Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Die besten Anlagestrategien Teil 13: Long only oder der Faktor Zeit

Wie aktiv muss erfolgreiches Investieren sein? Wie oft müssen Profis wie Private nachjustieren? „Long only“ oder doch zumindest ziemlich langfristiges Investieren hat ausgedient, heißt es schließlich oft. Einspruch!

Immer dann, wenn es an den Märkten ungemütlich wird, spätestens aber im Crash werden die Stimmen laut: „Long only“ funktioniert nicht mehr, sehr aktives Management ist gefragt. Ob Institutioneller oder Privatanleger, der Reflex ist derselbe. Ob es die Ohnmacht angesichts der Kursverluste ist, die man hätte verhindern können, wäre man rechtzeitig aktiv geworden? Wie auch immer, die Diskussion über „Long only“ wird auch im nächsten Crash sehr laut werden.

 

"Long only" bleibt relevant

Zu unrecht, finden Experten wie Volker Schilling von Greiff Capital. „Immer dann, wenn die Masse glaubt, dass „Long only“-Investments tot sind, war seit jeher der beste Moment um langfristig zu Investieren“, sagt er. Ein negatives rollierende Zehn-Jahresergebnis in Aktienindizes wäre ein idealer Einstiegszeitpunkt. „Das ist übrigens genau der Moment, in dem eine ganze Generation an Anlegern am eigenen Geld gespürt hat, dass man zehn Jahre nichts verdient hat“, sagt der Kapitalmarktexperte. „Die werden raten, bloß nicht „Long only“ zu investieren.“ Zuletzt war dies 2009 der Fall. Nach den Krisenjahren 2000 bis 2003 und 2007 und 2009 war das rollierende Zehn-Jahresergebnis von Dow Jones, Dax und vielen anderen Indizes negativ. „„Long only“ wollte keiner mehr, es gab nur noch Total und Absolut Return Ansätze“, erinnert sich Schilling. Damals, im März 2009 notierte der Dax bei knapp 3600 Punkten und die ganze Welt habe von Aktien abgeraten und wenn, dann schon gar nicht „Long only“. Heute, zehn Jahre später steht der Dax bei 12.200 Punkte. Eine Analyse von Fidelity International hat übrigens gezeigt: Wer im Zehn-Jahres-Zeitraum vom 31. Juli 2009 bis 31. Juli 2019 die besten 40 Tage verpasst hat, hat mit einer Anlage in den Dax eine negative Rendite von 5,53 Prozent pro Jahr erzielt. „Long only ist und bleibt das Fundament für private wie institutionelle Investoren, um vom langfristigen Wachstum des Produktivkapitals angemessen zu profitieren“, ist Schilling überzeugt.

Auch Christian Kahler kann „Long only“ einiges abgewinnen. „Ich bin nicht davon überzeugt, dass die aktuellen Risiken, mit denen wir als Menschen und Anleger konfrontiert sind, beunruhigender sind als beispielsweise während des Kalten Krieges oder während der durch Rezessionen und Ölpreisschocks geprägten 1970er-Jahre“, sagt der Kapitalmarktstratege der DZ Bank. „Vielleicht wird sich die aktuelle Situation verschlechtern, vielleicht auch nicht.“ Unternehmen sollten sich in diesem Umfeld genauso gut oder schlecht halten wie in früheren Phasen. „„Long only“ bleibt daher sehr relevant“, ist er überzeugt. „Allerdings gilt es, Geld in Aktien von Unternehmen zu investieren, die auch in zehn Jahren noch existieren werden und zu einem vernünftigen Preis zu kaufen sind.“ Wer weder Zeit noch Interesse habe, selbst solche Aktien zu suchen und zu analysieren, sei mit langfristigen Fondsanlagen besser aufgehoben.

 

"Long only" ist nich gleich "Buy and hold"

Doch wie definiert man „Long only“ eigentlich. Im Grunde werden in der Diskussion zwei unterschiedliche Strategien vermischt. Zum einen „Long only“, also die Idee, Finanzanlagen zu kaufen, die ausschließlich von steigenden Kursen profitieren. Zum anderen „Buy and hold“, also die Idee, Finanzanlagen zu kaufen und einfach lange liegen zu lassen. „Mit anderen Worten: „Long only“ ist nicht gleich „Buy and hold““, sagt Schilling. Er ist überzeugt, dass „Long only“ die lukrativste Form des Investierens überhaupt ist. Statistisch gesehen steigen die Finanzmärkte in der meisten Zeit und die besten Investoren haben ihr Vermögen durch langfristige Investitionen erwirtschaftet. Außerdem ist die Macht des Zinseszinses gewaltig und bewirkt bei langfristigen Investoren eine mögliche exponentielle Steigerung Ihres Vermögens. „Dumm nur, dass man davon in den ersten Jahren wenig merkt, da die großen Früchte am langen Ende winken“, ergänzt er. „Und ungeduldig, wie Anleger oft sind, kommen sie deshalb selten in den Genuss solcher exponentiellen Erträge.“ Diejenigen, die es schaffen, werden von den Finanzmarktteilnehmern oft als Gurus verehrt. Warren Buffett ist dafür das bekannteste Beispiel. Einer der reichsten Männer der Welt erreichte seinen Reichtum nicht über Nacht sondern sehr langfristig und überwiegend mit „Long only“.

 

Die eine Strategie gibt es nicht

Warum dann aber die Diskussion über extrem langfristiges Investieren? „Leider werden in Zeiten von Quartalsbilanzen und „Shareholder Value“-Debatten Anlagestrategien immer kurzfristiger“, übt Schilling Kritik an der eigenen Branche. „Das Ganze gipfelt in Algorithmen und Daytrading-Strategien, die sich fundamental völlig vom langfristigen Gewinnwachstum einer Unternehmung gelöst haben.“ Institutionelle Investoren seien gut beraten, wissenschaftlich fundierte Strategien (Faktormodelle) oder langfristig erprobte Livemodelle aufzugreifen. „Aus meiner Sicht sollten erfolgreiche Strategien auf keinen Fall beim erstbesten Versagen neu ausgerichtet werden, denn die Erfahrung zeigt, dass es ‚die‘ Strategie, die unter allen Bedingungen funktioniert, nicht gibt“, ergänzt er. So seien Ereignisse, die die eigene Strategie schlecht aussehen lassen würden genau zu analysieren, aber auf keinen Fall im Nachhinein zu optimieren. Eventuell würden sich aus diesen Ereignissen sogar die Stärken und Schwächen der eigenen Strategie viel deutlicher bestimmen lassen und ermöglichen so dem Investor, die jeweilige Strategie zielgerichteter einzusetzen. „Zur Überprüfung genügt aus meiner Sicht zum einen eine jährliche Attribution der Performance und des Risikos und zum anderen eine Evaluierung des risikoadjustierten Erfolges über einen ganzen Kapitalmarktzyklus“, so Schilling. Erst dann sollten sogenannte Optimierungen Einzug halten. „Oft ergibt es aber auch ganz einfach Sinn, sich auch ein Scheitern einer Strategie einzugestehen“, ergänzt er. „Nicht umsonst verschwinden statistisch gesehen die meisten Investmentfonds in den ersten drei Jahren nach Auflage.“

 

Rebalancing - ja oder nein?

Stellt sich die Frage nach dem Rebalancing. Für Schilling ist das ganz klar eine „wunderbare Sache“, gerade für Privatanleger. „Aus der Verhaltensökonomie wissen wir, dass Privatanleger zu Verzerrungen in ihrer Wahrnehmung über Risiken, Verluste und Timing neigen“, sagt er. Insbesondere falle es privaten Investoren schwer, antizyklisch zu agieren - Stichwort: Herdentrieb. „Um sich ganz einfach aus dieser Falle zu befreien, braucht es einfache Anlagetechniken“, sagt er. „Und das Rebalancing ist so eine einfache Technik.“ Er rät zum jährlichen Rebalancing.

DZ-Experte Kahler sieht das völlig anders: „Ein regelmäßiges Rebalancing im Portfolio ist nicht zu empfehlen.“ Schon Warren Buffett habe gesagt: „Zu viel von einer guten Sache kann wunderbar sein.“ Und genau so sieht es Kahler. Er vergleicht das Rebalancing mit der Gartenarbeit: Es würde so wirken, als würde man das Unkraut gießen und die schönsten Blumen regelmäßig rupfen. „Ergibt das Sinn? Wäre es nicht viel besser, von Anfang an Unkraut zu vermeiden“, fragt er. Es gelte: Der Gewinn liegt im Einkauf. Wer vor einem Kauf alles ausgiebig analysiert und Qualitätstitel mit niedriger Bewertung ins Portfolio genommen hat, sollte die Positionen Jahre und Jahrzehnte unverändert laufen lassen – auch wenn die Kurse zunächst einige Jahre nicht steigen oder gar fallen. Wer mit dem Ansatz ‚Ich verkaufe nie‘ Aktien aussucht und sich vornimmt, vielleicht nur noch 20 Anlageentscheidungen in seinem Leben zu treffen, wird viel länger und härter an Anlageideen arbeiten als ein Zocker“, sagt Kahler. Er sei dazu gezwungen, gut einzukaufen und, um im Jargon zu bleiben, „Unkraut“ zu vermeiden.

Einig sind sich die beiden Experten aber: „Long only“ hat keinesfalls ausgedient. Der Faktor Zeit ist eine wichtige Renditequelle - auch für institutionelle Investoren.

 

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Die besten Anlagestrategien Teil 1: Der Blick in deutsche Depots ist erschreckend

Die besten Anlagestrategien Teil 2: Qualität zahlt sich aus, auch an der Börse

Die besten Anlagestrategien Teil 3: Börsenzwerge als Renditebringer

Die besten Anlagestrategien Teil 4: Low Vola für unruhige Zeiten

Die besten Anlagestrategien Teil 5:  Dividenden, die unterschätzten Renditebringer

Die besten Anlagestrategien Teil 6: Value - Investieren wie Warren Buffett

Die besten Anlagestrategien Teil 7: Momentum oder „The Trend is your Friend“

Die besten Anlagestrategien Teil 8: Nachhaltigkeit als Renditequelle

Die besten Anlagestrategien Teil 9: Technologie-Boom in den Schwellenländern

Die besten Anlagestrategien Teil 10: Growth - Wachstum um jeden Preis?

Die besten Anlagestrategien Teil 11: Betongold fürs Depot

Die besten Anlagestrategien Teil 12: Mischfonds in der Kritik