EU-Taxonomie wird nun für die Berater zum Problem
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2022-03-15

EU-Taxonomie wird nun für die Berater zum Problem

Die Umsetzung der Taxonomie läuft nicht gut. Nachdem bekannt wurde, dass Energiequellen wie Atomkraft und Gas zu den nachhaltigen Standards gehören sollten, ist der neue Zeitplan für das Inkrafttreten der Taxonomie ein Problem für Anlageberater geworden. Das liegt daran, dass die nachhaltigen Präferenzen der Kunden Monate davor abgefragt werden müssen.

Als Teil ihres „Green Deals“ will die EU nachhaltige Investments im großen Stil fördern. Durch die Mobilisierung von zig Milliarden Euros seitens der Investoren soll die Transition zu einer CO2-freien europäischen Wirtschaft bis spätestens 2050 finanziert werden. Nobles Ziel, doch inzwischen sind einige Pannen bei der Umsetzung passiert, die die Erreichung des Ziels erschweren könnten. Dies gilt vor allem für die sogenannte Taxonomie. Das ist der Versuch der EU, einen einheitlichen Standard für nachhaltige Investments in Europa zu etablieren.

Anfang des Jahres wurde zum Beispiel bekannt, dass die Atomkraft in die Taxonomie aufgenommen werden soll. Die Ankündigung dieses Vorhabens, das auf den ausdrücklichen Wunsch Frankreichs zurückgeht, löste einen Sturm der Empörung in anti-nuklearen Mitgliedstaaten wie Deutschland, Luxemburg und Österreich aus. Auch Investments in Gaskraft, eigentlich eine fossile Quelle, sollen laut der EU als nachhaltig gelten. Das hat wiederum Länder wie Dänemark, Schweden und die Niederlande auf die Palme gebracht.

Da es aber für die Aufnahme beider Energiequellen voraussichtlich eine Mehrheit im EU-Rat geben wird, können die Staaten, die dagegen sind, diesen Schritt schließlich nicht verhindern. Im Umkehrschluss heißt die Aufnahme aber auch, dass die Taxonomie nicht das erreicht, was sie erreichen sollte. Denn nach wie vor herrschen unterschiedliche Standards für nachhaltige Finanzanlagen in den EU-Mitgliedsstaaten – wie z.B. französische Fonds, die in Atomkraft investieren oder deutsche Fonds, die in Gaskraft investieren.




Konflikt zwischen Taxonomie und NPA

Nun ist im Zusammenhang mit der Taxonomie eine weitere Panne passiert. Obwohl die Taxonomie für Finanzanlagen spätestens ab dem 1. Juli 2022 gelten sollte, hat die EU die Maßnahme aus bislang unbekannten Gründen verschoben und zwar auf den 1. Januar 2023. Das wäre nicht so dramatisch, wenn nicht zum 1. August 2022 bereits die sogenannte Nachhaltigkeitspräferenzabfrage (NPA) in Kraft treten würde. Gemäß der NPA sollen Berater ihre Kunden ausdrücklich fragen, ob sie nachhaltig anlegen wollen, z.B. in einen taxonomiekonformen Fonds. Da aber die Standards für die Taxonomie, auch bekannt als RTS, nunmehr erst am 1. Januar 2023 feststehen sollen, hat der Berater ein Problem, wenn der Kunde explizit nach dieser Variante in den Monaten davor fragt. Martin Klein, geschäftsführender Vorstand beim Vermittlerverband VOTUM, spricht sogar von einem „Haftungsrisiko“, dem der Berater wegen des späteren Inkrafttretens der RTS ausgesetzt sein könnte.

Doch wie erklärt sich das Haftungsrisiko? Um eine Antwort darauf zu geben, nehmen wir folgendes fiktive Szenario an: Im Herbst 2022 verkauft der Berater seinem Kunden einen taxonomiekonformen Fonds, der auch in Gaskraft investiert. Vor Inkrafttreten der Taxonomie am 1. Januar 2023 entscheidet sich die EU unerwartet, Gaskraft als fossile Quelle doch von der Taxonomie auszuschließen. Einige Jahre später stellt der Kunde fest, dass sein Fonds eine schlechtere Performance hat als taxonomiekonforme Fonds, die nach dem 1. Januar 2023 aufgelegt wurden.


Das mögliche Haftungsrisiko erklärt

Das Haftungsrisiko erläutert Klein im Gespräch mit CAPinside: „Der Kunde könnte dann zum Berater gehen und sagen: Wenn ich gewusst hätte, dass der Fonds nicht dem entspricht was die RTS eigentlich vorgeben, hätte ich diese Investition nicht getätigt. Das heißt, das ganze Kursrisiko, was in der Zwischenzeit auf den Fonds lastet, kann eben mit einem geschickten Anwalt auf den Berater übertragen werden.“ Zwar sei die Chancen gering, dass dieses Szenario eintrete, doch es könne nicht sein, dass die NPA-Beratung wegen eines unvollständigen Prozesses auf EU-Ebene erschwert werde, ergänzt er. Der VOTUM-Vorstand hat einen offenen Brief an den zuständigen Beamten bei der Europäischen Kommission, John Berrigan geschickt. Eine Antwort steht noch aus.

Norman Wirth, Geschäftsführender Vorstand des Bundesverband Finanzdienstleistung AfW, sieht die NPA-Problematik genauso wie Klein. Er weist darauf hin, dass die EU zunächst plante, die technischen Regulierungsstandards zum 1. Januar 2022 einzuführen. Damit das Problem im Sinne der Berater gelöst werden kann – beispielsweise mit einer Verschiebung – hat sich Wirth an die deutsche Finanzaufsicht BaFin gewandt. „Die BaFin ist für das Problem sensibilisiert und ist mit dem Finanzministerium dazu in Kontakt“, sagt er.


BVI plädiert auch für eine NPA-Verschiebung

Auch der Fondsverband BVI hält die Situation für suboptimal. Ein Sprecher sagt, die fehlenden RTS-Angaben führten dazu, dass Anbieter von nachhaltigen Fonds ihre Prospekte nicht entsprechend anpassen könnten. „Damit wird es im August noch keine verbindlichen Zusagen zu den nach der MiFID (EU-Regelwerk für die Anlageberatung Anm. d. Red.) relevanten Produktmerkmalen geben“, fügt er hinzu. Zu solchen Merkmalen gehören auch Mindestanteile der taxonomiekonformen Investitionen. Folglich plädiert der BVI wie die beiden Vermittlerverbände für eine Verschiebung der NPA.

Falls die EU bis August die NPA nicht verschiebt, will der BVI den Fondsvermittlern eine Übergangslösung präsentieren. Laut dem Sprecher sieht sie so aus: „Die Fondsgesellschaften informieren die Vertriebe vor August 2022 darüber, welche Zusagen zu den MiFID-Merkmalen sie in den künftigen vorvertraglichen Unterlagen planen. Die Berater empfehlen dann auf Grundlage dieser Angaben entsprechende Produkte.“ Der Sprecher gibt aber auch zu, dass dies die NPA-Beratung aufwändiger machen dürfte. Er sagt: „Die Berater müssen den Kunden zusätzlich über den Unterschied zwischen dem geplanten und dem tatsächlich zugesagten Produktmerkmal aufklären – beispielsweise zwischen geplantem und tatsächlich zugesagtem Mindestanteil nachhaltiger Investitionen.“


Disclaimer „ganz schlecht“ für die Beratung

Eine ergänzende Lösung zu der NPA-Problematik ist ein Haftungsausschluss, den der Berater dem Kunden aushändigen kann. Einen entsprechenden Entwurf wollen die Vermittlerverbände erarbeiten, falls die NPA nicht verschoben wird. Doch Wirth ist alles anders als davon begeistert. „Man muss sich selbst in den Kunden hineinversetzen und sich folgendes überlegen: Der Berater empfiehlt mir zunächst ein Produkt was meinen Präferenzen entspricht. Dann sagt er, er weiß nicht, ob das empfohlene Produkt tatsächlich zu meinen Nachhaltigkeitspräferenzen passt. Aus vertrieblicher Sicht ist das doch ganz schlecht!“

Wirth gibt auch zu denken, dass die beiden Pannen bei der Taxonomie dem an sich positiven Thema Nachhaltigkeit leider schon massiv geschadet haben. Er sagt: „Wir verlieren bei dem Thema das Momentum. Das betrifft einerseits die Kunden, die von der Einordnung als nachhaltig von Atomkraft und fossilem Gas völlig überrascht waren.“ Und weiter: „Aber wir haben natürlich gleichermaßen auch viele Vermittlerinnen und Vermittler, die das Thema nachhaltige Anlagen als Chance gesehen haben und hier nun sehr irritiert sind. Und auch, wenn das Ganze überbürokratisiert wird, wie wir es jetzt schon erleben, verlieren wir viele auf der Strecke.“

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