Experten-Roundtable, Teil 3: „Die Farbe Grün ist nur ein Aspekt beim Thema ESG“

Über die Chancen und Herausforderungen beim Thema nachhaltige Geldanlage geht es im dritten Teil unseres Experten-Roundtables anlässlich der DKM.

CAPinside ist Medienpartner für den von der fundsexcellence GmbH gestalteten Themenbereich Investment / Nachhaltigkeit auf der Branchemesse DKM. Im Vorfeld der Veranstaltung sprach CAPinside mit Experten aus der Finanzindustrie über die Chancen und Herausforderungen des Themas Nachhaltigkeit.

Mit dabei waren:

Thorsten Klingenmeier, DWS Investment GmbH

Dag Rodewald, UBS Asset Management Deutschland GmbH

Dr. Frank Ulbricht, BfV Bank für Vermögen/BCA

Alexander Koch, BlackRock

Peter Nonner, FFB FIL Fondsbank GmbH

Klaus-Dieter Erdmann, funds excellence GmbH

Von links: Ulbricht, Nonner, Erdmann, Rodewald, Koch, Klingenmeier


Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Ist es ein klassisches Modethema oder steckt mehr dahinter?

Rodewald: Auf jeden Fall steckt mehr dahinter. Aus einem Mode- bzw. Nischenthema entwickelt sich meiner Meinung nach gerade der neue Standard. Das Thema Nachhaltigkeit wurde im Grunde schon früher berücksichtigt, besonders nach Unternehmensskandalen oder Umweltkatastrophen. Das Interesse bzw. der Fokus auf dieses Thema war dann kurzfristig recht stark, ist aber auch genauso schnell wieder abgeebbt. Die gesellschaftliche Akzeptanz war so noch nicht vorhanden. Das hat sich ganz wesentlich verändert im Jahr 2015, Stichwort VW-Abgasskandal. In der Zwischenzeit hat sich auch die Politik dem Thema angenommen und angekündigt, ein allgemeingültiges und verbindliches Regelwerk zu entwickeln. Von daher nochmal: Nachhaltigkeit wird sich als der neue Standard entwickeln, da bin ich mir sicher.

Koch: Jeder spricht drüber und es ist ein sehr wichtiger Aspekt, der in der Anlageberatung definitiv einen immer wichtigeren Teil einnehmen wir. Und deshalb sind auch wir Anbieter gefordert, die Produkte entsprechend auszurichten und zu strukturieren.


Wie ist es bei den Versicherern? Ist dort die Bereitschaft hoch, sich damit zu beschäftigen? 

Klingenmeier: Versicherer müssen bereits heute einen Nachhaltigkeitsbericht im Rahmen des Geschäftsberichts erstellen. Generell kommt das Thema mehr und mehr in der Finanzindustrie an. Ich erwarte eine weitere Verschärfung der regulatorischen Vorgaben, für die Finanzindustrie, um die Klimaziele zu erreichen. Private Gelder sind ein wichtiger Treibriemen. Ab Herbst 2020 - so die aktuelle Planung – soll es zudem Pflicht werden in jedem Beratungsgespräch das Thema Nachhaltigkeit anzusprechen. Spätestens dann kommt es zu mehr den nachhaltigen Investments, die sich die Politik wünscht. Nachhaltigkeit, wird sich zu einem Standard für die Finanzindustrie entwickeln.

Koch: Ich sehe das genauso. Allerdings ist die Farbe Grün ja nur ein Aspekt beim ESG. Es gibt sehr viele verschiedene Ausprägungen. Was uns aber fehlt, ist eine Klammer. Wie wird Nachhaltigkeit definiert? Es gibt Nachhaltigkeit, es gibt ESG, es gibt Impact. Ich denke, durch die Regulatorik werden wir bald auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Und dann wird es interessant zu sehen, wie die Produkte genau strukturiert werden.


Die Regulatorik ist der einer Treiber, aber wie stark ist die Nachfrage beziehungsweise das Interesse von Kundenseite?

Rodewald: Das Wachstum im nachhaltigen Bereich ist enorm – wenn auch von einem niedrigen Niveau herkommend. 2015 waren in Europa noch deutlich unter 1 Mrd. Euro in nachhaltig orientierten ETFs investiert, jetzt sind wir bei knapp über 20 Mrd. Euro. In Relation zu den gesamthaft in Europa verwalteten ETF Vermögen könnte man meinen, dass das Thema Nachhaltigkeit immer noch als Nische angesehen werden kann, die Wachstumsraten sind aber überdurchschnittlich hoch. Jeder Asset Manager ist gefordert, Nachhaltigkeitskennzahlen zu veröffentlichen. Produkte werden nach und nach umgestellt beziehungsweise neue Produkte lanciert. Die hohe Anzahl neuer Produkte mit Nachhaltigkeitsfokus stellt sicherlich eine nicht zu unterschätzende Herausforderung für Berater dar, das "richtige" Produkt zu finden. 


Wie ist es um das Wissen der Berater bestellt? Reicht es aus, dem Kunden alle Chancen und Risiken zu vermitteln?

Nonner: Da ist sicherlich noch einiges an Wegstrecke zurückzulegen. Es fängt damit an, dass sich viele fragen, was ESG eigentlich ist, wofür es steht und welche Auswirkungen es im Portfolio hat. Unklar ist auch, was genau die Regulatorik fordert. Wenn der Berater seinen Kunden fragt, ob er nachhaltig investieren will, sagen 99,9 Prozent ja. Bloß wie es umgesetzt wird, ist häufig unklar. Zum Glück bedeutet nachhaltiges Investieren nicht, dass man auf Rendite verzichten muss. Das ist ganz wichtig, denn wir werden uns alle mehr und mehr mit Nachhaltigkeit beschäftigen. Es fehlt aber an Definitionen, mit denen der Berater es dem Kunden erklären kann.

 

Aber braucht es wirklich an klaren Definitionen oder engen sie nicht die Möglichkeiten der Portfoliomanager zu sehr ein?

Klingenmeier: Eine klare Definition wird es wohl auch nicht geben, dafür ist das Thema zu breit gefächert. Wenn die Deutschen gefragt werden, ob beispielsweise Kernenergie nachhaltig ist, werden alle sagen: nein. Fragen Sie die Franzosen, sagen alle: ja. Insofern ist die Erwartungshaltung unseres Hauses, was an Gesetze aus Brüssel kommen werden, sehr niedrig. Für den Berater wird es deshalb nicht einfacher werden.

Erdmann: Der Berater kann auch noch gar nicht in Gänze vorbereitet sein, weil es keine klaren Aussagen oder ein Regelwerk gibt. Man muss allein mal schauen, wie viele Ratingagenturen sich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen, die wiederum alle verschiedene Ansätze haben. Ich finde es gut, dass wir uns Gedanken machen, was wir auch als Finanzindustrie beitragen können und dass wir das Thema auch in unsere Anlagen mit einfließen lassen. Aber ich bin skeptisch was die Zielsetzung betrifft. Ich befürchte, dass wir zu schnell zu viel wollen, aber die Grundlagen nicht richtig schaffen. Deshalb würde ich mir wünschen, dass wir das solide aufarbeiten und vorbereiten     

Ulbricht: Der Berater ist in der Kette, die wir gerade diskutiert haben, ja relativ weit hinten. Derzeit hat die Finanzbranche die Hausaufgaben noch nicht erledigt, da sie derzeit in einer Rauchwolke unterwegs ist. Deshalb arbeiten die Verantwortlichen in Brüssel an der Taxonomie, um einige Aspekte konkret festzuzurren. Ich denke, dass gerade in der Beratung die Standards relativ zügig definiert werden, was dazu führen wird, dass der Berater oder die Fondsgesellschaft den Nachweis führen muss, dass der angebotene Fonds auch wirklich nachhaltig ist. Und da wird aus meiner Sicht ein einfaches Rating nicht ausreichen, sondern wir werden als Pool, als Bank und als Asset Manager gefordert werden, bis ins Detail genau zu analysieren. Damit bekommt das Ganze eine sehr große Dimension. Ich stelle mal die These auf: Alles was nicht in den nächsten Jahren ESG-konform ist, wird Performance kosten. 

Rodewald: Das Ziel von Nachhaltigkeitsansätzen ist grundsätzlich die Reduzierung von Risiken innerhalb eines Portfolios in Bezug auf die drei Bereiche E, S und G, und das kann unter Umständen auch zu besserer Performance führen. Nachhaltigkeitsansätze sollten generell als Risk Management Tool verstanden werden, und nicht als Alpha-Quelle.


Die DKM findet vom 22.-24. Oktober in Dortmund statt. Der Branchentreff der Finanz- und Versicherungswirtschaft bietet einen interessanten Dreiklang zwischen Messe, Netzwerk und Weiterbildung. Melden Sie sich gleich hier an.