Digitale Vermögensverwalter: Aus der Nische ins Massengeschäft

Kern der digitalen Vermögensverwaltung ist ein computergestützter Algorithmus, der je nach Risikoklasse und Marktprognose die Gewichtung einzelner Assetklassen wie Aktien oder Anleihen im Portfolio an die aktuelle Marktentwicklung anpasst.

Die Zukunft ist digital – das gilt auch in der Vermögensver­waltung. Immer mehr Anbieter von digitalen Modellen drängen auf den Markt. Nicht nur Fintech-Startups buhlen dabei um die Gunst der Anbieter: Mittlerweile haben auch Banken den zukunftsträchtigen Markt entdeckt und versuchen mit eigenen Angeboten zu verhindern, dass ihre Kunden zur Fintech-Konkurrenz abwandern.


Kunden können zwischen unterschiedlichen Risikoklassen wählen.

Kern der digitalen Vermögensverwaltung ist ein computergestützter Algorithmus, der je nach Risikoklasse und Marktprognose die Gewichtung einzelner Assetklassen wie Aktien oder Anleihen im Portfolio an die aktuelle Marktentwicklung anpasst. Banken­unabhängige Fintechs arbeiten dabei meist mit Partnerbanken zusammen, die die Führung der Wertpapierdepots übernehmen. Je nach Anlageziel und Risikoneigung können Kunden zwischen unterschiedlichen Risikoklassen wählen. Die Feinabstimmung variiert dabei je nach Anbieter: Während die ­Wüstenrot Bank bei der digitalen Vermögensverwaltung fünf Risikoklassen bietet, ­haben die Kunden des Branchenpioniers ­Scalable Capital die Wahl zwischen 23 Anlagestrategien. Kern des Investments bilden in der Regel börsennotierte Indexfonds ETFs, mit ­denen sich bei geringen Transaktions- und Verwaltungskosten eine breit gefäch­erte Mischung aus Aktien, Anleihen und ­anderen Anlageklassen zusammenbauen lässt. In Zusammenspiel mit dem kostensparenden digitalen Portfoliomanagement ergibt sich daraus für Anleger auch bei kleineren Anlage­summen eine vergleichsweise geringe Kostenquote. Beispiel Deutsche Bank: Hier können Anleger schon 5.000 Euro digital verwalten lassen und zahlen dafür eine jährliche Gebühr von einem Prozent.

Das öffnet die Vermögensverwaltung für breite Anlegerkreise“, sagt Markus Pertlwieser, Digitalchef des Privat- und Firmenkundengeschäfts. Noch niedriger ist die Einstiegsschwelle bei Visualvest, wo Einmalanlagen ab 500 Euro und Sparpläne ab 25 Euro möglich sind. Licht und Schatten zeigen sich laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens MyPrivateBankingResearch, wenn es um den konkreten Nutzen für den Anleger geht. Positiv sei die Qualität der computergesteuerten Portfolioverwaltung: Hier erreichten die untersuchten 31 Vermögensverwalter aus elf Ländern im Schnitt 81 von 100 Punkten. Damit können Anleger davon ausgehen, dass sich die digitalen Strategien vor den Leistungen der klassischen Verwalter nicht verstecken müssen. Defizite sehen die Marktforscher auch im Kunden-Coaching – ein relevanter Punkt, da zur Vermögensverwaltung auch die Berücksichtigung individueller Anlegerbedürfnisse und die Vermittlung von Wissen und Entscheidungskompetenz zählt. Hier liegt die Anbieter­bewertung im Schnitt nur bei 53 von 100 möglichen Punkten. Vor allem in der Entwicklung von Tools für die private Finanzplanung sieht MyPrivateBanking­Research Nachholbedarf.


Digitale Vermögens­- ver­walter sind im Kommen: der Einstieg von Groß­banken ebnet den Weg von der Marktnische ins Massengeschäft. 


Dabei ist die Richtung eindeutig: Digitale Vermögensverwalter sind im Kommen. Vor allem die Gründung eigener Angebote durch Platzhirsche wie die Deutsche Bank oder die Comdirect Bank ebnen den Weg aus der Marktnische ins Massengeschäft. Auch Scalable Capital hat vor gut einem halben Jahr durch die Kooperation mit der größten deutschen Direktbank ING-DiBa einen Aufsehen erregenden Coup gelandet. „Damit erhalten wir Zugang zu mehr als acht Millionen Kunden“, freut sich Scalable-Gründer Erik Podzuweit. Wie groß das Potenzial ist, zeigt ein Blick in die USA, wo Ende vergangenen Jahres umgerechnet mehr als 400 Milliarden bei digitalen Vermögensverwaltern investiert waren. Zum Vergleich: In Deutschland lag zu dem Zeitpunkt das digital verwaltete Anlagevolumen bei lediglich einer Milliarde Euro.


Text – Thomas Hammer. T. Hammer ist Wirtschaftsjournalist und berichtet für Die Zeit, die Welt und die Süddeutsche Zeitung.