Exklusiv-Interview mit Frank Thelen: "In den nächsten 10 bis 20 Jahren wird beinahe jede Branche disruptiert"
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01.09.2021

Exklusiv-Interview mit Frank Thelen: "In den nächsten 10 bis 20 Jahren wird beinahe jede Branche disruptiert"

Frank Thelen ist in Deutschland als Tech-Experte und Startup-Investor bekannt – nun wendet sich das Multitalent den Börsen zu. Gemeinsam mit Jens Giersberg hat Thelen 10xDNA Capital Partners gegründet und den Technologiefonds 10XDNA - Disruptive Technologies aufgelegt. Im CAPinside-Interview erklärt er, wie der Schritt von Venture Capital zur Börse gelingt, welches sein bestes Börseninvestment war und welche Rolle Tech-Fonds für die Altersvorsorge spielen.

Herr Thelen, der Schritt in die Finanzwelt ist für Sie ja nicht weit. Sie sind bereits seit Jahren selbst mit der Freigeist Capital als Venture-Capital-Investor unterwegs. Warum aber also nicht einfach einen Venture-Capital-Fonds auflegen?

Frank ThelenWir sind mit Freigeist weiter im Venture Capital Bereich aktiv. Wir haben aber in den letzten Jahren beobachtet, dass auch die Entwicklungen an den öffentlichen Märkten große Chancen mit sich bringen. Ich lege bereits seit einigen Jahren privat mein liquides Vermögen in Technologie-Aktien an, bisher mit einer sehr guten Rendite, was aber natürlich auch daran liegt, dass ich mir eine gewisse Risikotoleranz erlauben kann.


Wie kam der konkrete Entschluss zur Auflage des Aktienfonds dann zustande?

Thelen: Ich habe mir die Frage gestellt, wie ich zukünftig abseits von meinem Venture-Capital-Geschäft mein Vermögen am Aktienmarkt anlegen möchte. Ich bin dann zu dem Entschluss gekommen, dass ich die Unternehmen, ähnlich wie im VC-Bereich, tiefgreifend verstehen können muss. Hierfür wollte ich mir ein Team aus Biologen, Physikern, Chemikern und Kapitalmarktexperten aufbauen, dass unseren bewährten Technologie-getriebenen VC-Ansatz auf den öffentlichen Markt überträgt. Aber wieso sollte nur ich von einem solchen Team profitieren? Wir haben uns dann entschieden, unseren Ansatz und unsere Erfahrung allen zugänglich zu machen und gemeinsam mit Jens Giersberg als Geschäftsführer und CEO 10xDNA Capital Partners gegründet. 


10xDNA ist ein auf den ersten Blick ungewöhnlicher Name. Wofür steht er?

Thelen: 10xDNA beschreibt die Einstellung, die Unternehmen zukünftig brauchen, um in einer Welt, die sich mit zunehmender Geschwindigkeit durch technologische Innovationen verändert, weiter erfolgreich zu agieren. 10x steht hierbei für die Leistungs- und Effizienzsteigerungen, die durch technologischen Fortschritt erzielt werden können. Wir sind davon überzeugt, dass in Zukunft jedes Unternehmen zumindest partiell zum Technologie-Unternehmen werden muss. Auf Basis der Digitalisierung erwarten wir eine Welle an technologischen Disruptionen, die ganze Branchen umwälzen wird. Menschen und Unternehmen mit 10xDNA sehen diesen Wandel kommen und wissen, darauf zu reagieren und die Chancen dieser Technologien frühzeitig zu nutzen.

Sie leiten bei 10xDNA das Research Team. Was lässt sich aus dem VC-Bereich in die Börsenwelt mitnehmen?

Thelen: Durch unseren VC-Background heben wir uns von anderen Aktienfonds ab und genau das ist die Idee. Die meisten Fonds treffen Investmententscheidungen entlang fest definierter Value-Investing-Kriterien wie Umsatzprognosen und Bilanzen. Disruptive Technologieunternehmen, die in den letzten zwei Jahren durch SPACS und frühe IPOs vermehrt den Weg an die Börsen gefunden haben, werden durch diese klassischen Kriterien unserer Einschätzung nach nicht adäquat bewertet. Hier spielen andere Faktoren wie technologische Führerschaft, die DNA des Unternehmens, Kapitaleffizienz und Netzwerkeffekte eine entscheidende Rolle. Wir treffen unsere Empfehlungen für die 10xDNA-Fonds nach den gleichen Kriterien wie in unserem VC-Geschäft. 


Aber es gibt ja auch einige gravierende Unterschiede zwischen VC und den Börsen...

Thelen: Ein entscheidender Unterschied ist, dass wir, anders als im VC-Bereich, keinen direkten Einfluss auf den Erfolg des Unternehmens haben. Während wir bei unseren Startups selber mit anpacken und ins operative Geschäft mit einsteigen, müssen wir uns bei den Positionen im Fonds darauf verlassen, dass das Management die richtigen Entscheidungen trifft. Deshalb liegt hier auch eine besondere Gewichtung bei unserer Analyse. Hat das Unternehmen die schon erwähnte 10xDNA?


Sie haben einmal in einem Interview gesagt, dass ein Börsengang bei jungen Unternehmen vor allem Kosten und Ablenkung verursacht – was bedeutet das für das Research und den Fonds?

Thelen: Es stimmt, dass Börsengänge in der Regel mit hohen Kosten und hohen regulatorischen Aufwänden verbunden sind. Deshalb brauchen Unternehmen hier ein gewisses Funding und eine gewisse Reife, um diese Anforderungen überhaupt erfüllen zu können. Das ist auch einer der Gründe, warum pre-profitable Unternehmen bislang selten über klassische Listings an die Börse gegangen sind. Das hat sich aber unter anderem durch das Aufkommen der SPACs geändert – in den letzten 24 Monaten sind vermehrt junge Technologie-Unternehmen an die Börsen gegangen, die vor einiger Zeit noch nicht für Privatanleger investierbar gewesen wären. Um diese disruptiven Technologie-Unternehmen, die oft auch ein erhöhtes Risikoprofil aufweisen, fundiert bewerten zu können, braucht es unserer Einschätzung nach ein anderes Skillset. Das ist der Grund, wieso wir beim Aufbau des 10xDNA-Research-Teams den Fokus auf Technologie gelegt haben. 


Wir sehen es ja bereits an Unternehmen wie Tesla, die mit ihrem disruptiven Ansatz die gesamte deutsche Automobilindustrie in den Schatten gestellt haben. – Frank Thelen




Wie passen börsennotiert und disruptiv überhaupt zusammen?

Thelen: Zwangsläufig! Wir gehen davon aus, dass in den nächsten 10 bis 20 Jahren beinahe jede Branche disruptiert wird. Dies wird sich natürlich auch an den Börsen widerspiegeln. Wir sehen es ja bereits an Unternehmen wie Tesla, die mit ihrem disruptiven Ansatz die gesamte deutsche Automobilindustrie in den Schatten gestellt haben. Disruptive Unternehmen werden sich an der Spitze bestehender Märkte positionieren und komplett neue Märkte entstehen lassen.


Anhand welcher Kriterien werden die Gewinner dieser Märkte identifiziert?

Thelen: In erster Linie anhand ihrer Technologieführerschaft. Dank neuer Technologieplattformen wie KI, 3D-Druck, Blockchain und Co. werden Unternehmen in der Lage sein, Produkte zu erschaffen, die zehnmal effizienter, grüner, schneller, besser sind. Um diese Technologieführerschaft dauerhaft zu halten, ist es entscheidend, dass Unternehmen konsequent in Forschung und Entwicklung investieren. Deshalb halten wir auch nicht viel von hohen Dividenden. Die Unternehmen sollen überschüssige Gewinne lieber in die eigene Forschung und somit in ihren zukünftigen Erfolg investieren.


Tech-Fonds gibt es in allen Variationen. Wie soll sich der Disruptive Technologies von der Konkurrenz absetzen?

Thelen: Die meisten Tech-Fonds versuchen, ein breit diversifiziertes, ausgewogenes Portfolio von Technologie-Unternehmen abzubilden. Wir verfolgen hingegen einen konzentrierteren Ansatz, da es unser Anspruch ist, alle Unternehmen im Fonds wirklich tiefgreifend zu verstehen. Wir wollen nach Möglichkeit kein Unternehmen mit echter 10xDNA verpassen. Das erfordert natürlich auch eine höhere Risikobereitschaft und einen längeren Anlagehorizont. 


Apropos Risikobereitschaft: Viele Technologiewerte gelten als überhitzt, SPACs gelten als ein weiterer Treiber für Hypes und die Bewertungen sind hoch. Wie groß ist Ihre Angst vor einer Korrektur?

Thelen: Unser Investment-Ansatz ist nicht von irgendwelchen Trends oder Hypes getrieben. Sind wir von einer Technologie oder einem Unternehmen nicht überzeugt, kommt es für uns nicht in Frage, egal, wie groß der Hype ist. Wir glauben an den langfristigen Wert und Erfolg der Technologie-Unternehmen, die wir für die Fonds empfehlen. Bevor wir eine Empfehlung aussprechen, überprüfen wir, wie das Unternehmen im Kontext unserer Perspektive auf die Geschäftsentwicklung bewertet ist und ob wir hier eine Kaufopportunität sehen. Kurzfristige Korrekturen machen uns keine Angst, da wir eine langfristige Anlagestrategie verfolgen. 

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In welchen Sektoren sehen Sie dabei die größten Chancen?

Thelen: Wir sehen durch die jüngsten Entwicklungen im Bereich KI, 3D-Druck, Batterietechnologie, 5G, Software-as-a-Service und synthetische Biologie, insbesondere im Mobilitätssektor, in der Industrie und in der Medizinbranche große Umwälzungen auf uns zukommen. Aber auch der Agrarsektor bietet große Potenziale für Disruptionen. 


Sie haben bereits grüne Unternehmen erwähnt. Welche Rolle spielt das im Portfolio?

Thelen: Wir wollen vor allem die Unternehmen fördern, die zu mehr Nachhaltigkeit beitragen. Wir glauben, dass zukünftig jedes Unternehmen nachhaltig aufgestellt sein muss, um langfristig Erfolg zu haben. Daher orientieren wir uns sowohl an den ESG-Kriterien als auch an den nachhaltigen Entwicklungszielen der UN (SDGs) und schließen unter anderem Unternehmen aus der Öl-, Gas-, Rüstungs- oder Tabakbranche grundsätzlich aus. 


Welche Rolle nimmt der 10XDNA - Disruptive Technologies in einem ausbalancierten Portfolio ein?

Thelen: Er sollte aufgrund seiner Konzentration als Ergänzung einer breiter diversifizierten Anlagestrategie verstanden werden und richtet sich in erster Linie an Investoren mit einer gewissen Risikobereitschaft und einem Investmenthorizont von mehreren Jahren. Es ist mit einer erhöhten Volatilität zu rechnen. 


Sie haben mit mehreren anderen VC-Investoren gemeinsam an die FDP gespendet, die sich auch für eine Aktienrente nach schwedischem Vorbild einsetzt. Für wie wichtig halten Sie Wertpapiere und Fonds in der Altersvorsorge?

Thelen: Für extrem wichtig. Ich setze mich auch politisch dafür ein, dass Aktien und Fonds endlich als sinnvolle Ergänzung für die Rentenfonds verstanden werden und zum Vermögensaufbau beitragen können. 


Und nun plaudern Sie gerne aus dem Nähkästchen: Was war Ihr bisher bester Deal an den Börsen und abseits von Venture Capital?

Thelen: (lacht) Tesla. Ich glaube schon sehr lange an das Unternehmen und bin bereits seit 2016 Aktionär. Wie sich die Aktie seitdem entwickelt hat, kann man ja öffentlich einsehen. 


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