Experten-Interview: „Das Glas ist für uns halb voll“

Kapitalmärkte, Handelskonflikt, Notenbanken, Konjunktur und der Fortbestand des Euro - Beat Thoma, Chief Investment Officer von Fisch Asset Management schildert im exklusiven CAPinside-Interview fundiert und spannend seine Sicht der Dinge.

Die Entwicklung an den Kapitalmärkten bleibt spannend. Ist für Sie das Glas eher halb voll oder halb leer?


Thoma: Für uns überwiegen immer noch die Chancen. Die Korrektur im vierten Quartal 2018 war unserer Meinung nach sozusagen ein Einschwingen der Finanzmärkte in ein neues Gleichgewicht. Das Gleichgewicht wurde neu definiert aufgrund von steigenden Zinsen in den USA im vergangenen Jahr bei gleichzeitig etwas tieferen Gewinnzuwächsen der Unternehmen. Die Korrektur war daher nicht überraschend.

 

 Beat Thoma, Fisch Asset Management

Aber wie geht es weiter?

Thoma: Ein neues Gleichgewicht ist auch eine neue Basis, und es ist eben nicht der Anfang eines Abschwungs. Als die Zinsen wieder stark gesunken sind und sich die Wirtschaftsentwicklung etwas stabilisiert hat, wurde das Gleichgewicht wieder erreicht. Natürlich sehen wir jetzt wieder höhere Bewertungen. Die Notenbanken beginnen jetzt sogar die Geldpolitik zu lockern und das kompensiert zu einem gewissen Grad die höhere Bewertung. Das Gleichgewicht stimmt immer noch. Somit ist das Glas für uns halb voll und die Märkte bieten durchaus Chancen. Die momentane Volatilität hat ihre Ursachen vor allem in der Handelskonflikt-Rhetorik. Es trifft jetzt wieder eine lockere Geldpolitik weltweit auf ein einigermaßen gutes wirtschaftliches Wachstum, und das auch in den Emerging Markets.

 

Von welcher Seite droht die größte Gefahr? Wo lauern Risiken, die dieses positive Bild trüben könnten?

Thoma: Gefahr droht vor allem von politischer Seite. Dazu zähle ich US-Präsident Trump mit dem Handelskonflikt. Der scheint mir aber weitgehend eingepreist. Das einzige große Problem könnte sein, wenn die Inflation plötzlich anzieht, aus welchen Gründen auch immer, so dass die Notenbanken in den USA und auch in China eine restriktive Geldpolitik fahren. Das könnte die Konjunktur und die Finanzmärkte unter Druck setzen. Aber im Moment sehen wir noch keinen Inflationsdruck.

 

Aber die Stimmung an den Märkten ist doch derzeit schlechter als die aktuelle Lage, oder sehen Sie das anders? 

Thoma: Nein, die zweite große Gefahr, die immer im Hintergrund lauert, ist, dass die Unternehmen und auch die Konsumenten das Vertrauen in die Notenbanken verlieren. Also kein Vertrauensverlust ins Geld, sondern in die Geldpolitik. Der Unternehmer könnte sagen, ich stelle keine Mitarbeiter mehr ein und investiere nicht mehr, und der Konsument sagt, ich spare lieber, weil mir alles zu unsicher ist. In diesem Fall hätten wir plötzlich eine schwächere Wirtschaft, ohne dass die Notenbanken irgendetwas anders machen als vorher. Aber das ist sehr unwahrscheinlich, dass das auf die kurze Frist passiert.

 

Vielleicht nicht der einfache Konsument, aber zumindest der Großteil der Investoren beobachtet, was bzw. wer nach Mario Draghi kommt. Wie ist Ihre Einschätzung?

Thoma: Egal, wer künftig EZB-Präsident wird - er ist den Sachzwängen unterworfen. Egal, wer es ist, er kann nur in einem sehr kleinen Rahmen eigenständige Impulse setzen. Auch wenn Weidmann kommt, was immer noch recht unwahrscheinlich ist: Er kann die Zinsen gar nicht erhöhen, selbst wenn er will. Die EZB ist vollständig vom wirtschaftlichen Umfeld und den Sachzwängen dominiert.

 

Was erwarten Sie von der Konjunkturseite? Insgesamt hat ja die Dynamik deutlich abgenommen. Sehen Sie große Unterschiede zwischen den USA und Europa?

Thoma: Europa hat derzeit ein bisschen mehr Momentum. Die USA sind ohnehin ganz robust aufgestellt. Und in China beginnt der Schwung der Kreditvergabe nach oben zu drehen. Von daher gibt es sozusagen noch genügend Restenergie im System, um wieder durchzustarten. Gerade die Chinesen pumpen sehr viel Geld ins System, die Wichtigkeit für die globale Wirtschaft ist nicht zu unterschätzen. Die Amerikaner haben aufgehört zu normalisieren, sie sind jetzt auch eher wieder locker unterwegs. Die EZB sowieso. Die Japaner übrigens auch. Die Bank of Japan kauft immer noch massiv Bonds. Das bedeutet: Global haben wir eine relativ lockere Geldpolitik, die auf eine relativ intakte Wirtschaftsentwicklung trifft – inklusive den Schwellenländern. Die Abschwächung scheint allmählich überwunden.

 

Die Zahlen in China waren zuletzt aber nicht so gut. Ist das ein Grund zur Sorge?

Thoma: China kommt aus einer Position der Stärke. Der Handelskonflikt ist zwar schon deflationär für sich, aber durch die Erhöhung der Liquidität wird dies kompensiert. Und die chinesische Regierung investiert massiv in die Infrastruktur und sie senkt die Steuern. Das sind Impulse, die enorm stark sind.

 

Erwarten Sie im Handelskonflikt eine Einigung?

Thoma: Ich glaube nur bedingt. Es wird partielle Lösungen geben. Differenzen werden immer wieder aufblitzen. Aber die Chinesen wissen, dass sie langfristig nicht von den USA abhängig sind. Und ich muss zugeben: Bei gewissen Punkten hat Trump sogar Recht. Der Handel ist völlig asymmetrisch. Die Chinesen haben Marktzugang in den USA und in Europa, umgekehrt jedoch nicht. Der Handelskonflikt ist natürlich nicht förderlich, aber es ist auch kein Weltuntergang. Der Konflikt wird nur dazu führen, dass die Chinesen sich noch mehr auf sich selbst konzentrieren und nebenbei ihren Binnenmarkt stärken. Die psychologische Wirkung kann zwar immer eskalieren und zu realen Investitionsstopps führen. Aber tatsächlich gesehen ist der Effekt der Handelsstreitigkeiten gar nicht so groß. Lediglich die Psychologie spielt eine Rolle. Aber der Konflikt ist mittlerweile jedem bekannt und sollte eingepreist sein.

 

Stichwort Italien. Fürchten Sie angesichts der ausufernden Schulden und der Konfrontation mit der EU langfristig um den Fortbestand Europas?

Thoma: Wenn Italien sich weiter hoch verschuldet, ist das an sich kein Problem. Die Frage lautet, wie die anderen EU-Länder darauf reagieren: Tolerieren sie das? Und wenn sie es nicht tolerieren, wie reagieren sie? Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Man zwingt die Italiener zu Strafzahlungen, um das Budget herunterzufahren. Dann haben wir aber griechische Verhältnisse. Die zweite Variante ist der Austritt Italiens aus dem Euro. Sie drucken dann wieder ihr eigenes Geld. Das könnte passieren, indem man eine Parallelwährung einführt. Wenn das sehr geordnet abläuft, könnte das sogar auch ein Modell für andere Länder sein, um aus dem Euro herauszukommen.

 

Das verheißt aber nichts Gutes für die Zukunft Europas, das ja gerade jetzt angesichts der Einflüsse aus den USA und China fester zusammenstehen sollte.

Thoma: Genau, eine Variante wäre, dass es eine Banken- und Fiskalunion gibt. Und dann wäre Europa wie die USA, das heißt die Staatsschulden wären gemeinschaftlich. Damit wäre auch das italienische Problem gelöst für sehr lange Zeit. Im Moment ist das wenig wahrscheinlich, ebenso der Austritt Italiens aus dem Euro. Aber das sind im Grunde die beiden Extremszenarien, und eines von beiden wird langfristig zwangsläufig kommen müssen. Bis es soweit ist, kann es durchaus noch 20 Jahre dauern.