Ein neuer Blick auf EM-Anleihen

Die globalen Zentralbanken legen wieder massive QE-Programme auf. Anders als vor zehn Jahren kommt dieses geldpolitische Instrument, das unter anderem den Aufkauf von Anleihen umfasst, jedoch nicht nur in den Industrieländern, sondern auch in verschiedenen Schwellenländern wie Indonesien, Südafrika und Chile zum Einsatz.

"Dass die Schwellenländer heute QE-Programme auflegen, hat andere Gründe als in den Industrieländern", erklärt Andrew Keirle, Portfoliomanager und Mitglied des Global Fixed Income Investment-Teams. "Während QE in den Industrieländern genutzt wird, um die Finanzierungskosten zu senken und die Risikobereitschaft anzukurbeln, sind die Programme in den Schwellenländern auf eine Schadensbegrenzung ausgerichtet, um die lokalen Finanzmärkte nach den beispiellosen Kapitalabflüssen und Kursschwankungen zu stützen und vermutlich auch darauf, lokale Investoren anzuziehen."

 

QE ist in den Schwellenländern ein Novum

Wenngleich die QE-Programme in den Schwellenländern auf andere Ziele ausgerichtet sind, ist ihr Erfolg damit nicht garantiert. QE ist für die Schwellenländer ein Novum, das nicht überall gelingen dürfte. Am besten werden voraussichtlich jene Länder abschneiden, die finanzpolitische Spielräume und glaubwürdige Institutionen haben, um die Anleger zu überzeugen, dass sie ihre Geldpolitik sobald wie möglich wieder normalisieren. Nach der Einschätzung unseres Investmentteams ist dies potenziell bei Israel, Südkorea und Thailand der Fall.

In Ländern, die diese Bedingungen nicht erfüllen, könnte die Entwicklung anders verlaufen – es sei denn, die Finanzmärkte stufen ihre QE-Maßnahmen als relativ klein und kurzfristig ein. Dies scheint beispielsweise im hoch verschuldeten Südafrika der Fall zu sein, wo die Investoren die QE-Programme offenbar lediglich als kurzfristigen Backstop sehen und bisher weitgehend positiv darauf reagiert haben. Sollte sich diese Einschätzung ändern, könnten jedoch sowohl der Anleihenmarkt als auch die Währung des Landes unter Druck geraten.

"In einigen Schwellenländern besteht das Risiko einer Währungsabwertung", erläutert Andrew Keirle. "Um diese zu vermeiden, kommt es in diesen Staaten mehr denn je auf eine Fortführung der Haushaltsdisziplin an."

 

Dollar-Staatsanleihen der Schwellenländer bieten ein breiteres Spektrum an Anlagegelegenheiten

Der massive Einbruch der Ölpreise hat zahlreiche Länder im Nahen Osten gezwungen, auf den internationalen Anleihemarkt zurückzukehren, um ihre Finanzen zu stärken. "Für Anleger bietet sich dadurch ein breiteres Spektrum an Anlagegelegenheiten, da Länder, die bislang lediglich sporadisch am Anleihenmarkt aufgetreten sind, auf den internationalen Markt zurückkehren, darunter Katar und Saudi-Arabien", so Keirle. "Anleger haben daher jetzt eine breitere Auswahl an Anlage- und Diversifizierungsmöglichkeiten".

Zudem haben einige Hochzinsländer in den letzten Wochen Anleihen am Primärmarkt emittiert, darunter Staaten wie Bahrain und Ägypten, die zuletzt neue Dollaranleihen platziert haben. Diese waren überzeichnet, was ein positives Signal ist.

Letztlich wird der Markt durch den Ölpreisschock in Gewinner und Verlierer aufgespalten werden. Erdölexportierende Länder wie Nigeria und Venezuela werden wegen der sinkenden Einnahmen aus dem Ölgeschäft voraussichtlich besonders unter Druck geraten, was an den Anleihenmärkten auf absehbare Zeit eine schwache und volatile Entwicklung erwarten lässt. Hingegen könnten Anleihen aus Indien, das zu den größten Ölimporteuren zählt, ihre Outperformance fortsetzen.

 

EM-Unternehmensanleihen: Attraktive Anlagechancen, aber höhere Risiken

Nach dem pauschalen Abverkauf von EM-Unternehmensanleihen infolge der Corona-Pandemie sind die Kurse in einigen Fällen vollständig von den Fundamentaldaten abgekoppelt. Das eröffnet attraktive Anlagegelegenheiten. Allerdings sollten die Anleger weiterhin einen vorsichtigen Ansatz verfolgen, da einige Unternehmen diese Krise nicht überstehen dürften.

"Beispielsweise kommt es im Ölsektor jetzt darauf an, bestimmte Unternehmen, bei denen Zahlungsausfälle möglich sind, zu meiden. Zugleich sollten sich die Anleger in jenen Sektoren, die unseren Analysen zufolge vielversprechend sind, auf Titel mit Kursverzerrungen konzentrieren. Dabei ist eine fundierte Titelauswahl wichtiger denn je, um jene Emittenten herauszufiltern, die gut aufgestellt sind, um die Krise zu überstehen oder sogar gestärkt daraus hervorzugehen – und jene Unternehmen zu erkennen, die möglicherweise untergehen."