Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Die besten Anlagestrategien Teil 6: Value - Investieren wie Warren Buffett

Value galt lange als einer der erfolgreichsten Anlagestile überhaupt. Es ist schließlich die Strategie, die der bekannteste und erfolgreichste Investor der Welt verfolgt. Doch der Glanz ist zuletzt ein wenig verblast. Funktioniert Value nicht mehr?

Unterbewertete Aktien von qualitativ hochwertigen Unternehmen zu kaufen und darauf zu warten, dass der Markt diese Qualität erkennt - Warren Buffett hat diesen Anlagestil perfektioniert. Die Value-Strategie lieferte viele Jahrzehnte lang sehr zuverlässig überdurchschnittliche Renditen. Doch diese Zeiten sind scheinbar vorbei. Value läuft nicht mehr besonders gut.

Der Blick auf die entsprechenden Indizes zeigt, dass es sich in den vergangenen Jahren nicht ausgezahlt hat, an der Börse nach unterbewerteten Aktien Ausschau zu halten. Seit Jahren schneiden marktbreite Börsenbarometer wie der MSCI World oder der amerikanische S&P 500 besser ab als die meisten Indizes, Fonds und ETFs, die nach dem Value-Gedanken zusammengestellt sind. Es ist das erste Börsenjahrzehnt überhaupt, in dem Value keine Überrenditen mehr liefert. „Eine solche Phase der Underperformance gab es noch nie – sowohl, was deren Dauer als auch deren Quantität angeht“, sagt Sven Lehmann, Fondsmanager des HQT Global Quality Dividend. „Anleger machen seit zehn Jahren einen Bogen um Value. Seit der Finanzkrise fällt es auch Berkshire Hathaway schwer, den Index zu schlagen.“ Die Aktie von Buffetts Investmentholding ist mit 306.000 Dollar zwar die teuerste der Welt. Sie hat in diesem Jahr allerdings praktisch nicht zugelegt, der breiter gefasste Aktienindex S&P 500 hingegen stieg seit Jahresanfang um 17 Prozent. 

Noch extremer ist der Vergleich zwischen Value und Growth. Während Substanzwerte in den vergangenen Jahren kaum noch Rendite lieferten, konnten sich Anleger, die auf Wachstumswerte setzen, über hohe Gewinne freuen. Dass Value aber als verlässliche Renditequelle ausgedient hat, glauben Experten nicht. Auch wenn viele andere Anlagestrategien besser funktioniert haben. „Die Entwicklung der vergangenen Jahre hat die Geduld und die Nerven von Value-Fans tatsächlich stark strapaziert, und nicht wenige haben das Handtuch geworfen“, sagt Ali Masarwah vom Analysehaus Morningstar. Abschreiben würde er den Value-Faktor aber noch nicht. „Langfristig ist die Prämie, in unterbewertete Unternehmen zu investieren, intakt, und die Idee dahinter ist ja auch bestechend: Aktien, die fernab von dem Interesse der Öffentlichkeit sind, die keinerlei Glamour aufweisen, haben ein größeres Potenzial als die Aktien, die ohnehin schon jeder hat. Aber, die vergangenen Jahre haben es ja schon gezeigt: Da ist Geduld nötig!“

Zumal Wachstumsaktien auch ganz schön teuer sind. Die Experten der DWS haben jüngst analysiert, dass die Bewertungsprämie von Wachstums- gegenüber Substanzwerten auf Rekordniveau liegt. Am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) gemessen kosten Wachstumswerte 70 Prozent mehr als Substanzwerte. Verglichen haben die Experten den MSCI ACWI Growth und den entsprechenden Value-Index. Steht Value vielleicht sogar vor dem Comeback? „Für eine Renaissance der Value-Strategie bedarf es sicherlich eines Rebounds der Konjunktur sowie höherer Zinsen“, sagt Ulrich Stephan, Chefanlagestratege Privat- und Geschäftskunden der Deutschen Bank. „Da Growth- beziehungsweise Quality-Werte jedoch außergewöhnlich gut gelaufen sind und der Bewertungsaufschlag gegenüber Value so hoch liegt, wie noch nie, könnte eine Rotation in Value stark ausfallen.“

Doch was ist Value eigentlich? Wo finden Anleger Substanz? Value-Investing wird teils sehr unterschiedlich definiert. Das grundlegende Prinzip ist zwar immer das Gleiche: Günstig, also unter Wert kaufen und teuer verkaufen. Nämlich dann, wenn die Börse den fairen Wert eines Unternehmens erkannt hat. Aber „den“ einen Value-Stil nicht gibt. Manche Investoren gehen strikt nach dem Buchwert eines Unternehmens. „Das sind meines Erachtens die Puristen unter den Value-Anlegern“, sagt Masarwah. Zu diesen Puristen zählte auch Benjamin Graham. Der amerikanische Wissenschaftler gilt als Vater der Value-Strategie. 

 

Value heißt nicht „absolut günstig“

Dann gibt es Investoren, und dazu zählt auch Warren Buffett, die auch andere Überlegungen in ihre Bewertungsmodelle einbeziehen. Der Superinvestor hat die Methoden seines berühmten Lehrmeisters Graham verfeinert. Während Graham relativ emotionslos nach unterbewerteten Aktien Ausschau hielt, ist für Buffett der dauerhafte Wettbewerbsvorteil einer Aktiengesellschaft das ausschlaggebende Kriterium. Graham hat nicht zwischen Unternehmen mit einem oder ohne einen langfristigen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren Konkurrenten unterschieden. Ihn interessierte lediglich, ob das Unternehmen genügend Ertragskraft besaß, um aus den wirtschaftlichen Problemen herauszukommen, die seinen Aktienkurs hatten fallen lassen. Wenn die Aktie nach zwei Jahren nicht gestiegen war, verkaufte er sie. Ein Unternehmen zehn oder gar 20 Jahre lang zu halten, interessierte ihn nicht. Buffett hingegen erkannte, dass Unternehmen mit einem langfristigen Wettbewerbsvorteil das bessere Investment sind und ihn umso reicher machen würden, je länger er sie halten würde. Wichtig ist Warren Buffett vor allem, dass das Unternehmen langfristig erfolgreich ist. „Das ist, wenn Sie so wollen, eine Erweiterung des Value-Gedankens, aber keine Abkehr davon, weil am Ende schon die Frage steht: Und was bezahle ich dafür?“, so Masarwah. 

Aber es geht eben nicht nur um den Preis. „Ich denke, Investoren müssen sich vom Gedanken entfernen, Value-Investing bedeute lediglich die absolut günstigsten Titel zu kaufen“, sagt Stephan. „Vielmehr geht es darum, die relativ zu ihren Potenzialen günstigsten Aktien auszuwählen.“ Dies benötige eine intensive Analyse der Geschäftsmodelle und Geschäftsumfelder sowie Branchentrends und Konjunkturaussichten. Klingt, als ob die Auswahl der Einzeltitel entscheidend ist für den Anlageerfolg. Doch darauf, ob Value eher ein Thema für ETFs oder für aktives Management ist, möchte sich der Morningstar-Experte, nicht festlegen. „Es gibt gute aktiv verwaltete Value-Fonds, die langfristig ihre Vergleichsgruppe outperformen und gegebenenfalls auch den Vergleichsindex“, sagt Masarwah. Da aber tiefe Kosten der wichtigste Erfolgsfaktor für Langfrist-Investments seien, hätten Indexfonds einen immensen, strukturellen Vorteil gegenüber den meisten aktiven Managern. 

Masarwah rät Anlegern, bei einem entsprechenden Depotwert auf jeden Fall Value einen Anteil einzuräumen. „Denn keiner weiß, wann die Value-Prämie wieder sprudeln wird“, sagt er. „Das mag etwas kühn klingen angesichts der zu erwartenden Zinssenkungen weltweit - mit den eher negativen Folgen für Value -, aber da wir vor Market Timing abraten, gilt auch bei Value: dabei sein ist alles!“ Natürlich lässt sich nicht generell beantworten, wie hoch der Value-Anteil in einem ausgewogenen Depot sein sollte. Das sei eine sehr individuelle Entscheidung, abhängig von vielen persönlichen Faktoren, so Masarwah. „Wer sich entschieden hat, die Value-Prämie zu ernten, sollte dem Faktor dann auch einen wahrnehmbaren Anteil am Aktien-Portfolio einräumen“, sagt der Morningstar-Experte. „Hier würde ich eine Mindestgröße von zehn Prozent veranschlagen. Alles darunter würde nur eingeschränkt relevant für die Performance sein.“

Warren Buffett hält sich mit Zukäufen übrigens derzeit zurück. Der Grund: Der Superinvestor findet einfach keine neuen Deals. Seit Jahren ist er auf der Suche nach großen Übernahmen. Doch in Zeiten, in denen die Bewertungen „in den Himmel ragen“, wie er im Mai auf der Hauptversammlung von Berkshire Hathaway kritisierte, will er einfach nicht zuschlagen.

 

Lesen Sie auch die anderen Teile der Serie "Die besten Anlagestrategien":

Die besten Anlagestrategien Teil 1: Der Blick in deutsche Depots ist erschreckend

Die besten Anlagestrategien Teil 2: Qualität zahlt sich aus, auch an der Börse

Die besten Anlagestrategien Teil 3: Börsenzwerge als Renditebringer

Die besten Anlagestrategien Teil 4: Low Vola für unruhige Zeiten

Die besten Anlagestrategien Teil 5:  Dividenden, die unterschätzten Renditebringer