Die größten Anlegerfehler, Teil 6: Die Wahrnehmungsfalle

Das menschliche Gedächtnis kann Informationen nur verzerrt verarbeiten. Die Verfügbarkeit ist dabei entscheidend. Entsprechend fallen Anlageentscheidungen an der Börse auch nicht rational aus.

Es ist eigentlich kein Geheimnis: Unsere Entscheidungen sind nicht rational. Verfügbarkeitsheuristik“ nennen Psychologen diese mentale Strategie, sich ein Urteil über einen Sachverhalt zu bilden: Unsere Einschätzung für die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses hängt davon ab, wie präsent, wie „verfügbar“ dieses Ereignis in unserer Erinnerung ist.

Entscheider, etwa Manager, Ehepaare, aber auch Investoren verfügen nicht immer über den gleichen Informationsstand und über den gleichen Zugang zu Informationen oder Informationsquellen. Die Beschränkung in der Verfügbarkeit lässt sich in die Bereiche reale und kognitive Verfügbarkeit unterteilen. Die reale Verfügbarkeit meint den tatsächlichen Zugang zu Informationen, etwa durch Nachrichtendienste wie Reuters oder Bloomberg oder auch den Zugang zu detaillierten Analystenberichten von Banken oder sonstigen Dienstleistern. Im Gegensatz hierzu adressiert die kognitive Verfügbarkeit die Bewusstseinsebene und die Abrufbarkeit von Informationen aus dem Gedächtnis und bildet die Grundlage der Verfügbarkeitsheuristik.

Die Verfügbarkeitsheuristik beschreibt den Effekt, dass Entscheidungsträger dazu neigen, Informationen, die eine erhöhte Verfügbarkeit im Gedächtnis aufweisen, einen zu hohen Stellenwert einzuräumen. Auf diese Information wird dann bewusst zugegriffen. Gleichzeitig werden weniger verfügbare Informationen bewusst ignoriert, vernachlässigt und ausgeblendet. Wer schon einmal einen Kurssturz erlebt hat, schätzt die Wahrscheinlichkeit für ein solches Ereignis tendenziell höher ein als jemand, der dies noch nicht kennengelernt hat - einfach, weil er es bereits einmal erlebt hat

Verzerrtes Bild der Wahrheit

Somit werden häufig nicht alle Informationen zur Urteilsfindung berücksichtigt und Wahrscheinlichkeiten über das Eintreten von Ereignissen systematisch überschätzt. Es kommt zu einem verzerrten Bild der Wahrheit. Die Verfügbarkeitsheuristik führt letztlich dazu, dass Ereignisse mit einer höheren Verfügbarkeit überschätzt und solche mit einer niedrigen Verfügbarkeit unterschätzt werden. Würde eine vollständige Wahrnehmung aller Information erfolgen, könnte eine solche Verzerrung vermieden werden.

Welche Information eine erhöhte (oder vermindert) Verfügbarkeit besitzt, wird unter anderem durch die Faktoren Aktualität, Auffälligkeit, Anschaulichkeit und Frequenz beeinflusst. Je aktueller eine Information ist, desto verfügbarer ist diese im Gedächtnis des Entscheidungsträgers. Das Gleiche gilt für die Auffälligkeit von Ereignissen. So wurde festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeiten für sehr auffällige Todesursachen – wie einen Flugzeugabsturz – deutlich überschätzt und die von eher unauffälligen Todesursachen – etwa ein Herzinfarkt – eher unterschätzt wird. Ähnliches konnte für den Aktienmarkt beobachtet werden.

Gefahr der Überreaktion

Marktteilnehmer neigen dazu, auf überraschende und auffällige Neuigkeiten deutlich zu überreagieren. Außerdem führt die Anschaulichkeit von Informationen zu einer höheren Verfügbarkeit. So werden Informationen, die über eine gewisse Emotionalität verfügen, konkret und gut vorstellbar sind, eher abgespeichert als abstrakte Informationen. Auch der Faktor Frequenz erhöht die Verfügbarkeit von Informationen: Je häufiger sie wiederholt werden, desto einfacher können sie aus dem Langzeitgedächtnis abgerufen werden.

Die Verfügbarkeitsheuristik kann auch als Ursache für eine weitere menschliche Verzerrung, den Home-Bias, angeführt werden. So neigen Anleger dazu, Investitionen in den heimischen Aktienmarkt gegenüber ausländischen Regionen zu bevorzugen. Das Wissen über die eigene, bekannte Region und die darin tätigen Unternehmen ist dem Entscheidungsträger verfügbarer und wird deutlich stärker gewichtet. Die Folge ist eine ungenügende Diversifikation, das Verpassen von Anlagechancen und das Bilden von Klumpenrisiken.

 

Teil 1 der Serie: 

Die größten Anlegerfehler, Teil 1: Warum Anleger sich häufig selbst täuschen

Teil 2 der Serie: 

Die größten Anlegerfehler, Teil 2: Die Sache mit der Kontrolle und der Illusion

Teil 3 der Serie:

Die größten Anlegerfehler, Teil 3: Getrieben vom eigenen Selbstwertgefühl

Teil 4 der Serie:

Die größten Anlegerfehler, Teil 4: Warum es auf die Reihenfolge der Informationen ankommt

Teil 5 der Serie:

Die größten Anlegerfehler, Teil 5: Der Tunnelblick

 

Strongbox Capital entwickelt regelbasierte Anlagestrategien auf Basis der Behavioral Finance-Forschung. Die Gesellschaft wurde im Jahr 2016 als unabhängige und innovative Asset Management Boutique in Zürich gegründet. Zu den Kunden zählen Pensionskassen, Versicherungen, Family Offices und unabhängige Vermögensverwalter. Der langfristige Kapitalerhalt steht im Zentrum der Anlagestrategien.