Die möglichen langfristigen Auswirkungen des Handelskrieges

War der Januar 2018 noch ein hervorragender Monat gewesen (der MSCI World Index hatte um 5,2 % zugelegt), so sahen sich die globalen Anleger im Februar mit einem lohnbezogenen Schreckmoment in den USA konfrontiert (der MSCI World Index fiel um 4,3 %), während im März schließlich internationale Handelsprobleme dominierten (MSCI World Index 2,4 % im Minus). Im Vergleich zu 2017, einem Jahr mit „geringer Volatilität“, in dem die Käufer allmählich die Oberhand über die Verkäufer erlangten, während gleichzeitig die Marktbewegungen in beide Richtungen relativ bescheiden ausfielen, war das Jahr 2018, so lässt sich zusammenfassend sagen, bisher wesentlich stärker von Schwankungen gekennzeichnet.

Wir werden uns zunächst mit der Situation des „Handelskriegs“ und seinen möglichen langfristigen Auswirkungen auf die Finanzmärkte befassen. Aus jeder logischen Analyse ergibt sich zwingend, dass aus der Erhebung von Handelszöllen durch die USA zwei Dinge folgen werden, nämlich: 1) Die Verbraucher in den USA müssen für die betroffenen Güter mehr bezahlen und 2) Die US-Produzenten sehen sich gezwungen, um die Versorgung mit diesen Gütern zu konkurrieren. 

Die negative Wirkung des 1. Punkts (reduzierte Kaufkraft des Einzelnen und eine mögliche (Über-)Reaktion der FED auf einen Inflationsschub) übertrifft in der großen Mehrheit potentieller Szenarien alle etwaigen vorteilhaften Auswirkungen des 2. Punkts (höhere Beschäftigung). Unter der Annahme, dass von Handelszöllen betroffene Länder Vergeltungsmaßnahmen ergreifen werden (was sie natürlich in der Regel tun), führt die negative Gesamtwirkung dazu, dass alle am Ende meist schlechter dastehen als zuvor. Während Handelskrieg freilich nach einer „Katastrophe mit Ansage“ klingt, kann uns eine sorgfältige statistische Wirkungsanalyse doch dabei helfen, die Realität der Vorgänge nicht aus dem Auge zu verlieren.

Laut Bloomberg Economics wird sich die neue Situation nach drei Jahren stabilisieren und ein neues Gleichgewicht erreichen. Wenn wir (bei voller Gegenseitigkeit) von einem Gesamtzoll von 10 % ausgehen, wird die Weltproduktion 2020 nur um 0,5 % niedriger liegen. Eine solch bescheidene Reduktion des Wachstums entspricht etwa 470 Milliarden US-Dollar – und das wiederum ist in etwa die Jahresproduktion von… Thailand. Zum Vergleich: Diese hoch anmutende Zahl ist nur ein Bruchteil der 3,3 Billionen US-Dollar des globalen Bruttoinlandsprodukts, das 2008/2009 verlorenging.

In Anbetracht der Tatsache, dass bisher kaum etwas umgesetzt wurde, warten wir lieber das Ergebnis ab, bevor wir vorschnelle Urteile fällen, die zu einer Veränderung unserer Anlagepolitik führen könnten. In offenen Volkswirtschaften mit freien Handelsströmen und einem umfassenden Austausch von Waren und Dienstleistungen ist es eine einfache Realität, dass die Verbraucher die Finanzströme zu den billigsten Anbietern lenken. Sobald man die Verbraucher daran hindert, mit ihren Geldbörsen abzustimmen, erhält man entweder eine Wirtschaft, die Arbeitskräfte importiert (angezogen von den höheren Löhnen, die nun für die Herstellung von zuvor noch importierten Gütern bezahlt werden) oder eine Ökonomie mit suboptimaler Wirtschaftsleistung, wenn Verbraucher lieber zweimal darüber nachdenken, Güter zu kaufen, die vor nicht allzu langer Zeit noch billiger zu haben waren. Einstweilen hat das fortgesetzte US-Handelsdefizit den Dollar deshalb nicht zu sehr in Mitleidenschaft gezogen, da er nach wie vor die wichtigste Reservewährung bleibt. Angesichts der zunehmenden wirtschaftlichen Vormachtstellung Chinas kann jedoch die Immunität des US-Dollars gegenüber solchen Handelsstreitigkeiten nicht einfach auf unbestimmte Zeit vorausgesetzt werden.

Mit einem „Handelskrieg“ werden wahrscheinlich bestimmte Entwicklungen auf dem US-Arbeitsmarkt einhergehen (und Reaktionen der FED auf diese). Die nicht in Strafvollzugs-, Senioren- oder psychiatrischen Einrichtungen lebende US-Zivilbevölkerung über 16, d.h. der Pool von Menschen, die erwerbstätig sind (oder die verfügbar und bereit sind, eine Beschäftigung aufzunehmen), lag im März 2018 etwa bei 257,1 Millionen. Vor einem Jahr lag diese Zahl noch bei 254,4 Millionen. Von diesem Zuwachs um 2,7 Millionen sind tatsächlich nur 1,6 Millionen in den Arbeitsmarkt eingetreten. Rund 1,1 Millionen Menschen haben sich, aus welchen Gründen auch immer, dafür entschieden, draußen zu bleiben. Dieses Segment der Bevölkerung (das konsumiert, aber nicht arbeitet) steht wahrscheinlich jedem prognostizierten „Kaufrausch“ im Wege, der zur Auslösung eines Inflationsschubs benötigt würde. 

Trotzdem erwarten die Finanzmärkte eindeutig eine allmähliche Anhebung der Federal Funds Target Rates. Wir sind jedoch alles andere als überzeugt davon, dass dies der richtige Weg ist – insbesondere jetzt, wo die Reduzierung der Politik der quantitativen Lockerung durch die FED erste Wirkungen zeigt. Wenn es Anzeichen für einen Strategiefehler der FED gibt, so ist das erste dieser Symptome (von Goldman Sachs identifiziert) wahrscheinlich, dass die nominale Rendite von US-Staatsanleihen höher ausfällt. Tatsächlich sehen wir bereits, dass die Rendite 3-jähriger US-Staatsanleihen 3 % erreicht. Ein zweites Anzeichen wird ein Zusammenbruch des Außenwerts des US-Dollars bei noch höherer Staatsverschuldung infolge der Steuererleichterungen Trumps sein. Auch der vorprogrammierte Ausstieg aus der quantitativen Lockerung (QE) wird den Betrag verringern, den das US-Finanzministerium aus Portfoliorenditen der FED erhält.

 

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