Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Die besten Anlagestrategien Teil 9: Technologie-Boom in den Schwellenländern

Die Emerging Markets sind längst nicht mehr nur die Werkbank der Industrieländer. Im Gegenteil. Technologie, aber auch Konsum sind die neuen Wachstumstreiber. In den Depots vieler Investoren sind diese Renditebringer aber untergewichtet.

Es ist eine gigantische Erfolgsgeschichte: Die Schwellenländer machen 55 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts aus (auf Basis der Kaufkraftparität). Die entwickelten Märkte kommen gerade mal auf 37 Prozent. Ihren Anteil an der Weltwirtschaftsleistung haben die Emerging Markets von 25 Prozent auf knapp 50 Prozent fast verdoppelt, während der Anteil der Industrieländer von 60 Prozent auf 37 Prozent gesunken ist. „Die Schwellenländer sind für Investoren viel zu wichtig, um sie zu ignorieren“, kommentiert Wim-Hein Pals, Head of the Robeco Emerging Markets Equity Team, die Daten. „Obwohl das Wachstum der Aktienmärkte in den Schwellenländern nicht in gleichem Maße gewachsen ist, machen sie heute zwölf Prozent der globalen Aktienindizes aus, verglichen mit zwei Prozent im Jahr 1980.“ Doch noch immer ist die Assetklasse in vielen Portfolios nur eine kleine Beimischung. „Unverändert ist das Gros der größten und beliebtesten Mischfonds hierzulande mit einer niedrigen einstelligen Allokation in Emerging Markets im Verhältnis zu den tatsächlichen globalen Rahmen- Wirtschaftsverhältnissen weiterhin deutlich untergewichtet“, sagt Chetan Sehgal, Director of Portfolio Management Franklin Templeton Emerging Markets Equity.

Die Emerging Markets sind eine jahrzehntelange Wachstumsgeschichte. Viele Länder konnten und können längerfristige Vorteile wie Demografie, Urbanisierung und Technologie nutzen. „Darüber hinaus haben viele Schwellenländer Geld- und Finanzreformen eingeleitet, die die Dominoeffekte einer Krise verringern, wie wir sie in der Vergangenheit in Schwellenländern beobachten konnten“, sagt Robeco-Experte Pals. Auch Sehgal attestiert den  Schwellenländern eine „erhöhte Belastbarkeit in turbulenten Zeiten“. Der strukturelle Rückenwind, also ein positiver Kreislauf aus Industrialisierung, Urbanisierung und Infrastrukturausgaben, würden dazu führen, dass die traditionelle Wahrnehmung, die Schwellenländer würden vom Zustand der US-Wirtschaft getrieben, immer überholter und irrelevanter würden, ergänzt Pals.

 

Die Abhängigkeit von den USA wird geringer 

Ganz abgekoppelt von den USA haben sich die Emerging Markets aber natürlich nicht und deshalb ist es wichtig, wie es konjunkturell in der größten Wirtschaftsmacht läuft. Die anstehenden Zinssenkungen werden wahrscheinlich dazu beitragen, die Wachstumsphase in den USA zu verlängern. „Angesichts der anhaltenden Bedeutung der US-Wirtschaft als Wachstumstreiber für die globalen Schwellenländer ist das positiv“, sagt Sehgal. „Der Aufwärtsdruck auf den US-Dollar wird verringert, Währungen der Schwellenländer werden gestützt und sie können die Dynamik der Binnenwirtschaft vorantreiben mit dem Ziel, in Zukunft weniger stark von den USA abhängig zu sein.“

Nicht die einzige Veränderung: Aktien aus Schwellenländern sind heute eine völlig andere Anlageklasse als noch vor 25 Jahren. „Kaum etwas veranschaulicht diese Entwicklung so deutlich wie die zentrale Rolle, die Innovationen und der Einsatz von Technologie inzwischen in den Schwellenländern spielen“, sagt Sehgal. „Wir beobachten in den Schwellenländern die Entwicklung einer enormen Innovationskraft und gewaltiger Mengen an proprietärem Wissen.“ Viele Anleger würden davon ausgehen, dass die Schwellenländer dem Entwicklungspfad der weiter entwickelten Nationen folgen würden. „Tatsächlich aber stehen mehrere Schwellenländer in Bereichen wie E-Commerce, digitaler Zahlungsverkehr, Mobile Banking und Elektrofahrzeuge an der Innovationsspitze und lassen dabei die Industrieländer weit hinter sich“, sagt der Experte von Franklin Templeton. „Innovative Unternehmen verwandeln bisherige strukturelle Schwächen in Stärken.“ Unbehindert durch unwiederbringliche Investitionen in veraltete Systeme oder Infrastruktur haben sie reichlich Spielraum, um zukunftsorientierte und profitable Lösungen zu finden. „Wir würden auch argumentieren, dass sich die Qualität der Emerging-Market-Aktien in den letzten zehn Jahren deutlich verbessert hat, da die Rohstoffverzerrung durch Technologie-, Finanz- und Konsumaktien ersetzt wurde“, sagt Pals. „Letztendlich hängen die Renditen der Aktionäre von einem nachhaltigen Gewinnwachstum ab, und diese Verlagerung hin zu höherwertigen Aktien wird das Renditeprofil in den Schwellenländern verbessern.“ Beide Experten favorisieren aktuell Technologie-Unternehmen.

Robeco bevorzugt aktuell Nordasien gegenüber Südasien, setzt auf Titel aus Korea, China, Indien und Indonesien. „Überdurchschnittliches Ertragswachstum in Verbindung mit attraktiven Bewertungsniveaus und Strukturreformen schaffen in diesen Ländern eine starke fundamentale Basis“, sagt Pals. China werde den Reformkurs auf seinen Finanzmärkten fortsetzen und schließlich auch ein Handelsabkommen mit den USA unterzeichnen. Die Reformen in Südkorea würden sich auf eine deutliche Verbesserung der Corporate Governance der Unternehmen konzentrieren. „Die Renditen der Aktionäre werden sich in Form höherer Dividendenzahlungen und des Rückkaufs von Aktien erhöhen“, ergänzt er. In Lateinamerika erwartet Robeco in Brasilien relativ hohe Renditen, die von Rentenreformen, einem beschleunigten Gewinnwachstum und attraktiven Bewertungen getragen werden. Weitere vielversprechende Länder seien Peru, Ungarn, die Türkei und Russland.

 

Eine „langfristige Kaufgelegenheit“

Viele Argumente, die für ein verstärktes Engagement in den Schwellenländern sprechen. Vergleicht man jedoch die Performance des MSCI Emerging Markets mit der des MSCI World, dann hinken die Schwellenländer hinterher. „Dies muss jedoch in den richtigen Kontext gestellt werden - nur die USA haben sich in den letzten zehn Jahren im Vergleich zu Emerging Markets sehr stark entwickelt“, sagt Robeco-Experte Pals. Tatsächlich ist Europa im Rückstand und Japan hat sich in den letzten zehn Jahren nur geringfügig besser entwickelt. Da die USA mehr als 60 Prozent der MSCI World ausmachen, wird jede starke Performance hier zu einer Outperformance gegenüber EM führen. „Die Frage sollte also eher sein, warum die USA die Emerging Markets - und den Rest der Welt - übertroffen haben“, so Pals. Dies sei zum Teil auf eine Mischung aus besserem Ergebniswachstum und höherer Expansion in den vergangenen zehn Jahren zurückzuführen. Es zeige, dass die USA bei technologie- und kommunikationsnahen Unternehmen dominieren würden - Sektoren, die im Allgemeinen ein höheres Gewinnwachstum aufweisen und tendenziell durchgehend profitabler sind als der Gesamtmarkt. „Ein starkes Argument für Emerging Markets ist die Tatsache, dass die Differenz beim Gewinnwachstum zwischen den USA und Emerging Markets einfach nicht die Bewertungsunterschiede rechtfertigt, die wir derzeit sehen“, ergänzt der Robeco-Experte. Die Ergebniserwartungen seien höher als in den USA, dennoch betrage der Bewertungsabschlag zwischen Emerging Markets und den USA auf Basis der PE-Kennzahlen fast 30 Prozent. Auch das spricht für ein Engagement.

Doch natürlich belastet auch der schwelende Handelskrieg zwischen den USA und China. „Wir gehen davon aus, dass der Handelskonflikt zwischen den USA und China auch weiterhin eine erhebliche Belastung darstellen wird“, sagt Sehgal. Anleger  sollten auf weitere Marktvolatilität vorbereitet sein, während die beiden Großmächte bestehende Differenzen hinsichtlich einer Vielzahl wirtschaftlicher und geopolitischer Themen beilegen. Aber Sehgal ist auch überzeugt: Eine Krise sollte niemals ungenutzt bleiben. „Die Bewertungen in den Schwellenländern haben sich aufgrund des deutlich geschwächten Vertrauens und der enttäuschenden Wertentwicklung zuletzt ihren Krisenniveaus angenähert“, sagt der Experte. Gleichzeitig hätten sich die Cashflows und Gewinne jedoch allgemein als belastbar erwiesen. In Kombination mit einer besser werdenden Corporate Governance, die verstärkt Dividendenausschüttungen und Rückkäufe fördere, würden diese Bedingungen eine zunehmend attraktive langfristige Kaufgelegenheit bieten.

 

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Die besten Anlagestrategien Teil 1: Der Blick in deutsche Depots ist erschreckend

Die besten Anlagestrategien Teil 2: Qualität zahlt sich aus, auch an der Börse

Die besten Anlagestrategien Teil 3: Börsenzwerge als Renditebringer

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Die besten Anlagestrategien Teil 6: Value - Investieren wie Warren Buffett

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