Die Spannungen am Markt für Öl und Gas werden zunehmen
3 Min.
01.11.2021

Die Spannungen am Markt für Öl und Gas werden zunehmen

Banken, Fonds und Investoren ziehen sich aus der Finanzierung fossiler Energie zurück. Das hat Folgen für Anleger und Verbraucher. Welche, erklärt CAPinside-Experte Christian Hiller von Gaertringen.

Die Welt dreht sich nicht mehr wie gewohnt. Die Preise für Erdgas, Diesel und Benzin sind so hoch wie lange nicht mehr. So hat sich der Preis für Rohöl, gemessen an der Nordseesorte Brent, innerhalb eines Jahres auf 86,09 US-Dollar je Barrel (159 Liter) mehr als verdoppelt. Die Notierungen nähern sich ihrem Rekordhoch vom 11. Juli 2008, als das Fass Brent 147,50 US-Dollar kostete.


Angebot könnte noch knapper werden

Aktueller Auslöser ist der Konflikt in der Organisation erdölexportierender Länder OPEC, die tief zerstritten ist. Saudi-Arabien wehrt sich nach wie vor gegen die Forderung Dubais, die Fördermenge auszuweiten, und wird in dieser Ablehnung von Nigeria unterstützt. Die Rohstoffanalysten der Commerzbank bereiten die Anleger schon darauf vor, dass in naher Zukunft keine weitere Erhöhung des Angebots über das geplante Maß zu erwarten sei.

Doch die Spannungen an den Märkten für Rohöl und Erdgas gehen tiefer. Angesichts der Energiewende – weg von fossilen Brennstoffen hin zu erneuerbarer Energie – schrecken immer mehr Energiekonzerne vor der Erschließung neuer Quellen zurück. So hat der italienische Ölkonzern Eni zuletzt angekündigt, sich aus einem geplanten Förderprojekt mit dem südafrikanischen Ölkonzern Sasol zurückzuziehen. Auf der britischen Insel Wight stößt ein Projekt zur Ölförderung auf breite Ablehnung. Und auch Nicola Sturgeon, First Minister der Regionalregierung in Schottland, rückt von fossiler Energie ab und fordert, die Exploration nach Öl und Erdgas in der Nordsee zu beenden.

Es fällt schwerer, Finanzierungen für die Erschließung neuer Öl- oder Gasquellen zu finden. Kohle gilt schon heute als nicht mehr finanzierbar, gleich ob die Minenbetreiber ein Darlehen suchen oder Eigenkapital. Immer mehr Banken weigern sich auch, Geld für Projekte zum Abbau von Ölsanden in Kanada oder zur Nutzung von Ölschiefer (Fracking) zu geben. Beide Gewinnungsformen gelten als extrem umweltschädlich. Die französische Bank BNP Paribas hatte schon im Jahr 2017 bekanntgegeben, keine Förderung von Schieferöl mehr zu finanzieren. In diesem Jahr kündigte die Bank an, aus der Finanzierung von Kohle auszusteigen und keine Projekte mehr zum Transport von Öl und Gas zu finanzieren. Green Finance heißt die neue Marschrichtung, der immer mehr Banken folgen.


Der Einfluss von ESG-Kriterien auf Energie-Investments

Auch die Geber von Eigenkapital werden zurückhaltender. Die beiden großen Initiatoren von Private-Equity-Fonds Blackstone und Apollo Global beispielsweise haben beschlossen, sich nicht mehr an Erzeugern konventioneller Energie – Kohle, Öl, Gas – zu beteiligen. Viele börsennotierte Unternehmen dürfen gar nicht mehr in fossile Brennstoffe investieren, weil die Anleger von ihnen fordern, Nachhaltigkeitsstandards und ESG-Kriterien im Hinblick auf Umwelt (E), Soziales (S) und Unternehmensführung (G) einzuhalten. „Das Wachstum der US-Energieversorgung wird von nicht-gelisteten Unternehmen kommen müssen, da börsennotierte Unternehmen unter dem Druck der Anleger stehen, Kapital zurückzugeben und nicht für die Produktionssteigerung auszugeben“, sagte Doug Swanson, geschäftsführender Gesellschafter bei EnCap Investments, dem „Wall Street Journal“.

Heute gibt es laut der Investmentbank RBC Capital Markets nur noch neun Private-Equity-Fonds mit Mitteln von 22 Milliarden Dollar, die in konventionelle Energie investieren. Im Jahr 2018 waren es 29 Fonds mit einem Anlagevolumen von 90 Milliarden Dollar. 


Big Oil: Richtungswechsel oder weiter wie bisher?

Die ersten Ölkonzerne haben schon auf die Zurückhaltung der Banken und Investoren, fossile Brennstoffe zu finanzieren, reagiert. Der französische Ölkonzern Total Energies ist dabei, in einem ersten Schritt von Erdöl zum umweltfreundlicheren Erdgas überzugehen und zugleich in erneuerbare Energie zu investieren. Belohnt haben die Anleger diesen Schwenk zur Umweltfreundlichkeit bisher unterproportional. Während die Notierungen für Brent in den vergangenen zwölf Monaten um 109 Prozent in die Höhe schossen, erhöhte sich der Aktienkurs von Total nur um 56 Prozent.

Der britisch-niederländische Konzern BP will sein Buchstabenkürzel nicht mehr als „British Petroleum“, sondern als „Beyond Petroleum“ verstanden wissen. Der Konzern setzt auf die Entwicklung umweltfreundlicher Hochleistungskunststoffe und investiert auch in erneuerbare Energie. Immerhin verteuerten sich BP-Titel in den vergangenen zwölf Monaten um 76 Prozent. Schon besser als bei Total.

Das Angebot an Erdöl und Erdgas wird somit zunehmend darunter leiden, dass die Erschließung neuer Vorkommen schwerer zu finanzieren sein wird. Dabei macht Erdöl zurzeit rund 30 Prozent der Energieträger weltweit aus, während erneuerbare Energie auf nur 2,5 Prozent kommt. Gleichzeitig wird die Nachfrage nach Erdöl und Erdgas steigen, solange erneuerbare Energie nicht die Angebotslücke schließt. Zudem wird die Nachfrage nach Öl und Gas steigen. Denn mit dem Abflauen der Corona-Pandemie nehmen der Tourismus und der Flugverkehr wieder zu. Auch werden sich die Engpässe auflösen, die bisher den Welthandel mit vielen Produkten wie Computerchips behindern.

Somit werden sich Angebot und Nachfrage bei Erdöl und Erdgas nicht mehr ohne weiteres in Einklang bringen lassen. Der Markt für konventionelle Energie dürfte sich deshalb erratischer als in der Vergangenheit verhalten. Und damit wird er für Anleger und Verbraucher noch unberechenbarer.


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