Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Die besten Anlagestrategien Teil 8: Nachhaltigkeit als Renditequelle

Investieren mit gutem Gewissen, das war lange ein Nischenthema. Doch das ist vorbei. Kein Wunder, schließlich zahlt sich nachhaltige Anlage auch mit Blick auf die Rendite aus.

Gutes zu tun, sich für die Umwelt einzusetzen, für soziale oder ethische Projekt  - das passt auf den ersten Blick nicht zum Kapitalismus an den Finanzmärkten. Doch auf den zweiten Blick passen Nachhaltigkeit und Rendite sogar sehr gut zusammen. Nicht nur deshalb setzen immer mehr Investoren auf ESG-Kriterien. Die drei Buchstaben stehen für „Environment, Social, Governance“. Es geht um die Schonung natürlicher Ressourcen und die Begrenzung des Klimawandels, aber auch um Humankapital, Gesellschaft, nachhaltige Produkte, Menschenrechte. Hinzu kommen Wirtschaftsethik, also Unternehmensführung, Transparenz, Vergütungsregeln. „Nachhaltigkeit ist ein Megatrend, der sich nicht mehr aufhalten lässt“, sagt Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Deka Investment. „Der Gesetzgeber und die Kunden fordern dies ein.“ Darüber hinaus zahle sich Nachhaltigkeit für die Investoren aus.

„Das Umdenken institutioneller und privater Anleger im Hinblick auf verantwortungsvolles, nachhaltiges Investieren bedeutet nicht weniger als einen Paradigmenwechsel im Asset Management“, sagt auch David Wenicker, Leiter iShares Privatkundengeschäft bei Blackrock. Seit 2006 haben rund 1.800 der größten Investoren weltweit mit fast 70 Billionen Dollar verwaltetem Vermögen die UN-Prinzipien für nachhaltiges Investieren unterzeichnet. Damit haben sie sich dazu verpflichtet, sozial verantwortungsvoll anzulegen. „Das verdeutlicht, dass es sich um einen langfristigen Trend handelt, der von globaler Natur ist“, betont der Blackrock-Experte. Vor allem die jüngere Generation legt vermehrt Wert darauf, ihre Werte auch bei der Vermögensanlage zu berücksichtigen. „Die Tragweite dieses Umdenkens ist enorm“, so Wenicker. „Schließlich werden in den kommenden Jahren umgerechnet 24 Billionen Dollar von der Generation der Baby Boomer in die Hände der Millennials übergehen. Dieser größte Vermögenstransfer der Geschichte erfordert auch im Rahmen der institutionellen Kapitalanlage ein Umdenken.“ Daher würden auch immer mehr Versicherer, Pensionskassen und -fonds nachhaltige Faktoren in ihre Anlagestrategien einbeziehen. Nach Angaben des Forums Nachhaltige Geldanlagen sind in Deutschland schon heute rund 1,5 Billionen Euro verantwortlich investiert, es werden also ESG-Kriterien berücksichtigt. Allein in Produkten, die eine eigenständige Nachhaltigkeitsstrategie verfolgen sind rund 219 Milliarden Euro angelegt. Tendenz steigend.

Und das hat positive „Nebenwirkungen“. Es gibt unzählige Studien zum Thema ESG und den Auswirkungen auf das Risiko-Rendite-Profil von Anlagen. Deka-Experte Speich verweist darauf, dass die Integration von Nachhaltigkeitskriterien häufig Vorteile im Risikomanagement bringe: „So sinkt die Schwankungsintensität, da Risiken vermieden werden, indem kritische Unternehmen mit potenziellen Verlustrisiken aus dem Investmentuniversum herausfallen.“ Doch wie so häufig liegt auch hier der Teufel im Detail, ergänzt Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity International. Relevant seien beispielsweise der Betrachtungszeitraum, die Anlageregion und natürlich die Frage, welcher ESG-Ansatz konkret umgesetzt wird. Interessant ist, dass die einzelnen ESG-Faktoren in verschiedenen Regionen unterschiedlich relevant sind. Kürzlich hätten die ESG-Analysten von Fidelity International beispielsweise gezeigt, dass ESG-Kriterien helfen würden, Ausfallwahrscheinlichkeiten und Handelskosten bei Anleiheinvestments zu verringern. „Zusammenfassend bestätigt eine deutliche Mehrheit der Performance-Studien, dass ESG keinen Renditenachteil beziehungsweise sogar ein leicht besseres Risiko-Renditeprofil zur Folge hat“, sagt Roemheld. „Wichtig erscheint mir zudem, dass ESG-Ratings nicht schlicht den Status-Quo abbilden.“ Fidelity setzt daher bei den kürzlich gestarteten proprietären Ratings für 3000 Aktien- und Anleiheemittenten auf zukunftsgerichtete Analysen. „Dabei gehen wir davon aus, dass die Verbesserung des ESG-Ratings eines Unternehmens auch eine Alpha-Quelle sein sollte“, erklärt der Experte.

 

Vor allem in den Schwellenländer punkten ESG-Kriterien

Langfristig lassen sich also sogar bessere Anlageergebnisse erzielen. Eine Analyse von Blackrock hat gezeigt: Kapitalmarktindizes, die Investitionen in Unternehmen mit besonders guten ESG-Kennzahlen ermöglichen, anstatt einfach Branchen oder einzelne Werte auszuschliessen, haben die gleichen oder sogar bessere Risiko- und Renditeeigenschaften als traditionelle Indizes. Blackrock vergleicht die Wertentwicklung traditioneller Indizes mit entsprechenden ESG-Varianten. Dabei wurden die ESG-Indizes im Hinblick auf die ESG-Werte ihrer Bestandteile optimiert und zugleich so ausgerichtet, dass ihre Eigenschaften eng an denen der Ausgangsvarianten blieben. Die durchschnittlichen jährlichen Gesamtrenditen seit 2012 lagen mit denen der Standardindizes gleich auf oder übertrafen sie, sowohl in Bezug auf Industrie- als auch Schwellenländer. Gleichzeitig blieb die Volatilität auf vergleichbarem Niveau. „Die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass sich ein Fokus auf ESG-Kriterien vor allem bei Investitionen in Schwellenländern auszahlt“, sagt Wenicker. Aspekte wie der Schutz der Anteilseigner, der Umgang mit natürlichen Ressourcen und der Arbeitsmarkt könnten in den Schwellenländern einen wichtigen Unterschied machen, wenn es um die Entwicklung gehe. 

Die Gründe für die gute Performance dafür sind logisch und nachvollziehbar: Nachhaltiges Wirtschaften steigert langfristig den Wert des Unternehmens. Gut geführte Mitarbeiter sind motivierter, weniger Arbeitsunfälle erhöhen die Firmenleistung, soziales Engagement etwa gegen Kinderarbeit stärkt das Image beim Verbraucher, und weniger Energieverbrauch senkt die Kosten. Zudem kann die Berücksichtigung von ESG-Faktoren helfen, unternehmensspezifische Risiken, wie zum Beispiel Unfälle, Umweltschäden, Betrug oder Streik sowie auch systematische Risiken, wie klimatische Turbulenzen, Umweltverschmutzung, Ressourcenmangel oder Datensicherheit vorab zu erkennen und darauf zu reagieren. „Je nachhaltiger ein Unternehmen ist, desto geringer ist das Risiko, von regulatorischen Bußgeldern oder Imageschäden betroffen zu sein“, so Wenicker. 

Auch Volker Weber, Vorstand des Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG), ist überzeugt: ESG kann ein Renditetreiber sein. Die Überperformance liefert der Anlagestil allerdings nicht in jeder Börsenphase. „ESG-freundliche Portfolios können sich in Phasen allgemeiner Risikofreude schlechter entwickeln, aber in Abschwüngen widerstandsfähiger sein als herkömmliche Ansätze“, sagt Blackrock-Experte Wenicker. Auch Weber bestätigt, dass ESG konstantere Renditen mit weniger Rückschlag-Potenzial liefert. „Allerdings schützt ESG nicht vor politischen Börsen“, ergänzt FNG-Vorstand Weber. Doch die können Anleger mit einem Anlagehorizont von vielen Jahren bekanntlich locker aussitzen. „Langfristig ist sogar eine bessere Wertentwicklung möglich als bei Strategien ohne ESG-Kriterien – auch dadurch beflügelt, dass vermehrt Kapital in entsprechende Strategien fließt“, ergänzt Wenicker.

Doch wie können Investoren ESG-Kritieren in ihren Anlageprozess integrieren? Worauf müssen sie achten? „Nachhaltigkeit ist nicht gesetzlich definiert“, sagt FNG-Vorstand Weber. „Die EU Kommission arbeitet aktuell an einer Taxonomie, anhand derer man Projekte in ihrer Nachhaltigkeit einschätzen kann“, so Weber. Sie ist allerdings noch nicht verabschiedet. Das soll aber voraussichtlich Frühjahr 2020 passieren. Die Anlegerpräferenzen sind daher sehr individuell und immer auch ein Spiegel der Zeit. „Aktuell wird zum Beispiel durch die Regulierung ein hoher Stellenwert auf Umweltaspekte gelegt“, sagt Speich. Das war nicht immer so. In der Anfangsphase des nachhaltigen Investments bestimmten ethische Wertvorstellungen kirchlicher Investoren die Anlagestrategie. „Unerwünschte ‚Sin-Stocks‘, also unter anderem Tabak, Alkohol und Glücksspiel, wurden einfach ausgeschlossen“, so Roemheld. „Ende der 60er Jahre sorgten dann friedensbewegte Anleger dafür, dass die Waffenindustrie kritischer unter die Lupe genommen wurde.“ Heute setzt sich der Ausschluss von Unternehmen, die Geschäfte mit Antipersonenminen und Streumunition machen, immer mehr durch. Mit dem Platzen der Immobilienblase in den USA rückte später das Augenmerk verstärkt auf Governance-Kriterien - ein Aspekt, der heute auch bei der Beurteilung von Schwellenländer-Investments eine herausragende Rolle spielt. „Last but not least werden derzeit Risikoaspekte wichtiger“, ergänzt der Fidelity-Experte. „Genauso vielfältig wie die thematischen Anlegerpräferenzen sind auch die unterschiedlichen Ansätze der Umsetzung in einem Portfolio.“ Diese umfassen einfache Ausschlusskriterien, Best-in-Class-, Themen- und Engagement-Ansätze bis hin zu Impact-Investments, bei denen die Auswirkungen der Anlagestrategie konkret quantifiziert werden.

Dass Nachhaltigkeit nur ein Modethema ist, glauben die Experten nicht. „ESG wird immer mehr zum Mainstream und das wird nun vor allem von der Politik und der Regulierung vorangetrieben“, sagt FNG-Vorstand Weber. Mit dem EU-Aktionsplan für ein nachhaltiges Wachstum, das auf die Einhaltung der Klimaziele nach dem Pariser Klimaabkommen von 2015 und den damit verbundenen Veränderungsprozessen in der Wirtschaft abzielt, bindet die EU die Finanzwirtschaft intensiv mit ein. „ESG wird dadurch Standard und regulatorisch festgeschrieben“, so Weber. Nach einer Phase, in der sich Investoren mit ESG vertraut gemacht und erste Erfahrungen in der praktischen Umsetzung gesammelt hätten, würden zunehmend mehr verbindliche Standards, konkret quantifizierte Ziele und höhere Transparenzanforderungen eingeführt, die ESG-Strategien letztlich zum Mainstream werden lassen, glaubt auch Roemheld. „Wir sind davon überzeugt, dass ESG bei der Geldanlage in einigen Jahren eine Selbstverständlichkeit sein wird“, sagt der Fidelity-Experte. 

 

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