Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Die besten Anlagestrategien Teil 2: Qualität zahlt sich aus, auch an der Börse

Es gibt Renditequellen, auf die sollten Anleger in einem breit aufgestellten Depot nicht verzichten. Qualitätsaktien zählen dazu. Aktuell sind sie besonders gefragt.

Qualität zahlt sich aus, heißt es. Gemeint ist, dass wer qualitativ hochwertiges kauft, meist länger etwas davon hat. Länger auf jeden Fall als von Billig- oder gar Nachahmer-Produkten. Das gilt für Elektrogeräte, Accessoires wie Schuhe oder Handtaschen und viele andere Konsumgüter. Und das gilt auch für sogenannte Qualitätsaktien. Vor allem in unsicheren Zeiten und erst recht in der Krise ist diese Assetklasse nämlich ein wertvolles Element zur Risikostreuung. Sowohl zu Zeiten des Platzes der Internetblase als auch während der Finanzkrise entwickelten sich die Qualitätsaktien besser als andere Anlageklassen. Der Faktor Qualität sorgt also für Stabilität im Depot.

Doch was sind Qualitätsaktien? Was zeichnet ein Qualitätsunternehmen aus? Larry Hatheway liefert eine klare Definition: „Das sind Unternehmen mit überdurchschnittlichen, vorhersehbaren und wachsenden Gewinnen, sprich Cashflows, sowie geringer Verschuldung“, sagt der Chefökonom des Schweizer Vermögensverwalters GAM. Das klingt erst einmal ein wenig technisch, ist es aber im Grunde gar nicht. „Anders ausgedrückt: Eine Qualitätsaktie hat im Allgemeinen eine beherrschende Stellung in einem günstigen Marktumfeld - denken Sie an Microsoft -, ein solides Geschäftsmodell, eine solide Bilanz und, vielleicht in diesen Tagen von wachsender Bedeutung, eine gute Unternehmensführung“, konkretisiert Hatheway. So entsteht das, was Finanzfachleute als Überrendite bezeichnen: Die Firma verdient dauerhaft richtig gutes Geld.

Doch welche Werte sind Qualitätsaktien? Im MSCI Europe Quality, dem Qualitätsableger des breiten europäischen Auswahlindizes MSCI Europe, sind die Topwerte der französische Energiekonzern Total, die Gesundheitsunternehmen Novo Nordisk aus Dänemark und die Schweizerische Roche Holding, der britische Konumgüterkonzern Diageo und der deutsche Versicherer Allianz. Relativ solide, fast langweilig. Aber das trifft nicht auf jeden Qualitätsindex oder Fonds zu, der auf diesen Renditefaktor setzt. „Obwohl Qualitätsaktien manchmal als defensiv oder stabil eingestuft werden, haben Qualitätsindizes heutzutage eine relativ hohe Gewichtung von IT-Unternehmen, darunter viele der bekannten Tech-Giganten“, sagt GAM-Experte Hatheway. Das zeigt sich im MSCI World Quality. In der Qualitätsvariante des Weltaktienindex sind nach dem Gesundheitsunternehmen Johnson & Johnson die Internet-Megakonzerne Apple, Microsoft und Facebook am höchsten gewichtet. Auch Alphabet kommt auf eine relativ hohe Bewertung.

Genau das kritisiert aber Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank. „Für viele heißt Qualität immer den neuesten Schrei zu haben, also beispielsweise Tech-Aktien“, sagt er. „Natürlich ist die industrielle Revolution via Digitalisierung volkswirtschaftlich genauso bedeutend wie die Erfindung der Dampfmaschine. Und an diesen Werten führt grundsätzlich kein Weg vorbei.“ Allerdings seien bei ihnen auch die Verlustpotenziale besonders hoch, weil sie aktuell hoch bewertet seien. „Bei Enttäuschungen werden sie schnell zu Verlustbringern“, warnt er. Die Eskalation des Handelsstreits zwischen den USA und China könne eine solche Enttäuschung sein. Er definiert Qualitätsaktien klassisch. „Für mich sind Qualitätsaktien grundsätzlich Value-Aktien, also Aktien, die Wert und Substanz haben.“ Und in der Tat sind viele Titel, die in den bekannten Quality-Indices von MSCI zu finden sind, auch in den entsprechenden Value-Indizes gelistet. Die meisten Experten unterscheiden aber zwischen den beiden Anlageklasse, wobei Qualitätsaktien aber gleichzeitig auch Value-Aktien sein können und umgekehrt.

Für Halver sind vier Kriterien wichtig, die Aktien zu Qualitätstiteln machen. Erstens: Sie sollten einen Airbag im Sinne eines Risikopuffers haben. „Sind sie nicht überbewertet, ist die Gefahr hoher Kursverluste geringer“, sagt der Experte. „Die Finanzgeschichte lehrt, dass teure Aktien in Krisen zuerst gestutzt werden.“ Ein Bewertungsabschlag beispielsweise im Kurs-Gewinn-Verhältnis gegenüber der Konkurrenz sei immer gut. Die klassische Definition von Value übrigens. Zweitens: Die Unternehmensführung muss nachhaltig ordentlich wirtschaften. Drittens: Die Aktiengesellschaft sollte gegenüber ihren Konkurrenten einen nachhaltigen strukturellen Wettbewerbsvorteil haben, etwa in Form von Patenten oder Spezialwissen auch in Nischenmärkten. „Dieser Vorsprung sollte so groß wie möglich sein, denn dann können die Unternehmen auch höhere Preise verlangen“, sagt Halver. „Und höhere Preise heißt mehr Ertrag.“ Viertens: Anleger sollten sich von Modetrends hüten. Priorität bei der Aktienauswahl sollte das haben, was den Kriterien eins bis drei entspricht. „Es ist also zweitrangig, aus welchen Branchen oder Regionen die attraktiven Aktien kommen“, ergänzt er. „Hauptsache sie sind attraktiv.“

Und wie sieht es mit der Performance aus? Qualität lohnt sich auch für Aktionäre. Denn an der Börse läuft diese Faktor richtig gut und vor allem beständig. Der MSCI World hat in den vergangenen drei Jahren etwa 43 Prozent zugelegt, seine Qualitätsvariante immerhin 52 Prozent. Noch deutlicher ist die Outperformance beim MSCI Europe Quality, der fast 34 Prozent zugelegt hat. Der MSCI Europe kletterte nur um 20 Prozent. Diese Outperformance - übrigens auch gegenüber anderen Anlageklassen wie Value-Aktien - hat das Rendite-Risiko-Profil von „Quality“ allerdings deutlich weniger attraktiv gemacht. „Der MSCI Europe Quality wird gemessen an Kurs-Gewinn- und Kurs-Buch-Verhältnis sowie Dividendenrendite aktuell im Bereich der Spitzenwerte von 2016 gehandelt“, gibt deshalb Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Geschäftskunden bei der Deutschen Bank zu bedenken. In den vergangenen drei Monaten legte der MSCI Europe gut 3,5 Prozent zu, der MSCI Europe Quality hingegen vier Prozent. „Eine Outperformance von Quality im steigenden Markt ist selten“, sagt Stephan. Zuletzt sei dies vor zehn Jahren der Fall gewesen.

Rückblickend falle es aber nicht schwer zu erklären, weshalb Quality outperformt habe. „Das vierte Quartal 2018 war von schwachen Aktienmärkten, Wachstumssorgen und niedrigen Zinsen geprägt“, sagt der Kapitalmarktexperte. „Die ideale Umgebung für Unternehmen mit gesunder Bilanz. Und auch in diesem Jahr haben sich diese Titel gut entwickelt.“ Das beobachtet auch Hatheway: „Qualitätsaktien können in verschiedenen Marktphasen eine Outperformance erzielen“, sagt er. „Was sie jedoch heute besonders attraktiv macht ist, dass die Anleger mit zunehmender wirtschaftlicher Unsicherheit und gleichzeitigem verlangsamten Gewinnwachstum dazu neigen, sich für Unternehmen zu entscheiden, deren Gewinne als robust und wetterfest angesehen werden.“

Zwar sind die Konjunktursorgen in 2019 gesunken, doch haben niedrige Inflationszahlen und die zurückhaltenden Politik der Notenbanken die Zinsen weiter gedrückt und die Performance von Quality-Titeln entsprechend getrieben. „Auch zukünftig dürften niedrige Inflationsraten sowie niedrige Zinsen in Europa die Entwicklung von Quality-Aktien unterstützen“, prognostiziert Stephan. „Allerdings dürften die großen Bewegungen bei diesem Faktor hinter uns liegen.“

Kurzfristig glaubt GAM-Experte Hatheway auch nicht, dass Qualität relativ gesehen überbewertet ist. Damit Anleger von „Quality“ zu Value oder Zyklikern wechseln würden, müssten sich die wirtschaftlichen Bedingungen verbessern und die Anleiherenditen ihre jüngsten starken Rückgänge umkehren. Das sei zwar später in diesem Jahr oder im Jahr 2020 möglich, es sei jedoch unwahrscheinlich. „Dementsprechend glauben wir, dass der Investor vorerst in Qualitätsaktien engagiert bleibt“, sagt er.

Ein Allheilmittel gegen Krisen sind Qualitätsaktien aber auch nicht. Natürlich geraten auch sie unter Druck, wenn es an der Börse abwärts geht. Aber das Minus ist geringer. Vor allem in den Jahren der Finanzkrise haben sich die Qualitätsaktien von den normalen Standardwerten abgekoppelt. Somit ist der Faktor Quality auch ein Garant für eine gewisse Stabilität im Depot.

Bei allen Faktoren, die vor allem langfristig für diese Renditequelle sprechen: Ausschließlich auf Qualitätsaktien zu setzen, wäre aber - im Sinne der Risikostreuung - keine gute Idee. Doch wie viel Qualität verträgt ein breit aufgestelltes Aktiendepot? „Das hängt vom individuellen Portfolio, den Zielen und der Risikobereitschaft des Anlegers und anderen Faktoren ab“, sagt GAM-Experte Hatheway. „In einigen Portfolios macht die Qualität drei bis fünf Prozent der Bestände aus, in anderen bis zu 20 Prozent.“ Verzichten sollten Investoren auf diese Renditequelle aber nicht.

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