Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Die besten Anlagestrategien Teil 5: Dividenden, die unterschätzten Renditebringer

Regelmäßige Ausschüttungen sind beliebt. Wie stark ihr Anlageerfolg aber tatsächlich von den regelmäßigen Dividenden abhängt, unterschätzen viele Investoren.

Viele Anleger legen großen Wert auf regelmäßige Erträge. In Zeiten von Null- und Negativzinsen ist es aber gar nicht so einfach, diese auch zu generieren. Staats- und Unternehmensanleihen fallen als Renditequelle aus - die Zinskupons halbwegs solider Emittenten sind mickrig, sichere Bonds wie Bundesanleihen rentieren sogar negativ. Wer Wert auf regelmäßige Zahlungseingänge legt, muss an den Anleihemärkten ganz schön ins Risiko gehen. Aktien mit hohen Ausschüttungsquoten sind eine Alternative.

Auch wenn Dividenden natürlich kein Ersatz für Zinsen sind - Aktien sind schließlich keinen Anleihen -, rücken ausschüttungsstarke Unternehmen immer stärker in den Fokus. Dividendenfonds gehören seit Jahren zu den Bestsellern der Branche und führen auch die Beliebtheits-Rankings der Onlinebroker an. Auch in den Top-Ten der beliebtesten ETFs des Analysehauses Morningstar sind mehrere Dividenden-ETFs zu finden.

Auf den Faktor „Dividende“ zu setzen, ist eine ziemlich gut Idee. Dividendenwerte gelten als sicherer Hafen für Anleger, weil sie sich in der Regel auch in volatilen Marktphasen auf Ausschüttungen verlassen können. In Korrekturphasen können Dividenden ein Puffer gegen Kursverluste sein. Wichtiger aber noch: Zahlreiche Studien belegen, dass Dividenden langfristig die Performance von Aktienanlagen deutlich beeinflussen. Die regelmäßigen Ausschüttungen sind eine verlässliche Renditequelle. Und doch wird ihre Bedeutung für den langfristigen Anlageerfolg oft unterschätzt. „Im langfristigen Durchschnitt steuern Dividenden – und ihre Reinvestition – mehr als ein Drittel zur Gesamtrendite von Aktien bei“, sagt Christian W. Röhl, Gründer der Research-Plattform Dividendenadel. „Je nach Land und Branche kann es auch deutlich mehr als die Hälfte sein.“ Vor allem Privatanleger sind sich dessen nicht bewusst, aber auch institutionelle Investoren unterschätzen den Effekt.

Trotzdem legen deutsche Privatanleger aber einen hohen Wert auf die jährlichen Auszahlungen. Das hat jüngst eine Studie des Deutschen Aktieninstituts bestätigt. Auch wenn die Mehrheit der Befragten (45 Prozent) nach wie vor ein tendenziell ausgewogenes Verhältnis von Dividende und Kurssteigerungen bevorzugt, haben sich seit 2008 deutliche Verschiebungen in Richtung höherer Dividende und geringerer Kurssteigerungen ergeben. 56 Prozent der Aktionäre bevorzugen höhere Dividenden auch gegenüber Aktien-Rückkäufen. Getreu dem Motto: Lieber Dividenden als Kurspflege.  

Dass aber vor allem Dividenden wie ein Katalysator für Aktienmarktrenditen wirken, zeigt der Blick auf den Dax. Der ist bekanntlich ein Performance-Index, die Dividenden werden also reinvestiert. Vergleicht man seine Entwicklung mit der des Dax-Kursindexes wird deutlich: Mehr als die Hälfte der Entwicklung der vergangenen 30 Jahre geht auf die Dividenden zurück. Notiert der Kursindex aktuell bei nur gut 5.500 Punkten, liegt der Performance-Dax bei mehr als 12.000 Punkten. Die Ausschüttungen sind also ein extrem verlässlicher Renditebringer. Und das ist kein deutsches Phänomen.

 

Hohe Dividendenrenditen können auch ein Warnsignal sein

Die Dividenden variieren allerdings von Region zu Region. „In der Vergangenheit haben europäische und asiatische Unternehmen tendenziell höhere Dividenden ausgeschüttet als amerikanische“, sagt Sascha Specketer, Country Head Retail & Wholesale bei Invesco Deutschland. Derzeit sei die Dividendenrendite des S&P 500 etwa halb so hoch wie die des MSCI Europe, was allerdings teilweise auf die Wertsteigerung des US-Marktes zurückzuführen sei. „An den etablierten Börsen winken die höchsten Renditen in Großbritannien mit 4,7 Prozent, Italien mit 4,5 Prozent und Australien mit 4,4 Prozent“, sagt Röhl. „Bei den Schwellenländern hat Russland die Nase vorn.“ Der DJ Russia Index kommt auf eine erwartete Dividendenrendite von 6,8 Prozent. Doch der Kapitalmarktexperte mahnt zur Vorsicht: „Die Dividendenrendite für sich genommen ist weder bei einzelnen Aktien noch bei Indices ein Qualitätskriterium – sondern oft auch ein Warnsignal.“  Hohe Renditen würden nämlich häufig dadurch entstehen, dass Firmen sehr hohe Ausschüttungsquoten hätten oder dass die Aktienkurse stark gefallen seien - oder beides. 

„Unternehmen, die eine sehr hohe Dividende ausschütten, mögen heute attraktiv erscheinen, aber das Risiko besteht, dass sie dies über die Dauer des Anlagezeitraums nicht aufrecht erhalten können“, sagt Invesco-Experte Specketer. „Aus diesem Grund ist es wichtig, die Erfolgsbilanz des Unternehmens zu betrachten oder bei Fonds zu verstehen, wie die Nachhaltigkeit von Dividenden im Anlageprozess berücksichtigt wird.“ Die Dividendenpolitik sage eine Menge über ein Unternehmen, seine Erfolgsbilanz und seine finanzielle Stabilität aus. „Wenn in der Vergangenheit die Gewinne und Cashflows nicht für riskantere Unternehmungen ausgegeben wurden, sondern zum Wohle der Aktionäre verwendet wurden, könnte das ein gutes Zeichen sein“, gibt der Invesco-Experte zu Bedenken.

Einzig auf eine hohe Dividendenrendite als Kennzahl für die Aktienauswahl zu setzen, ist also ziemlich riskant. Trotzdem ist das die gängige Definition der Dividendenstrategie. „Das Risiko liegt darin, dass man vielleicht kurzfristig die Dividendeneinnahmen maximiert – aber dies zu Lasten der mittel- bis langfristigen Gesamtrendite geht“, sagt Röhl. Und noch ein Risiko gibt es: Unternehmen mit hohen Ausschüttungsquoten gehören oft bestimmten Branchen an, die Anleger dann schnell übergewichten. Gleichzeit werden aber Zukunftsbranchen mit niedrigen Dividenden aber hohen Forschungs- und Investitionsquoten untergewichtet. Das könne zu unerwünschter Volatilität führen, warnt Specketer.

 

Kontinuität, Ausschüttungsquote und Wachstum zählen

Manchmal fahren Investoren mit den dividendenstärksten Werten sogar schlechter. Röhl nennt den Deka Dax plus Maximum Dividend ETF als Beispiel, um diese Problematik zu illustrieren: Hier werden halbjährlich die 20 HDax-Aktien mit den höchsten Dividendenrenditen allokiert. „Das sorgt für hohe Einnahmen, doch selbst wenn man diese voll reinvestiert, steht für die letzten zehn Jahre unter dem Strich nur ein Plus von 90 Prozent, während Dax, MDax und TecDax zwischen 140 Prozent und 325 Prozent zugelegt haben“, so Röhl.  Anlegern rät er, neben der Dividendenrendite auch andere Faktoren – insbesondere Kontinuität, Ausschüttungsquote und Wachstum – in ihre Strategie zu integriert, um dieses Risiko auszuschalten. „Das allgemeine Aktienrisiko bleibt natürlich“, ergänzt er. „Aber dem steht natürlich auch die entsprechende Chance gegenüber.“ 

Doch wie hoch sollte der Anteil der Dividendenpapiere, ob nun Einzeltitel, Fonds oder ETFs, in einem ausgewogenen Portfolio sein? Für Röhl eine Frage der Definition. „Wer bewusst auf hohe Ausschüttungsrenditen setzt, sollte nicht mehr als ein Drittel seiner Aktien-Allokation auf Dividenden-Aktien verwenden“, sagt er. „Eine Strategie, die Dividenden im Sinne des „Magischen Vierecks“ nachhaltiger Dividendenqualität - Kontinuität, Ausschüttungsquote, Rendite und Wachstum - interpretiert, kann dagegen die komplette Aktien-Allokation darstellen.“ Fehlen sollten die Anteilsscheine der ausschüttungsstarken Unternehmen aber in keinem Depot. „Überdies schließen sich Einzelaktien und Fonds nicht aus“, ergänzt der Dividendenadel-Gründer. „Ich persönlich beispielsweise kaufe nur Einzelaktien aus Europa und Nordamerika – decke aber Asien und die Emerging Markets konsequent über ETFs und Fonds ab.“

Dass Dividenden aber die neuen Zinsen sind, ist falsch. Davor, die ausgefallenen Kupons durch Dividenden zu kompensieren, kann man nur warnen. Aktien sind keine Anleihen. Institutionelle Anleger sind sich darüber natürlich im Klaren, mancher Privatanleger verdrängt das Aktienrisiko aber auf der Suche nach Erträgen.

 

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Die besten Anlagestrategien Teil 1: Der Blick in deutsche Depots ist erschreckend

Die besten Anlagestrategien Teil 2: Qualität zahlt sich aus, auch an der Börse

Die besten Anlagestrategien Teil 3: Börsenzwerge als Renditebringer

Die besten Anlagestrategien Teil 4: Low Vola für unruhige Zeiten