Experten-Interview: „Wir erwarten durch die Digitalisierung einen Innovationsschub“

Anlagen in den Healthcare-Sektor bleiben aussichtsreich. Davon ist Markus Peter, Leiter Anlagen und Produkte beim Schweizer Healthcare-Spezialisten Bellevue Asset Management, überzeugt. Im Interview nennt er die entscheidenden Wachstumstreiber und erläutert, wo neue Innovationen zu erwarten sind.

Herr Peter, was macht den Sektor Healthcare für Investoren interessant?

Peter: Der Gesundheitssektor weist im Durchschnitt ein jährliches Umsatzwachstum von über 5% auf. Fokussieren wir uns zudem auf Anlagen in den Subsektoren Biotech (>10% p.a.) und Medtech & Services (6% p.a.), so liegt das Umsatzwachstum noch deutlich höher. Von diesem attraktiven Wachstum profitierten Anleger im Healthcare Sektor über die letzten Jahre und vermochten damit den Gesamtmarkt deutlich zu übertreffen.

Wieso sollte diese Outperformance anhalten? 

Peter: Die langfristigen Wachstumstreiber bleiben weiterhin intakt. Dies ist zum einen die Überalterung der Gesellschaft. In Deutschland beispielsweise ist heute bereits ein Anteil von 27% der Bevölkerung über 60 Jahre alt und die durchschnittliche Lebenserwartung steigt pro Kalenderjahr um rund 0.3 Jahre an. Die Überalterung erhöht die Nachfrage nach medizinischen Leistungen markant. Zum anderen führen Veränderungen des Lifestyles speziell in den Schwellenländern zu einem drastischen Anstieg der Fettleibigkeit wodurch auch Diabetes zu einem gewichtigen Thema wird. Jeder 5. Mensch über 65 Jahren ist mittlerweile an Diabetes erkrankt.

Spielt der technologische Fortschritt auch eine Rolle?

Peter: Ja, ganz eindeutig. Der dritte wichtige Treiber sind innovative Produkte, welche entscheidende Fortschritte in der Behandlung ermöglichen, die oft auf ungedeckte medizinische Bedürfnisse abzielen und dadurch einen wichtigen Beitrag zur Kostensenkung im Gesundheitswesen leisten. So wurden in 2018 von der amerikanischen FDA insgesamt 59 neue Medikamente zugelassen, von denen rund die Hälfte von innovativen Biotechunternehmen entwickelt wurden.

Markus Peter

Inwieweit spielt das Thema Digitalisierung eine Rolle?

Peter: Eine große Rolle. Jetzt erobern die neuen Basistechnologien, wie Big Data Analytics, Robotics, Cloud oder Internet of Things auch das Gesundheitswesen. Dadurch lässt sich die Effizienz spürbar steigern und die Kosten reduzieren. Speziell im Bereich Medtech & Services erwarten wir durch die Digitalisierung einen Innovationsschub. Konkret zum Beispiel im Bereich Diabetes, wo einige Produktzulassungen anstehen, die ein besseres Krankeits-Management im Alltag ermöglichen.

Sie sprechen bei Diabetes von einer globalen Epidemie, wie kann hier die Digitalisierung einen Beitrag leisten?

Bis 2021 dürften einige Produkte den Sprung auf den Markt schaffen, die eine kontinuierliche Überwachung der Blutzuckerwerte ermöglichen und zugleich die zeitnahe Anpassung des Insulinspiegels verbessern. Für Diabetiker erhöht sich dadurch die „Time in Range“, also der Zeitraum über 24 Stunden, in dem sich der Glukosespiegel in einer vorgegebenen Bandbreite befindet, deutlich. Typische Folgeerkrankungen und Komplikationen bei Diabetespatienten lassen sich dadurch stark reduzieren.

In welchen Regionen erwarten Sie das größte Wachstum?

Peter: Vor allem in den Schwellenländern gibt es im Bereich Gesundheit großes Aufholpotenzial. Beispiel Indien. Das Land gibt bislang lediglich knapp vier Prozent des Bruttosozialprodukts für Gesundheitskosten aus. Zum Vergleich: In den USA liegen die Gesundheitskosten bei 16,8 Prozent des BSP. Entscheidend ist aber für uns, auf innovative Unternehmen und Subsektoren mit einem überdurchschnittlichen Umsatzwachstum zu setzen.

Viele der Titel sind in den vergangenen Jahren schon gut gelaufen. Warum sollte man jetzt noch einsteigen?

Peter: Das stimmt nur zum Teil. Im Healthcare-Bereich sind Biotech-Titel derzeit sehr günstig bewertet, ebenso US Krankenversicherer im Subsektor Services. Höher bewertet sind Medtech-Unternehmen, allerdings handelt dieser Subsektor historisch mit einer Prämie von 15-20% zum Gesamtmarkt. Diese lässt sich auch heute durch die sehr stabile, nicht vom Konjunkturzyklus abhängige Nachfrage sowie den Innovationsschub, welcher durch die Digitalisierung unterstützt wird, rechtfertigen. Für den Biotech-Sektor erwarten wir aus Basis einer Vielzahl von zukünftigen Arzneimittelzulassungen in den nächsten Jahren ein zweistelliges Umsatzwachstum und zahlreiche M&A-Aktivitäten, von denen Anleger profitieren können.

Im Gesundheitssektor steigen seit Jahren die Kosten rasant. Ist dies eine Chance oder eher ein Risiko für Investoren?

 Peter: Eine Chance. Denn offensichtlich ist, dass weiterhin Lösungen gefunden werden müssen, die das Gesundheitssystem effizienter und kostengünstiger gestalten können. Als Beispiel möchte ich die frühe Diagnose von Krankheiten oder neue Behandlungsabläufe, wie den virtuellen Arztbesuch, nennen. Es geht aber auch um ganzheitlich integrierte Dienstleistungskonzepte, das heißt, das Ziel muss es sein, bei der Betreuung von Patienten möglichst vieles aus einer Hand anzubieten.