Diese Branche profitiert im Schatten von Tech und Healthcare von der Pandemie

In der Corona-Krise sprechen viele Investoren vom Run der Technologie-Aktien, auch die Healthcare-Branche steht auf einmal im Rampenlicht. Das Wertpapier des Software-Unternehmens Zoom beispielsweise ist seit Anfang des Jahres um etwa 200 Prozent gestiegen, und selbst die Dickschiffe der Gesundheitsbranche konnten ordentliche Kursgewinne in der Krise verzeichnen.

Etwas im Schatten der Krise und ihren Gewinnern aus der ersten Reihe boomt derzeit eine Nische der Lebensmittelbranche. Während Fleischereibetriebe nicht nur in Deutschland wegen Virusproblemen schließen müssen, hat sich das Segment für pflanzenbasierte Fleischersatzprodukte und alternative Proteine in Stellung gebracht. Prominentestes Beispiel: der Produzent für vegane Burger namens Beyond Meat. Die Aktie kletterte seit Jahresbeginn um satte 70 Prozent.


Boost im ersten Quartal

Beyond Meat ist aber nur der prominenteste Vertreter des Corona-Trends. Denn der Markt für Fleischersatzprodukte und alternative Eiweißquellen gönnt sich keine Atempausen. Zahlen der Non-Profit-Organisation The Good Food Institute zeigen, wie sehr der Markt schon ohne das Virus boomt. Denn die Organisation meldete schon für 2019 mit Investitionen von 824 Millionen US-Dollar ein Rekordjahr für alternative Proteine. Gleichzeitig wurden auch die Zahlen des ersten Quartals 2020 offengelegt. Die sind noch viel beeindruckender – und das Virus dafür mitverantwortlich. Mit Investitionen von 930 Millionen Dollar wurde das gesamte letzte Jahr innerhalb von drei Monaten pulverisiert.

Quelle: The Good Food Institute

Die Gründe für den Corona-bedingten Boom der meist pflanzenbasierten Lebensmittel habe einen strukturellen Ursprung, argumentiert Carolina Bushnell vom Good Food Institute: „Die Covid-19-Krise macht die Stärkung unserer globalen Proteinversorgung wichtiger denn je, angesichts der inhärenten – und jetzt sehr offensichtlichen – Verwundbarkeit von Lieferketten, die von der industriellen Tierhaltung abhängig sind.“ Die Verwundbarkeit, von der Bushnell spricht, äußerte sich vor allem in zahlreichen Schließungen von Großfleischereien.

Alleine in Deutschland wurden Dutzende Schlachtbetriebe geschlossen, in den USA sperrten drei der größten Betriebe des Landes ihre Tore zu. Die Schließungen rissen direkt ein gehöriges Loch in die Schweinefleischversorgung. Laut CNN-Angaben verarbeiteten die drei Schlachtereien zusammen rund 15 Prozent des gesamten US-Schweinefleischs. Auch Elad Ben-Am, der sich bei der Schweizer Bank Landolt & Cie. als Head of Asset Management mit dem Thema ausgiebig beschäftigt, sieht deshalb einen starken Einfluss der Corona-Krise: „Die Fleischpreise steigen klar an. Da viele Schlachthäuser wegen Corona schließen mussten, wurden die Kapazitäten stark verengt.“ Sichtbar werde das an den Margen der Schlachter, die während der Pandemie in die Höhe schossen. 


Preisparität in Sichtweite

Die höheren Kosten für Fleisch veränderten während der Krise deshalb auch das Konsumverhalten. Denn viele Menschen suchten sich durch die gestiegenen Preise eine Alternative – und landeten bei pflanzenbasiertem Fleischersatz. Die US-Verkäufe dieser Produkte wuchsen in der Krise im Vergleich zum Vorjahr um teilweise bis zu 264 Prozent, wie eine Nielsen-Erhebung zeigt. Damit war das Wachstum bei Fleischersatzprodukten fast sechs Mal so hoch, wie bei konventionellem Fleisch. Möglich wurde das aber auch nur, weil die Kosten für pflanzliche Produkte sanken – anders als beim konventionellen Fleisch. „Normalerweise ist pflanzenbasiertes Fleisch deutlich teurer als normales Fleisch – was eigentlich sehr paradox ist“, erklärt Ben-Am.

Immerhin hätten Unternehmen wie eben Beyond Meat schon vor der Pandemie ihre Preise gesenkt. Das ist aber nicht der einzige Grund für die neue Erschwinglichkeit, erklärt Ben-Am: „Die Preise für pflanzenbasierten Fleischersatz sinken, getrieben dadurch, dass immer mehr Kapazitäten in den Markt kommen.“ Denn neben Beyond Meat drängen laut Ben-Am auch immer mehr gestandene Unternehmen wie Nestlé  in den Markt. Das drückt die Preise für alternative Proteine und Fleischersatzprodukte ebenfalls.


Kurzfristiger Boom, struktureller Trend

„Wir nähern uns dadurch in großen Schritten der Preisparität. Zum einen, weil die Preise vom pflanzenbasierten Fleischersatz runterkommen und zum anderen, weil die vom konventionellen Fleisch rauf gehen“, erklärt Ben-Am den entscheidenden Faktor für den Corona-bedingten Boom. Sollten allerdings alle Schlachthäuser wieder öffnen, könnte sich diese Parität zumindest mittelfristig wieder lockern. Der strukturelle Trend zu Ernährungsalternativen sei trotzdem intakt. „Und er wird ein massiver Treiber für mehr pflanzenbasierten Fleischersatz sein. Mit den stetig sinkenden Preisen werden auch Haushalte mit niedrigem Einkommen immer mehr davon konsumieren“, erklärt Ben-Am.

Auch das Good Food Institute sieht eine langfristige Auswirkung auf die Branche. „Angesichts des historischen Drucks auf die konventionelle Fleischproduktion erwarten wir, dass die großen Fleischkonglomerate ihre Investitionen in alternative Proteine verdoppeln werden“, prognostiziert der Geschäftsführer vom Good Food Institute, Bruce Friedrich. Denn: Beyond Meat zum Beispiel werkelt an weiteren Erfolgsmeldungen und verkündete vor kurzem die Expansion nach China. Die Fear Of Missing Out dürfte also steigen – bei der Konkurrenz, aber auch bei Anlegern und Investoren.