfekte Depot

Es gibt unzählige Anlagestile, Renditequellen und Finanzprodukte. Kein Wunder, dass die Depots vieler Privatanleger ein ziemliches Sammelsurium sind. Mitunter trifft das leider auch auf Portfolios zu, die von Beratern und Semi-Professionals zusammengestellt wurden. Die CAPinside-Serie „Die besten Anlagestile“ hat einzelne Renditequellen vorgestellt und ihre Vor- und Nachteile analysiert. Nun gilt es, das fast perfekte Depot zu entwerfen.

Welche Bausteine gehören in ein gut austariertes, ausgewogenes Portfolio? Natürlich ist die Antwort auf diese Frage sehr individuell, es kommt auf Risikoneigung, Anlagehorizont und Anlageziel an, auf Renditeerwartungen, aber eben auch die aktuelle Lebenssituation eines Investors. Eine pauschale Antwort ist also kaum möglich und mit einem Musterdepot tun sich die Experten auch schwer. Aber man kann sich der Frage nach dem fast perfekten Depot zumindest annähern. 

Folgende Renditequellen stehen auf der Aktienseite zur Wahl: Qualitätsaktien, Nebenwerte, Low-Vola-Titel, Dividendenaktien, Value-Titel, solche mit Momentum, Nachhaltigkeit, Schwellenländeraktien und Growth-Titel. Hinzu kommen Immobilienfonds. Und natürlich gehören auch Anleihen in ein ausgewogenes Depot, auch wenn sie als Renditequelle im Null- und Niedrigzins-Umfeld ausfallen beziehungsweise Investoren nur noch über Kursgewinne verdienen. „Es ist wohl zu konstatieren, dass die meisten Anlagestile zu unterschiedlichen Zeiten oder in unterschiedlichen Situationen ihre Stärken ausspielen“, sagt Volker Schilling von Greiff Capital. „Geht man nach der Anzahl verfügbarer Finanzprodukte, so muss man allerdings sagen, dass Value die Nase vorne hat.“ Allerdings würden viele in der Serie beschriebene Anlagestile kräftig aufholen, seitdem sie im Rahmen der Faktor-Analysen wissenschaftlicher beschrieben sind.

 

Manche Faktoren vertragen sich nicht

Wie viele Faktoren gehören also ins Depot. Weniger als man annehmen sollte, glaubt Ali Masarwahr, Experte des Analysehauses Morningstar. „Zwar gibt es eine Vielzahl von ‚Prämien‘, aber die Summe aller Teile ist eben nicht zwingend mehr als ein kapitalisierungsgewichteter Ansatz hergeben kann“, sagt er. „Manche Prämien-Strategien vertragen sich nicht beziehungsweise nur eingeschränkt mit anderen.“ Value und Momentum bezeichnet er als wenig kompatibel. Auch würden Indizes und Portfolios, die ein Exposure zur Growth-Prämie haben, oft keine guten Value-Eigenschaften aufweisen. Ähnlich sehe es gerade bei Value und Quality aus. „Das würde bedeuten, dass auf Portfolio- beziehungsweise Index-Ebene eine Mischung diverser Prämien nicht die gewünschten Diversifikationseffekte bewirken“, sagt Masarwah. „Eine gleichgewichtete Zusammensetzung verschiedener Faktoren wäre also zu kurz gesprungen. Es gibt also immer trade offs, als Kompromisse, die man schließen muss, was wiederum bedeutet, dass bei Multi-Faktor-Modellen eine Diversifikation der Stile am besten auf der Einzeltitel-Ebene funktionieren dürfte, nicht auf Index-/Portfolio-Ebene.“

Insgesamt sieht er Faktoren-Modelle eher kritisch. „Ich würde es mir nicht zutrauen, Faktor-Timing zu unternehmen“, sagt Morningstar-Experte Masarwah. Er kann sich allerdings vorstellen, durch die Hinzunahmen einzelner Faktoren einen gewissen „Tilt“ im Portfolio herstellen oder zu versuchen, eine solche Unwucht zu beseitigen. „Wenn ein europäisches Portfolio beispielsweise Growth-lastig ist, könnte man ein wenig Value hinzufügen, um den Diversifikationsgrad zu erhöhen“, erklärt er. „Aber Faktor-Jonglieren halte ich für wenig erfolgversprechend, weil damit wieder das leidige Timing-Problem ins Spiel kommt.“ Er empfiehlt strategisch aufgesetzte Aktien-Renten-Portfolios, mit niedrigen Kosten. Der Aktienanteil sollte gegen Ende der Ansparphase gesenkt werden. „Ich finde die Faustregel 100 minus Alter gleich Aktienquote gar nicht so schlecht als Ausgangspunkt, wobei diese Frage natürlich hoch individuell ist“, sagt er.

Auch Dirk Rathjen vom Institut für Vermögensaufbau (IVA) würde ein Depot recht einfach zusammenstellen, nämlich mit jeweils einem ETF auf dem MSCI World, den MSCI Emerging Markets und einen weltweiten Small-Cap-Index. Aktien aus den aufstrebenden Schwellenländer und die Nebenwerte würde er übergewichten. Insgesamt sollte der Aktienanteil zwischen 50 und 60 Prozent liegen. Für diesen könnte er sich auch eine Core-Satellit-Strategie vorstellen - 80 Prozent Core, 20 Prozent Satellit. Als Bausteine für diese Strategie kämen Qualitätsaktien, Schwellenländer, Nebenwerte, Low Vola, Momentum und Nachhaltigkeit infrage. „Immobilienfonds sind eine Option, wenn die geringe Liquidität nicht stört“, sagt der Experte. Dieser Strategie kann auch Masarwah einiges abgewinnen. Core wären für ihn Standardwerte, der Satellit wären Nebenwerte. „Aber wer ein hohes Vermögen hat, kann ruhig mit zehn Prozent des Aktienanteils auf Themen wie etwa Robotics oder Demographie setzen“, sagt er. Es gelte aber auch hier darauf zu achten, dass keine Klumpenrisiken entstehen. 

 

Der Anleiheanteil spielt eine wichtige Rolle im Depot

Stefan May, Leiter Portfoliomanagement der Quirin Privatbank und von Quirion würde als explizite Gewichtung 60 Prozent für den Marktfaktor und jeweils 20 Prozent für den Substanzwert- und den Nebenwertfaktor empfehlen. „Der Low-Vola-Faktor ist in unserem Portfolio ebenfalls enthalten, allerdings nicht explizit, sondern implizit durch eine entsprechend gezielte Selektion der ETF“, sagt er. Der Momentum-Faktor sei aktuell nicht enthalten. Es gebe zwar einen Momentum-Effekt, dieser sei aber zu schwach, um für den Anleger Nutzen stiftend eingesetzt werden zu können. May warnt Anleger, dass es die genannten Faktoren am Markt nicht in Reinkultur zu kaufen gebe, auch wenn dies immer wieder suggeriert werde. Das Problem: Die entsprechenden Faktor-Indizes und -ETFs würden sich gegenseitig enthalten. So bestehen zum Beispiel zwischen den Faktoren Markt, Value und Small Cap hohe Korrelationen, was darauf zurückzuführen ist, dass Nebenwerte gleichzeitig auch Value-Aktien sein können und umgekehrt und beide zugleich in großem Maße den Marktfaktor in sich tragen. „All diese Abhängigkeiten müssen bei einer sinnvollen Faktor-Selektion berücksichtigt werden, was nur durch den Einsatz anspruchsvoller statistischer Methoden gelingt“, sagt der Experte. Der Anleiheanteil spielt trotz der aktuellen Niedrig- beziehungsweise Negativ-Zinsphase eine wichtige Rolle in einem Gesamtdepot. „Dies allerdings vorrangig als Instrument, mit dem sich das Gesamtrisiko des Depots an die Risikotragfähigkeit des Anlegers anpassen lässt“, so May. „Den Anleiheanteil in Abhängigkeit von einer etwaigen Zins- oder Aktienmarktprognose festzulegen, lehnen wir ab, weil es letztlich nicht erfolgreich ist – was eine Vielzahl objektiver wissenschaftlicher Studien belegt.“ 

Und wie sieht es nun aus, das fast perfekte Musterdepot? Wirklich konkret werden die Experten nicht. Keine Wunder, eine Asset Allokation ist etwas sehr individuelles. Außerdem läuft nicht jeder Faktor zu jeder Zeit gleich gut und Timing - auch mit Blick auf Renditequellen - ist ziemlich schwierig, wenn nicht sogar unmöglich ist.

Lesen Sie auch die anderen Teile der Serie "Die besten Anlagestrategien":

Die besten Anlagestrategien Teil 1: Der Blick in deutsche Depots ist erschreckend

Die besten Anlagestrategien Teil 2: Qualität zahlt sich aus, auch an der Börse

Die besten Anlagestrategien Teil 3: Börsenzwerge als Renditebringer

Die besten Anlagestrategien Teil 4: Low Vola für unruhige Zeiten

Die besten Anlagestrategien Teil 5:  Dividenden, die unterschätzten Renditebringer

Die besten Anlagestrategien Teil 6: Value - Investieren wie Warren Buffett

Die besten Anlagestrategien Teil 7: Momentum oder „The Trend is your Friend“

Die besten Anlagestrategien Teil 8: Nachhaltigkeit als Renditequelle

Die besten Anlagestrategien Teil 9: Technologie-Boom in den Schwellenländern

Die besten Anlagestrategien Teil 10: Growth - Wachstum um jeden Preis?

Die besten Anlagestrategien Teil 11: Betongold fürs Depot

Die besten Anlagestrategien Teil 12: Mischfonds in der Kritik

Die besten Anlagestrategien Teil 13: Long only oder der Faktor Zeit