Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Eine schonungslos ehrliche Jahrhundert-Bilanz: Was brachte wie viel?

Über die langfristige Rendite unterschiedlicher Anlageklassen haben Investoren bekanntlich ziemlich klare Vorstellungen. Mit einigen davon räumt eine aktuelle Studie der Deutschen Bank jetzt auf. Mit Blick in die Zukunft erwartet das Team um Ökonom Jim Reid übrigens nichts weniger als ein „Zeitalter der Unordnung“ – das schon jetzt beginnt.

Nach den jüngsten Notenbanken-Sitzung dürfte wohl wirklich jedem glasklar sein: Die Zinspolitik bleibt noch lange Zeit sehr, sehr locker. Mit sicheren Staatsanleihen wird keine nennenswerte Rendite mehr zu erzielen sein. Eigentlich ist das aber gar nichts neues, sondern war fast immer schon so. Eine aktuelle Studie der Deutschen Bank zeigt nämlich, wie schwierig es in den vergangenen 160 Jahren war, mit Staatsanleihen nach Abzug der Inflation eine positive Rendite zu erzielen. Nur unter günstigen historischen Bedingungen brachten Rentenpapiere nominal eine nennenswerte Rendite. Experten wie Robert Halver überrascht das nicht. „Und wenn man statt der offiziellen die gefühlten, aber dennoch richtigen Inflationszahlen berücksichtigt, dürfte man sogar Verluste gemacht haben“, sagt der Leiter Kapitalmarktanalyse von der Baader Bank.

Auch wenn sich viele Deutsche gerne an „Bundesschätzchen“ und Bundesanleihen mit stolzen Zinskupons von sieben oder acht Prozent zurück erinnern: „Was wir aus den 1970er- und 1980er-Jahren noch kennen, war historisch die absolute Ausnahme. Es könnte zwar wiederkehren, aber die Chancen dafür stehen sehr sehr schlecht“, sagt auch Dirk Rathjen, Chef des Instituts für Vermögensaufbau (IVA). „Die langfristigen Zinsen sind seit der Industrialisierung tendenziell gefallen.“


Schreckliche Jahre für Anleiheinvestoren

Das Team um Jim Reid, Leiter der Analyse von Schwerpunktthemen bei der Deutschen Bank, hat dazu eine interessante Studie vorgelegt. Es hat die vergangenen 160 Jahre in Abschnitte eingeteilt und sich die Renditen verschiedener Anlageklasse verglichen. Die erste Ära der Globalisierung (1860 bis 1914) war im Allgemeinen sowohl für Anleihen als auch für Aktien auf der ganzen Welt gut. In der Zeit von 1914 bis 1945, der Ära der Weltkriege und der Depression, entwickelten sich die Renditen sehr unterschiedlich. Es gab extreme Gewinne, aber auch massive Verluste. Mitunter gebe es gar keine Datenreihen mehr, „wir können also nicht das volle Ausmaß der dauerhaften Zerstörung des Kapitals in dieser Zeit zeigen“, so Reid. Die Zeit von 1946 bis 1971 sei für die Anleihegläubiger (real) einfach nur schrecklich gewesen, da die Nachkriegsinflation und eine längere Zeit der finanziellen Repression diese Ära bestimmten. In den 1970er Jahren setzte sich diese  Zeit für Anleger in Festverzinsliche fort, aber auch Aktien litten weltweit real bereinigt, da die Inflation aggressiv anstieg. Ab 1980 sah es dann viel besser aus: In der zweiten Ära der Globalisierung wurden sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen bemerkenswerte Renditen erzielt. „Kein Land in unserer Untersuchung verzeichnete in diesem Zeitraum negative nominale oder reale Renditen bei Anleihen oder Aktien“, schreibt Reid.


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Inzwischen ist alles anders. Die Zinsen sind abgeschafft, viele Anleihen rentieren negativ - Besserung nicht in Sicht. „Staaten haben immer ein Interesse, möglichst günstig an Geld zu kommen. Der Staat ist nicht spendabel“, sagt Halver. „Daher muss man bei Zinsen und Renditen immer die reale Betrachtung anstellen.“ Das gelte umso mehr jetzt, da die Überschuldung völlig aus dem Ruder gelaufen sei und die Realzinsen zur Finanzierung der Instabilität unter null bleiben müssten. Das ist auch eine Erkenntnis der Deutsche-Bank-Studie: Staaten können sich keine hohen Realzinsen mehr leisten, schließlich haben sie in den jüngsten Krise extreme Schuldenberge angehäuft. Auch Rathjen hat wenig Hoffnung. „Finanzielle Repression war in den letzten Jahrhunderten international sehr verbreitet“, sagt der Experte. „Die Staaten haben einen massiven Anreiz, weil sie sich billig entschulden können und nur wenige Menschen nominal und real auseinanderhalten.“ Inflation bringe weniger Nachteile im Wahlkampf als Wahlgeschenke Vorteile.

Positive Realrenditen gibt es nur noch bei unsicheren Papieren und wird es auch künftig nur noch dort geben können. Davon sollten Anleger aber die Finger lassen, rät Halver. „Ich weiß, dass Deutschland zins-fetischistisch ist, aber ein hohes Risiko bei seelenverkaufenden Anleihen einzugehen, nur um Aktien zu meiden, ist schon pathologisch“, sagt er. „Und wer dem Staat zu diesen Zinskonditionen Geld gibt, unterwirft sich selbst der finanziellen Repression.“


US-Aktien vor europäischen Titeln

Die Experten empfehlen wenig überraschend Aktien zum langfristigen Vermögensaufbau. Und auch in der Jahrhundertbilanz der Deutschen Bank ist diese Anlageklasse der große Gewinner. US-Titel brachten über 100 Jahre hinweg klar die besten Renditen . Für Robert Halver ist Amerika ganz klar der kapitalistische Pionier unter allen Ländern. „Der freie Geist des Menschen wird nicht durch staatliche Zensur oder gesundbeterische Politik und Bürokratie behindert“, sagt er. „Und so wird ein fruchtbarer Nährboden für moderne Industrien wie zuletzt High Tech bereitet.“ Man sei bereit für Innovation, während in Europa oft genug nur Mangelverwaltung betrieben werde. Da überrascht es dann nicht, dass die Wall Street besser läuft als europäische oder asiatische Börsen.

Doch wie geht es weiter? Die Experten der Deutschen Bank sehen die Welt vor einem „Zeitalter der Unordnung“ - politisch, gesellschaftlich und vor allem wirtschaftlich. Zu Beginn des Zeitalters werde eines der größten Probleme die politischen Spannungen zwischen den USA und China sein. Dagegen ist ein Hauptproblem Europas, dass viele Länder zu hoch verschuldet sind. Doch Schulden sind keineswegs nur ein Problem in der europäischen Peripherie, sondern ein globales Problem - und nur weil die Zentralbanken die freien Märkte verzerrt haben, kann die globale Kreditaufnahme zu einem tragfähigen Zinssatz finanziert werden. „Niedrigere Zinssätze bedeuten, dass wir mit mehr Schulden laufen können, aber eine Gesellschaft mit hohem Verschuldungsgrad ist wahrscheinlich immer anfälliger für Schocks“, so die Studie.


Die gute alte Zinswelt gibt es nicht mehr

Robert Halver spricht allerdings lieber von einer neuen Ordnung. „Die alte Ordnung, in der Geld- und Fiskalpolitik getrennt waren, ist einer neuen gewichen, in der beide Disziplinen miteinander fusioniert haben“, sagt der Experte von der Baader Bank. Überschuldung, geopolitische Krisen und strukturelle Defizite könnten nur noch durch eine Nullzins-Politik bewältigt werden. Der Zins als Korrektiv einer jeden Volkswirtschaft ist entfernt worden. Und damit sei auch der wichtigste Bestandteil eines Zyklus mausetot. „Für Aktien heißt das, Überbewertungen müssen nicht mehr zwangsläufig zu Crashs führen“, ist er überzeugt. „Noch teurer als Aktien sind Zinspapiere. Das erlaubt höhere Aktienbewertungen.“ Angst vor steigenden Zinsen müssten Investoren nicht haben. „Damit unser überschuldetes Finanzsystem nicht in die Luft geht, werden die Zinsen von der Geldpolitik weiter planwirtschaftlich gedrückt“, sagt Halver. Sein Fazit: Die gute alte Zins-Zeit ist vorbei und kommt nie wieder. Die neue Zeit ist da: Aktiensparen mindestens in regelmäßigen Sparplänen ist das A und O. „Die Politik der niedrigen Zinsen ist auch eine Umverteilung von Altersvorsorge-Sparern zu Staaten und löst damit die nächste Welle der Altersarmut aus“, sagt auch IVA-Chef Rathjen. „Denn wer spart, bekommt so wenig Rendite, dass er seine Vorsorgelücke trotzdem nicht füllen kann. Euroland steuert hier auf ein gewaltiges Problem zu.