Die größten Vorurteile bei nachhaltigen Investments: Es ist eh alles nur Marketing

Nachhaltigkeit ist in und verlockt Asset Manager, sich mit Federn zu schmücken, die in Wahrheit weniger grün und sozial sind, als sie auf den ersten Blick scheinen. Greenwashing ist eine Gefahr, die man jedoch erkennen und meiden kann.

Wenn man heute Mitteilungen von Fondsgesellschaften liest, könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich sehr viele schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, sehr intensiv mit ökologischen, sozialen und Governance-Aspekten, kurz ESG, auseinandersetzen. Tatsächlich ist das Thema Nachhaltigkeit in der Geldanlage ja nicht neu. Allerdings drängt es jetzt mit einer derartigen Intensität an allen Ecken in den Vordergrund, dass es nicht überrascht, wenn so manches Angebot Zweifel weckt, ob hier wirklich der nachhaltige Gedanke oder eher der reine Verkaufsgedanke dominiert. 

„Durch die mediale Präsenz und den Klimawandel ist das Thema Nachhaltigkeit in den Fokus vieler Fondsgesellschaften gerückt, die bis dato keinen erkennbaren Fokus hierauf gelegt hatten. Das ist per se nichts Schlechtes – solange es nicht nur geschieht, um auf den Trend aufzuspringen, sondern ein echter Anspruch besteht, das Thema in den gelebten Prozessen zu etablieren“, sagt Stefan Gretschel, Geschäftsführer der RP Rheinische Portfolio Management.

 

Jeder fünfte Investor sieht Greenwashing als Anlagehindernis

Die Angst vor Greenwashing schürt jedoch die Skepsis von Anlegern. Im ESG Global Survey 2019 von BNP Paribas nennt immerhin jeder fünfte institutionelle Investor (21%) das Risiko des Greenwashing als einen Grund, der ihn davon abhält, ESG-Anlagen stärker ins Anlageportfolio einzubinden. Ein solcher Vorbehalt ist auch im Fondsbereich nicht ganz unbegründet. „Es gibt tatsächlich einige Fonds, die jetzt lediglich ihren Namen um das Kürzel „ESG“ erweitern, aber den bisherigen Investmentprozess weitestgehend beibehalten“, sagt Gretschel. Er ist aber gleichzeitig überzeugt, dass Fondsgesellschaften, die auf diese Art ESG und Nachhaltigkeit nur als Marketing-Thema umsetzen, damit keinen nachhaltigen Erfolg haben werden. Denn schließlich biete ein Publikumsfondsmantel eine hohe Transparenz.

Dass Greenwashing überhaupt ein Thema ist, hängt auch damit zusammen, dass es keine einheitliche Definition und, was viel wichtiger ist, kein einheitliches Verständnis von nachhaltiger Kapitalanlage gibt. Fasst man den Begriff sehr weit, reicht die Fondspalette von Produkten mit ein paar ethisch angehauchten Ausschlusskriterien über klassische Best-in-Class-Fonds bis hin zu Themenprodukten wie Wasser- oder Klimawandelfonds. Wichtig für den Berater ist es daher, das Nachhaltigkeitsverständnis des Kunden mit dem richtigen Anlagekonzept zusammenzubringen oder ihn zumindest über die Nachhaltigkeitsstrategie des empfohlenen Produkts aufzuklären, damit es im Nachhinein keine Enttäuschung gibt.

 

Aufwand zahlt sich aus

Das kostet Mühe, die sich aber lohnen kann. Denn es geht bei einer ganzen Reihe von Anbietern um mehr als nur um Marketing. „Es gibt bereits viele gute Produkte mit langjährigem Track Record am Markt, die das Thema Nachhaltigkeit sehr konsistent und konsequent umsetzen“, sagt Gretschel und rät darauf zu achten, ob die Fondsgesellschaft erst seit Kurzem das Thema Nachhaltigkeit umsetzt – oder ob dies seit jeher Teil der Strategie ist. 

Das Verweigerungsargument der fehlenden einheitlichen Definition sieht er nur als Ausrede: „Auch bei der klassischen Bewertung von Aktien werden sehr unterschiedliche Modelle und Analysemethoden eingesetzt. Hier ist völlig klar, dass es keine einheitliche Definition von universal gültigen Bewertungskriterien gibt. Und bei Nachhaltigkeitskriterien setzen Fondsgesellschaften eben auch unterschiedliche Schwerpunkte. Mindeststandards sollten jedoch eingehalten werden.“

 

Mehr Klarheit durch EU-Taxonomie und transparentes Reporting

Für mehr Klarheit in Sachen Nachhaltigkeit will auch der Gesetzgeber sorgen, der seine ambitionierten Klimaziele erreichen möchte und an Greenwashing absolut kein Interesse hat. Im Rahmen des EU-Aktionsplans zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums hat die von der EU beauftragte Expertenkommission daher im Juni einen Entwurf zur Taxonomie für Nachhaltigkeit vorgelegt, dessen Endfassung zum Jahresende erwartet wird. Bislang werden primär ökologische Aspekte berücksichtigt. Soziale und Governance-Faktoren sollen später verstärkt folgen. Ein solches Klassifizierungssystem kann helfen, eine einheitliche Basis für das Verständnis von Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage zu schaffen.

Als mindestens ebenso hilfreich sieht Gretschel die höhere Transparenz im Reporting. „Bereits heute lässt sich leicht feststellen, ob ein bestimmtes Portfolio zum Beispiel Unternehmen enthält, die viel CO2 ausstoßen. Auch werden die Fondsportfolios mittlerweile von speziellen Datendienstleistern auf unerwünschte Engagements in bestimmten kontroversen Geschäftsbereichen hin durchleuchtet.“ Der Anleger kann so deutlich besser einschätzen, worin er tatsächlich investiert ist. Gretschel ist zuversichtlich, dass dieser Trend zunimmt: „Zukünftig wird es deutlich weniger aufwändig sein, die Nachhaltigkeit eines bestimmten Fonds zu bewerten.“

 

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