Digitalisierung im Family Office: Aufgaben von der Maschine lösen lassen

Künstliche Intelligenz beeinflusst das Asset Management und die Dienstleistungen von Family Offices. In Zukunft werden nur noch sehr komplexe Fragestellungen beim Menschen landen.

Künstliche Intelligenz (KI – englisch: Artificial Intelligence, AI) – das ist das Schlagwort für Maschinen, die intelligent denken, lernen und handeln. Es ist eine Entwicklung, die immer mehr Schwung bekommt. Investitionen und Forschung im Bereich KI nehmen mit in einem unglaublichen Tempo zu. „Artificial Intelligence hat das Potenzial, interne und externe Prozesse in allen Unternehmensbereichen nachhaltig zu verändern. Sie hat sich damit als ein zentrales Trendthema der globalen Technologieindustrie etabliert“, heißt es dazu beispielsweise bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte. Das Unternehmen hat Rahmen der Studie „State of AI in the Enterprise Survey 2019“ weltweit AI-Verantwortliche befragt, darunter 100 Entscheider aus deutschen Unternehmen.

Ein Ergebnis: „In deutschen Unternehmen kommen aktuell praktisch alle Varianten von AI-Technologie zum Einsatz: Beispielsweise regelbasierte Systeme, Process Robotics, Natural Language Processing, Machine Learning, Physische Roboter mit künstlicher Intelligenz (zum Beispiel Cobots), Deep Learning, Affective Computing (künstliche emotionale Intelligenz) und Computer Vision. Besonders verbreitet sind hierzulande bisher insbesondere Process Robotics und Regelbasierte Systeme, die in jeweils 67 Prozent der befragten Unternehmen genutzt werden.“


Künstliche Intelligenz im Investmentprozess

In der Finanzindustrie und speziell bei Family Offices steht die Nutzung der Künstlichen Intelligenz zwar noch am Anfang – aber dieser ist gemacht, wie die wachsende Zahl von Produkten in dem Segment belegt. So hat ODDO AM beispielsweise mit dem „ODDO BHF Artificial Intelligence“ den ersten Themenfonds aufgelegt, der in Künstliche Intelligenz investiert und zudem Künstliche Intelligenz in seinem Investmentprozess nutzt. Die Funktionsweise: Zunächst werden mittels eines KI-basierten Modells die besten globalen Aktien mit KI-Bezug herausgefiltert. Grundlage hierfür bildet die tägliche Analyse von Millionen von Daten. Anschließend kommt das quantitative Modell namens „Algo 4“ zum Einsatz, das die Titel anhand von vier Faktoren (Bewertung, Qualität, Momentum und Marktkapitalisierung) filtert, bevor das Fondsmanagement nochmals in einem qualitativen Prozess das Portfolio prüft.

Auch der Fonds „Acatis AI Buzz US Equities“ der Frankfurter Fondsboutique Acatis setzt auf die KI. Für die Aktienauswahl und -gewichtung nutzt Acatis eine Lösung, die Millionen von Unternehmensnachrichten und Social Media-Kommentaren auswertet. Bei diesen Analysen geht es unter anderem um die Erkenntnis, wie die öffentliche Stimmung für bestehende und potenzielle Portfoliounternehmen ist und welchen Kurseinfluss diese Meinungen und Nachrichten haben könnten. Es gilt generell die Einschätzung, dass KI-Modelle große Datenmengen viel besser und effizienter analysieren und daraus bestimmte Muster identifizieren können.


Statistische und linguistische Mittel zur Analyse

Apropos Fonds: Das Stuttgarter Family Office Wealthgate hat einen Fonds namens „Globallytics Fund No. 1“ aufgelegt. Das Konzept konzentriert sich auf automatisierte Kauf- und Verkaufsempfehlungen anhand der Analyse von Firmenmeldungen, also ein Data- und Text-Mining-Fonds. Mit statistischen und linguistischen Mitteln analysiert die Künstliche Intelligenz Daten, Informationen und Wissen, um verschiedene Faktoren und Kennzahlen, die die kurzfristige Performance von Unternehmen beeinflussen können, zu identifizieren. Dabei setzt Wealthgate unter anderem auf ein Data-Mining-System, das sich auf KI und Machine Learning zur Analyse von börsen- und kursrelevanten News-Meldungen auf Basis von 680 vorselektierten globalen Aktien stützt.


Effizientere Arbeitsprozesse durch Systematisierung

Wie Valentin Bohländer, Partner bei HQ Trust, in seinem Aufsatz „Digitalisierung im Family Office Management“ schreibt, habe die Künstliche Intelligenz aber auch über das Asset Management hinaus weitreichende Auswirkungen. Durch die Technologie könnten „immer mehr zeitintensive und mühsame Routineaufgaben systematisch durchgeführt werden“. Ein Beispiel für eine zukünftige Anwendung von Künstlicher Intelligenz in der Buchhaltung sei eine Weiterentwicklung der Bilderkennnung zu einer Erfolgsquote von mehr als 99 Prozent. „Belege, Abrechnungen und Kontoauszüge könnten dadurch automatisch verarbeitet und Buchungssätze automatisch generiert werden. Buchhaltern stehen durch die Systematisierung effizientere Arbeitsprozesse zur Verfügung.“

Generell vertritt Valentin Bohländer eine rigide Auffassung hinsichtlich der Veränderungspotenziale durch die Künstliche Intelligenz auch in einem hochspezialisierten Bereich wie dem Family Office – Stichwort Distruption. „Viele Dienstleistungen, die von Family Offices bezogen werden, können betroffen sein, indem sich einfache Aufgabenstellungen sehr gut durch die Maschine lösen lassen und nur noch die komplexen Fragen beim Menschen landen. So werden auch auf Steuerberater und Rechtsanwälte Veränderungen zukommen.“