Die größten Vorurteile bei nachhaltigen Investments: Es geht nur um Ausschlusskriterien

Über Ausschlüsse das Anlageuniversum zu reduzieren ist eine alte und einfache Nachhaltigkeitsstrategie. Zu einfach für die meisten nachhaltigen Fonds. Sie verfolgen heute viele umfassendere Ansätze.

Nachhaltiges Leben wird häufig mit Verzicht assoziiert: Verzicht auf Flugreisen, Verzicht auf überflüssigen Konsum, Verzicht auf die Plastiktüte. „Daher verbinden viele Anleger auch nachhaltige Investments vor allem mit Verzicht: den Verzicht auf Anlagen in Unternehmen, die gewisse Vorgaben nicht erfüllen“, sagt Mirko Hajek. Der Portfoliomanager beim Kölner Vermögensverwalter RP Rheinische Portfolio Management hält dies allerdings für viel zu kurz gegriffen. Denn beim nachhaltigen Investieren gehe es heute um viel mehr als um Ausschlusskriterien. 

Ausschlüsse sind so etwas wie Wurzeln der nachhaltigen Geldanlage, mit denen alles begann. Über ein solches Negativ-Screening versuchen Investoren bestimmte Bereiche aus ihren Portfolios auszuklammern. Oft spielen ethische Bedenken hier eine wichtige Rolle. Laut aktuellem Marktreport des Forums Nachhaltige Geldanlagen sind Arbeitsrechtverletzungen, Korruption, Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung die in Deutschland am häufigsten genutzten Ausschlüsse. Zu den Top-Ten-Tabus zählen ebenfalls Waffen/Rüstung, Atomenergie sowie das „Sünden-Trio“ Tabak, Alkohol und Pornografie. Seit 2018 gehört zudem das Thema Kohle dazu. 

Ausschlüsse werden vom Positiv-Screening flankiert

Negativ-Screening ist in Deutschland und weltweit die am häufigsten genutzte Strategie bei der nachhaltigen Geldanlage. Auch die meisten nachhaltig gemanagten Publikumsfonds nutzen Ausschlüsse. Insofern liegen viele Anleger mit ihrem Vorurteil, dass es um Verzicht geht, gar nicht so falsch. Allerdings: Bei einem Großteil der Fonds ist ein solcher Vorab-Filter bei der Wertpapierauswahl nur ein Teil der Gesamtstrategie. Flankiert wird diese von einem Positiv-Screening. Viele Fondsmanager suchen speziell nach Firmen, die sich als besonders nachhaltig hervortun. Ein klassischer Ansatz hierfür ist die Bewertung nach ökologischen, sozialen und die Unternehmensführung betreffende Aspekte, also nach ESG-Aspekten. 

Bekannt ist vor allem der sogenannte Best-in-Class-Ansatz. Er bewertet Unternehmen nach ESG-Kriterien relativ innerhalb ihres Sektors. Befürworter der Strategie argumentieren, dass sie ein über alle Sektoren gestreutes Portfolio ermögliche und dass es sinnvoll sei, auch in schwierigen, für die Weltwirtschaft aber unverzichtbaren Sektoren wie Chemie oder Bergbau, Unternehmen zu belohnen, die möglichst nachhaltig agieren. Kritiker bemängeln, dass Best-in-Class-Fonds Unternehmen enthalten, die dem Verständnis von Nachhaltigkeit vieler Investoren nicht entsprechen. „Man kriegt vom Schlechten das Beste. Gerade bei globalen Strategien ist es aber gar nicht nötig, aus allen Sektoren die besten herauszufiltern“, meint Hajek. „Man hat sehr viele Anlagemöglichkeiten und muss nicht unbedingt jeden Sektor berücksichtigen, um ein gut diversifiziertes Portfolio zusammenzustellen.“ 

Besser als Best-in-Class

Für die Fondsvermögensverwaltung mit Nachhaltigkeitsfokus der Rheinischen Portfolio Management analysiert Hajek regelmäßig das Fondsangebot und hat dabei festgestellt: „Best-in-Class ist gar nicht mehr so weit verbreitet, wie so mancher denkt. Die nachhaltige Geldanlage ist gereift. Auch andere Positiv-Screening-Konzepte sind im Angebot.“ Viele Assetmanager suchen sich dabei Unterstützung von externen spezialisierten Rating-Agenturen wie ISS-oekom, Sustainalytics, MSCI ESG Research oder anderen. Allerdings beobachtet Hajek, dass große Fondsanbieter zunehmend ihre Inhouse-Kompetenzen verstärken und eigene Rating-Modelle entwerfen. Im Juni ist beispielsweise Fidelity auf diesen Zug aufgesprungen und hat sein hauseigenes ESG-Rating vorgestellt.

Mit Engagement-Strategien Nachhaltigkeit einfordern

Bei seinen Analysen begegnet Hajek noch ein weiterer Trend: „Assetmanager und Investoren setzen sich stärker mit dem Unternehmen und seinem Management auseinander.“ Engagement (englisch ausgesprochen) heißt diese Strategie, die vermehrt das Negativ- und Positiv-Screening ergänzt. Auf Hauptversammlungen agieren Assetmanager aktiver und konfrontieren die Unternehmensvorstände mit Fehlentwicklungen. Auch außerhalb der offiziellen Termine versuchen sie von den Unternehmen eine nachhaltigere Geschäftspolitik einzufordern. Einige Assetmanager verfügen mittlerweile über Engagement-Abteilungen, die auch transparent dokumentieren und veröffentlichen, bei welchen Unternehmen sie auf Änderungen pochen und was sie erreicht haben.

Für Hajek ist dies ein weiterer Beweis, dass der Markt für nachhaltige Investments deutlich gereift ist – und nicht nur auf Verzicht abstellt, sondern diversifizierte Portfolios aus Unternehmen mit guter ESG-Bewertung im Angebot hat und so für mehr Nachhaltigkeit in allen Wirtschaftszweigen sorgt.


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