Digitale Finanzdienstleistungen: Marktführer gehen den nächsten Schritt

PayPal und Scalable Capital sind Vorreiter in ihren digitalen Märkten – und greifen jetzt durch neue Angebote etablierte Marktteiler in der analogen Welt an.

Während viele Banken und Asset Manager noch immer fieberhaft überlegen, wie sie wohl diese ominöse Digitalisierung angehen könnten, haben findige Unternehmen schon vor einiger Zeit Konzepte und Strategien dafür entwickelt, mit digitalen Dienstleistungen Kunden auf der ganzen Welt zu erreichen und ihnen durch bestimmte Maßnahmen einen optimierten Zugang zu Finanzservices zur Verfügung zu stellen.

Ein sehr bekanntes Beispiel dafür ist PayPal. Das börsennotierte Unternehmen ist Betreiber eines Online-Bezahldienstes, der zur Begleichung von Mittel- und Kleinbeträgen zum Beispiel beim Ein- und Verkauf im Online-Handel genutzt werden kann. Nach eigenen Angaben hat PayPal mehr als 192 Millionen aktive Nutzer in über 200 Märkten mit der Möglichkeit von Zahlungen in über 100 Währungen. Seinen deutschstämmigen Mitgründer Peter Thiel hat es genauso wie den viel berühmteren Elon Musk (Tesla) zum Milliardär und Silicon Valley-Helden gemacht.

So weit, so gut. Doch jetzt ist PayPal den nächsten Schritt gegangen und drängt in Deutschland auf den Markt für Firmenkredite für kleinere und mittelständische Kunden. „Mit PayPal Businesskredit bietet das Unternehmen seinen Händlern künftig eine Finanzierungslösung an, mit deren Hilfe sie ihr Geschäft weiter ausbauen können. Innerhalb weniger Minuten können Händler online einen Kredit beantragen, über den direkt entschieden wird. Sobald sich der Händler für Kreditrahmen und Rückzahlungsanteil entschieden hat, erfolgt unmittelbar die Auszahlung des Kredits auf sein PayPal-Konto. Für die Aufnahme des Kredits fällt eine einmalige Festgebühr an, die dem Händler vorab im Rahmen der Antragstellung transparent angezeigt wird. Die Rückzahlung von Kredit und Festgebühr leistet der Händler über die eingehenden PayPal-Umsätze. Jedes Mal, wenn eine Zahlung auf dem PayPal-Konto eingeht, erfolgt automatisch eine Rückzahlung in Höhe des Anteils, den der Händler zuvor im Rahmen der Antragstellung selbst gewählt hat“, heißt es bei PayPal in Deutschland.

Das US-amerikanische Unternehmen verfügt über eine Banklizenz aus Luxemburg, Deutschland ist für Paypal nach den USA und Großbritannien der drittwichtigste Markt – und bläst mit dem neuen Angebot ganz unverhohlen zur Jagd auf Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken. Diese sind die typischen Finanzierer kleiner und mittlerer Unternehmen in Deutschland. Ein paar Zahlen zur Verdeutlichung: Insgesamt wurden in den ersten sechs Monaten bei den deutschen Sparkassen neue Darlehen in Höhe von 77,9 Milliarden Euro zugesagt. Das entspricht im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einem deutlichen Plus von vier Prozent. 43,4 Milliarden Euro (+5,9 Prozent) entfielen auf Unternehmen und Selbständige, während an Privatpersonen neue Kredite in Höhe von 30,8 Milliarden Euro (+3,1 Prozent) zugesagt wurden. Dies meldete der Deutsche Sparkassen- und Giroverband im August fürs erste Halbjahr 2018. Und bei den Volksbanken und Raiffeisenbanken war das gewerbliche Kreditgeschäft mit einem Plus von 7,8 Prozent im Vorjahr sogar der Wachstumstreiber. 277 Milliarden Euro beträgt das gesamte Kreditvolumen.
Deutschland ist der vierte Markt weltweit, in dem PayPal seinen Händlern eine Finanzierungslösung anbieten wird. In den USA, Großbritannien und Australien wird diese in ähnlicher Form bereits unter dem Namen „PayPal Working Capital“ angeboten. Für die Inanspruchnahme eines Businesskredits zahlen Händler laut PayPal eine einmalige Festgebühr, die ihnen vorab im Rahmen der Antragstellung transparent angezeigt wird und der sie beim Abschluss des Kredits zustimmen. Diese Gebühr bleibe stets gleich, auch unabhängig davon, wie lange der Händler für die Rückzahlung benötige. Darüber hinaus fielen keine weiteren Gebühren, Verwaltungs- oder Bearbeitungsentgelte an. „Die Rückzahlung erfolgt über die auf dem PayPal-Konto eingehenden Umsätze. Im Rahmen der Antragstellung wählen Händler aus, welchen Anteil ihrer PayPal-Umsätze sie für die Tilgung verwenden möchten. Dieser Anteil kann zwischen zehn und 30 Prozent betragen“, meldet das Unternehmen.

PayPal greift damit die klassischen Kreditgeber in einer Zeit an, in der der Mittelstand es trotz historisch niedriger Zinsen schwer hat, Finanzierungen zu erhalten. Unter den Mittelständlern in Deutschland haben 13,1 Prozent und in Großbritannien 15,8 Prozent Probleme, eine kreditbasierte Finanzierung zu erhalten. In Frankreich sind es sogar über 30 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt eine Befragung von Censuswide im Auftrag der Close Brothers Group. Generell klagt in Deutschland jedes vierte Unternehmen mit einem Umsatz von unter einer Million Euro über gestiegene Schwierigkeiten beim Kreditzugang – je kleiner ein Betrieb, desto komplizierter die Fremdfinanzierung, scheint der Zusammenhang.

PayPal-Deutschland-Chef Michael Luhnen sagt: „Seit unserem Start in Deutschland vor knapp 15 Jahren unterstützen wir Unternehmen aller Größen dabei, ihr Onlinegeschäft erfolgreich zu betreiben. Mit PayPal Businesskredit bieten wir kleinen und mittelständischen Händlern nun auch eine Finanzierungslösung. Damit erhalten sie einfach und schnell die notwendigen Mittel, um ihr Geschäft weiter auszubauen.“

Auch bei einem anderen Vorreiter im digitalen Finanzgeschäft hat sich etwas Interessantes getan: Der digitale Vermögensverwalter Scalable Capital weitet sein Angebot für vermögende Privatanleger aus und bietet für Investoren mit einem Anlagevermögen ab 100.000 Euro ab sofort eine persönliche Betreuung an. Damit Kunden für den neuen Service nicht extra nach München in die Unternehmenszentrale reisen müssen, kommt Scalable Capital in regelmäßigen Abständen in diverse deutsche Metropolen und nutzt für die Gespräche ein mobiles Office der Coworking-Firma WeWork.

„Gerade vermögende Privatanleger kennen und schätzen die Vorteile von Technologie in der Geldanlage. Klar ist aber auch, dass sich manche Investoren bei sechs- und siebenstelligen Anlagesummen eine persönliche Betreuung wünschen. Diesem Wunsch kommen wir nun mit diesem Zusatzangebot nach. So profitieren vermögende Anleger von den Vorteilen einer technologiebasierten Geldanlage, müssen aber nicht auf einen individuellen Service verzichten“, sagt Erik Podzuweit, Gründer und Geschäftsführer von Scalable Capital. In den persönlichen Gesprächen mit erfahrenen Finanzexperten können vermögende Privatanleger laut dem Digi-Vermögensverwalter ausführlich über ihre finanzielle Ausgangslage und ihre Anlageziele sprechen sowie alle Fragen zur digitalen Vermögensverwaltung klären.

Auch dies ist eine fast logische Entwicklung. Wenn das Vermögen wächst, wünschen sich Kunden den persönlichen Ansprechpartner, um ihre Anforderungen und Bedürfnisse bestmöglich umzusetzen – rein digitale Maßnahmen reichen ihnen dann in der Regel nicht mehr allein aus. Scalable Capital unternimmt auf diese Weise den nächsten Schritt in der Vermögensverwaltung und positioniert sich dezidiert in einem Markt, der ursprünglich freien Vermögensverwaltern vorbehalten schien. Und offenbar fühlen sich Kunden mit einem sechsstelligen Vermögen von digitalen Asset Managern wie Scalable angesprochen: Im Durchschnitt lassen Anleger 35.000 Euro von Scalable Capital verwalten, aber Portfolios mit einem Volumen von über 100.000 Euro machen heute bereits über ein Drittel des verwalteten Gesamtvermögens aus.

Innerhalb von nicht einmal zweieinhalb Jahren hat die Vermögensverwaltung mehr als eine Milliarde Euro Assets eingeworben. Auf dem deutschen Markt ist Scalable Capital damit klarer Marktführer. Das „EXtra-Magazin“ hat übrigens kürzlich ermittelt, wie groß der Markt dieser Anbieter derzeit wirklich ist. „Offizielle Zahlen über die Assets under Management für den deutschen Markt sind bislang nur vereinzelt verfügbar oder es sind nur wenig aussagekräftige Zahlen des internationalen Marktes veröffentlicht“, heißt es. Aber laut Branchenkenner Markus Jordan kam der Robo Advisor-Markt in Deutschland zum Jahresende 2017 auf Assets under Management in Höhe von rund 1,5 Milliarden Euro. Das monatliche Wachstum betrage derzeit zwischen 150 und 200 Millionen Euro, heißt es in dem Artikel weiter; laut Schätzungen und veröffentlichten Zahlen lag das Volumen im Oktober bereits bei knapp 2,2 Milliarden Euro.

Die Beliebtheit von Fintechs bei eher vermögenden Privatkunden basiert wohl auch darauf, dass die Ergebnisse durchschnittlich recht ansehnlich sind – im Gegensatz zum vielfach geäußerten Vorwurf, Robo Advisors seien teuer und unrentabel. Das „EXtra-Magazin“ hat die Performance 2017 für konservative, moderate und offensive Strategien von elf digitale Asset Managern ausgewertet. In den moderaten Depots wurden Ergebnisse von bis zu 5,95 Prozent erzielt, in einer moderaten Strategie waren 9,84 Prozent möglich, eine offensive Anlage erbrachte in der Spitze 29,30 Prozent. Verluste gab es nur in wenigen konservativen Strategien.

Ebenso hat das „EXtra-Magazin“ einen Marktbericht über die Gebühren von Anbietern digitaler Vermögensverwaltungsleistungen erstellt. Diese bewegen sich je nach Vermögensgröße und Anbieter bei 0 bis 1,5 Prozent und liegen damit durchschnittlich nicht höher als die Honorare für die Verwaltung von individuellen Finanzportfolios beziehungsweise vermögensverwaltenden Fonds.

Das Fazit: Scalable Capital bleibt eindeutig Vorreiter in der digitalen Vermögensverwaltung und scheint sich zugleich strategisch weiterentwickeln zu wollen, indem die Fintech-Services mit persönlichen Dienstleistungen eines „klassischen“ Vermögensverwalters kombiniert werden. Damit sollen, anders lassen sich die Zeichen nicht deuten, mehr und mehr Mandanten mit höheren Vermögen angesprochen werden. Galten Fintechs bislang eher als Ansprechpartner für Kunden mit niedrigeren Vermögen, die eine Alternative zu herkömmlichen Finanzprodukten suchten, suchen sie jetzt den Zugang zu Anlegern, die grundsätzlich auch für unabhängiges Portfoliomanagement geeignet wären. Der Wealth Management-Markt steht vor großen Veränderungen.