Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Die besten Anlagestrategien Teil 7: Momentum oder „The Trend is your Friend“

Was in der Vergangenheit gut gelaufen ist, wird das wohl auch in Zukunft tun. Das ist der Gedanke hinter der Momentum-Strategie. Klingt genial einfach, aber funktioniert sie auch?

„The trend is your friend“, lautet eine oft zitierte und ziemlich beliebte Börsenweisheit. Es ist nämlich wahrscheinlicher, dass der Trend einer Aktie weiterläuft, als dass er sofort zu Ende geht. So argumentieren zumindest die Anhänger der Trendfolge. Experten sprechen vom Momentum einer Aktie. Steigt der Kurs seit einiger Zeit, wird es vermutlich noch etwas weiter aufwärts gehen. Anleger sollten also Gewinne laufen lassen, anstatt voreilig zu verkaufen. Soweit die Theorie. Klingt genial einfach. Aber funktioniert das wirklich?

Ja, sagen Experten. „Momentum ist ein nicht zu unterschätzender Faktor“ sagt Sven Lehmann, Fondsmanager bei HQ Trust. Er verweist auf John Maynard Keynes, der einst sagte: Märkte können sich länger irrational verhalten, als ein Investor solvent bleiben kann. „Sprich, wenn man ein günstiges Investment entdeckt, bedeutet dies nicht, dass es steigen wird“, so Lehmann. „Vice Versa läuft es mit Blasen an den Kapitalmärkten: Der Aktienmarkt war schon lange vor der Jahrtausendwende teuer, ist aber weitergelaufen.“ Der Trend ist eben Investors Freund.

Die Momentum-Strategie geht auf den amerikanischen Wissenschaftlicher Robert Levy zurück. Ende der 1960er-Jahre entwickelte er seine „Theorie der relativen Stärke“. Er zählte bei 200 Aktien jeweils die Schlusskurse der vergangenen 26 Wochen zusammen, teilte diese durch 26, um anschließend den Durchschnittskurs zu erhalten. Anschließend teilte er den aktuellen Kurs durch den Durchschnittskurs. Eine Zahl größer als eins bedeutete ein Kaufsignal: „Diese Aktie hat sich im letzten halben Jahr überdurchschnittlich entwickelt, wegen des Herdentriebes an den Märkten wird sie das auch weiter tun“, lautete seine Erkenntnis. Über die Jahrzehnte hinweg führte die simple Theorie auffällig oft zum Erfolg.

Wissenschaftler und Börsenexperten führen immer wieder den Beweis an. Zuletzt lieferte Alexis Chassagnade, technischer Analyst bei der Bank Julius Bär, den Beleg dafür, dass Momentum eine ziemlich gute Strategie ist. Ende 2018 untersuchte er die globalen Aktienkurse von 1929 bis heute. Das Ergebnis: Die besten 20 Prozent der Aktien waren für mehr als 95 Prozent sämtlicher Kursgewinne verantwortlich. Wer auf die gut performenden Aktien setzte, verdiente also prächtig. In Zeiten von Algorithmen ist die Strategie zudem immer einfacher umzusetzen.

Auch Ali Masarwah, Experte des Analysehauses Morningstar, ist überzeugt, dass Momentum funktioniert – „sehr zum Frust der fundamental orientierten Anleger, die mit diesem prozyklischen Faktor, dieser Prämie in der Regel nichts anfangen können“. Momentum sei gewissermaßen der „Stachel im Fleisch der Fundis“. Warum? Es gibt keine wirklich befriedigende Erklärung für das Zustandekommen der Momentum-Prämie. Masarwah findet die Erklärung mit dem Herdentrieb, die nach Levy auch viele Experten für Börsenpsychologie und Anlegerverhalten immer wieder anführen, am plausibelsten. Getreu einer anderen Börsenweisheit: Die Hausse nährt die Hausse.

 

„Ertrag kommt von Ertragen“

Dabei darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass die Strategie in einigen Zeiträumen über Jahre hinweg nicht aufging. Beispielsweise dann, wenn es am Aktienmarkt zu einem rapiden Kurssturz kam. Dann litten meist die Werte besonders, die zuvor zu den besten gehörten. „Allerdings erzielt Momentum auf lange Sicht Überrenditen“, sagt Volker Schilling, Mitglied des Vorstandes von Greif Capital Management. Kurzfristig könne die Strategie aber sehr schmerzhaft sein, nicht nur in Crash-Zeiten. „Das liegt vor allem daran, dass man bei einer Momentum-Strategie Aktien kauft, die steigen, wobei man annimmt, dass diese noch weiter steigen“, erklärt Schilling. „Falls nicht, verkauft man wieder und kauft stattdessen diejenigen, die gestiegen sind.“ Im ungünstigen Fall kaufen Investoren also teuer und verkaufen billig. „Wenn du das ein paarmal gemacht hast, dann kommst du dir ziemlich dämlich vor“, so der Experte. „Es ist eine sehr unbequeme Situation und für professionelle Investoren noch dazu wenig intuitiv. Vor allem für diejenigen, die antizyklisch investieren und Value-Anhänger sind.“

In der Praxis würden daher Momentum-Investoren oft nicht lange genug ausharren. Gerade bei dieser Strategie gelte aber: „Ertrag kommt von Ertragen“, so Schilling. „Wer die schmerzhaften Zeiträume nicht aushält, wird den Mehrwert nicht einfahren.“ Nicht zuletzt deshalb würden viele Momentum-Investoren diesen Faktor mit anderen Investitionskriterien kombinieren.

Es gibt immer wieder Phasen, in denen Momentum nicht funktioniert. „Bei Wendepunkten des Marktes – wenn sich ein Trend umkehrt – sieht Momentum immer schlecht aus“, sagt Lehman von HQ Trust. „Besonders nachteilig wird es, wenn sich kein eindeutiger Trend zeigt.“ Je nach Marktphase und Ausgestaltung der Strategie kann Momentum also ganz schön danebengehen. Besonders gefährlich könne die Strategie bei Long-short-Strategien sein, ergänzt Masarwah. Hier könne es Zeiträume geben, in denen solche Strategien massiv Werte vernichten. Er nennt ein Beispiel: Eine Long-Short-Momentum Aktien-Strategie hätte im zweiten Quartal 2009 in Europa verheerende Verluste verursacht – in der Phase war eine solche Strategie short in Banken, doch die haben im Zuge der sogenannten Junk Rally zwischen März und Juni 2009 extrem stark performt – sehr zum Nachteil der Momentum-Strategien. Es gibt eben Börsenphasen, in denen wechselt das Momentum bei Aktien dermaßen schnell und stark, dass alleine die Transaktionen in der Strategie und das ständige Realisieren von Verlusten den Investoren erst einmal deutliche Abschläge bescheren. „Momentum-Strategien weisen häufig eine höhere Volatilität auf als das passive Investieren in den Index“, sagt Schilling. „Nur wer diese Volatilitäten aushält, wird auf Dauer mit Mehrwert zum Index belohnt. Börsenphasen mit stark fallenden Kursen und sogenannte Sägezahnmärkte sind in der Regel schwierig für Momentum-Ansätze.“

Daran, dass die Moment-Strategie langfristig funktioniert, haben die Experten keinen Zweifel - trotz kurzfristiger Schwächephasen. Aber die haben schließlich andere Anlagestile auch. Langfristig heißt es aber zumindest mit dem Blick auf das Momentum einer Aktie: „The Trend is your Friend.“

 

Lesen Sie auch die anderen Teile der Serie "Die besten Anlagestrategien":

Die besten Anlagestrategien Teil 1: Der Blick in deutsche Depots ist erschreckend

Die besten Anlagestrategien Teil 2: Qualität zahlt sich aus, auch an der Börse

Die besten Anlagestrategien Teil 3: Börsenzwerge als Renditebringer

Die besten Anlagestrategien Teil 4: Low Vola für unruhige Zeiten

Die besten Anlagestrategien Teil 5:  Dividenden, die unterschätzten Renditebringer

Die besten Anlagestrategien Teil 6: Value - Investieren wie Warren Buffett