Experten-Interview: Renditeschub durch Multitranchen-Anleihen

2,75 Prozent Rendite mit einem AAA gerateten Namenstitel? Wie das funktioniert, erläutert Alexander Reich vom Hamburger Fixed Income-Experten nordIX im Interview.

Es ist kein Geheimnis. Die niedrigen Zinsen bleiben uns weiter erhalten.

 

Alexander Reich, nordIX

 

Viele institutionelle Investoren suchen händeringend nach Anlagemöglichkeiten, die trotzdem eine attraktive Rendite erzielen?

Alexander Reich: Es stimmt. Das extrem lang anhaltende Niedrigzinsumeld stellt sehr viele Anleger, die einen vorgegebenen Rechnungszins erfüllen müssen, vor erhebliche Probleme. Viele Kunden sprechen uns auf genau diese Problematik an und bitten uns auf der Suche nach Rendite behilflich zu sein und intelligente Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Eine Möglichkeit, um bei hoher Sicherheit trotzdem eine vernünftige Rendite zu erreichen, sind aktuell Multitranchen eines Emittenten.

Entwicklung des 30-Jahres Mid-Swaps seit Januar 2018

 

Was genau versteht man darunter und wie funktionieren die Papiere?

Reich: Eine Multitranche funktioniert wie eine normale festverzinsliche Anleihe. Allerdings hat der Emittent das Recht, dem Anleger während der Laufzeit der „Mutteranleihe“, weitere  „Tochteranleihen“ anzudienen. Dabei können die Konditionen der Tochteranleihen mit denen der Mutteranleihe identisch sein, teils werden aber auch abweichende Ausstattungsmerkmale vereinbart. Der Käufer der Mutteranleihe ist dabei verpflichtet, die ihm später angedienten Anleihen zu einem Kurs von 100,00 abzunehmen.

 

Wieso werden solche Multitranchen aufgelegt? 

Reich: Der Emittent sichert sich durch das Andienungsrecht die Möglichkeit, künftig weitere Gelder aufnehmen zu können, für die er den schon heute vereinbarten Zinssatz vergüten muss. Dies ist vor allem dann attraktiv, wenn das Zinsniveau steigt. Der Emittent bekommt also gewissermassen eine Absicherung gegen höhere Zinsen und zahlt den Anleger im Gegenzug einen höheren Zinssatz für die Muttertranche.

 

Das klingt kompliziert.

Reich: Letztlich ist es Finanzmathematik. Wenn der Anleger sich verpflichtet, in der Zukunft weitere Tranchen zu festgelegten Konditionen abzunehmen, verkauft er letztlich eine Option.  Die Anzahl der Andienungsrechte, die Laufzeit der Option und auch die Größe der Muttertranche im Verhältnis zu den Tochtertranchen bestimmen den Wert dieser Option und damit auch die Höhe des Kupons, den der Anleger bei der Muttertranche erhält.

 

Können Sie uns ein Beispiel aus der Praxis geben?

Reich: Gerne. Einer unserer Kunden hat kürzlich eine Anleihe einer deutschen Hypothekenbank als Multitranche erworben. Die Muttertranche ist als Hypothekennamenspfandbrief ausgestaltet und weist bei einer Laufzeit von 30 Jahren einen Kupon von 2,75% auf. Angesicht des AAA-Ratings ein enormer Renditeaufschlag gegenüber einer Einzelemission, die im aktuellen Marktumfeld weniger als 1% Rendite verspricht. Der höhere Kupon wird erreicht, da der Investor dem Emittenten eine vorzeitige Kündigungsmöglichkeit nach 10 Jahren (Single Call) sowie 5 Andienungsrechte für Tochtertranchen mit Faktor 2 anbietet. Die Tochtertranchen haben eine Laufzeit von 20 Jahren und sind ebenfalls mit einem Kupon von 2,75% ausgestattet. Multitranchen sind allerdings nicht auf den Hypothekenpfandbrief beschränkt, sehr gerne kann man das Produkt aus als unbesicherte „Senior Preferred“ Variante rechnen.

 

Beispiel eines Hypothekennamenspfandbriefes als Multitranche mit Single Call, Andienungsfaktor ist in diesem Fall 2

 

 

Klingt alles sehr interessant. Aber worauf müssen Investoren besonders achten? Welche Risiken gibt es?

Reich: Kunden, die sich für eine Multitranche entscheiden, haben normalerweise einen Rechnungszins, der sich im aktuellen Marktumfeld mit AAA gerateten Papieren nicht annähernd darstellen lässt. Durch den Kauf einer Multitranche können die Anlagekriterien erfüllt werden. Gleichzeitig übernimmt der Anleger aber eine durchaus nachhaltige Verpflichtung und trägt das Opportunitätsrisiko steigender Kapitalmarktzinsen. Wenn die Zinsen nämlich steigen, dann wird der Emittent von seinem Andienungsrecht Gebrauch machen, muss der Anleger die Tochtertranchen übernehmen und ihm entgehen die Zinserträge einer höher verzinslichen Alternativanlage. Allerdings hat sich der Anleger ja dadurch einen aus heutiger Sicht attraktiven Kupon gesichert, um dauerhaft seinen Rechnungszins zu schlagen.

 

Für welche Anleger sind Multitranchen geeignet?

Reich: Die Konditionen werden individuell vereinbart, daher sind diese Produkte institutionellen Investoren vorbehalten. Die Abnahmepflicht für die Tochtertranchen setzt voraus, das der Anleger auch in der Lage ist, seine Pflicht zu erfüllen. Daher ist es üblich, das die Emittenten von Multitranchen die Anleger einem Kreditprüfungsprozess unterziehen was zu der etwas kuriosen Situation führt, das der Investor seine Kreditwürdigkeit unter Beweis stellen muss, bevor er eine Muttertranche zeichnen kann.

 

Inwieweit können Investoren auf eigene Faust von den beschriebenen Vorteilen der Multitranche profitieren? Oder macht es Sinn, es Profis wie nordIX zu überlassen?

Reich: Nun, das Thema ist schon sehr komplex. Es gibt vielfältige Möglichkeiten der Ausgestaltung einer Multitranche. Nicht nur die schon beschriebene Anzahl der Andienungsrechte oder des Faktors der Tochtertranchen haben eine Auswirkung auf die Höhe des Kupons. Auch Kündigungsrechte oder die Laufzeit der Tochtertranchen sind wichtig. Eine sehr gerne angebotene Variante ist zum Beispiel die „Triple or Quit“ - Ausgestaltung der Multitranche. Dabei handelt es sich um eine Anleihe mit einer festen Laufzeit, bei dem der Emittent das Recht hat, zu einem Zeitpunkt während der Laufzeit die Anleihe entweder zu kündigen oder den doppelten Betrag anzudienen. Gern stehen wir zu solchen Themen als Berater und Begleiter für interessierte Anleger zur Verfügung.