Experteninterview: „Die Krise ist für die Biotechbranche eine einmalige Chance“

Dutzende Unternehmen sind auf der Jagd nach einem Impfstoff. Ist ein großer Durchbruch in Reichweite? 

Zimmermann: Über 200 Wirkstoffe und Medikamente befinden sich in Bezug auf COVID 19 gegenwärtig in der klinischen Entwicklung. Die verschiedenen Ansätze reichen von Antikörpern über mRNA-Vakzine bis zu Immunglobulinen. Zwar wurden die ersten Impfstoffkandidaten in Rekordzeit entwickelt, dennoch darf man nicht vergessen, dass die Erfolgsquoten in der frühen klinischen Entwicklungsphase gering sind. Bei der passiven Immunisierung erhalten die zu impfenden Personen Antikörperkonzentrate oder das Blutplasma von rekonvaleszenten Personen, die bereits eine Immunität gegen die Virusinfektion entwickelt haben. Wie lange sich damit eine Immunisierung gegen Covid-19 aufbauen lässt, ist noch ungeklärt.


Wer macht das Rennen?

Zimmermann: Zu den Vorreitern bei den Immunglobulinen zählt die japanische Pharmafirma Takeda. Dessen intravenös verabreichtes Präparat besteht aus verschiedenen bereits gereinigten Antikörpern. Regeneron bildet dies synthetisch nach, und zwar mit einem Cocktail verschiedener monoklonaler Antikörper. Vir Biotech verfolgt einen ähnlichen Ansatz und kooperiert mit der chinesischen Firma Wuxi Biologics. Es werden Antikörper selektiert, die 2003 aus dem Blutserum von ehemaligen SARS-Patienten gewonnenen wurden und auch SARS-CoV-2 und weitere Coronaviren neutralisieren können. Sinnvoll ist dieser Ansatz vor allem bei Risikopatienten, die bei einer neuen Infektionswelle schnell versorgt werden müssen.


Welche Unternehmen sind noch vorne mit dabei?

Zimmermann: Nur eine aktive Immunisierung kann jedoch eine dauerhafte Immunisierung gegen Covid-19 gewährleisten. Dabei bildet das Immunsystem, sobald es in Kontakt mit abgeschwächten Krankheitserregern oder Fragmenten davonkommt, spezifische Antikörper gegen das Virus. Die US-Firma Moderna ist hier am weitesten fortgeschritten und verwendet einen neuartigen Ansatz, bei welchem Teile des genetischen Virenmaterials für eine Impfung verwendet werden und so eine Immunantwort auslösen. Moderna startete im März die erste klinische Studie und kann aufgrund der positiven Daten noch in diesem Monat mit der Phase 3 Studie beginnen. Bei positiven Resultaten sollte so schon vor Ende Jahr für das medizinische Personal ein Impfstoff vorliegen. Die kürzlich mit Lonza abgeschlossene Kooperation sichert die jährliche Produktion von bis zu einer Milliarde Impfstoffdosen. Andere Vertreter dieser Technologie mit mRNA-Vakzinen sind CureVac, BioNtec mit Pfizer und TranslationBio mit Sanofi. Angesichts der Notwendigkeit, Milliarden von Menschen zu impfen, benötigt der Markt mehrere erfolgreiche Anbieter für eine genügende Anzahl Impfdosen.

 

Was bedeutet es, wenn ein Unternehmen einen Impfstoff für Covid19 entwickelt? Wird es automatisch auch langfristig erfolgreich sein?

Zimmermann: Nein, weil ab einem gewissen Zeitpunkt der Impfstoff wahrscheinlich nicht mehr benötigt wird. Gleichwohl ist es aber so, dass viele neue Technologien mit Ansätzen gegen das Coronavirus ihren Lackmustest absolvieren wollen. Generell ist die Krise für die Biotechbranche eine einmalige Chance, sich in ein positives Licht zu rücken. Das Ansehen der Branche hat in der Öffentlichkeit gelitten, denn Themen wie Medikamentenpreise sind in den vergangenen Jahren gerade in den USA intensiv geführt worden. Die Durchbrüche etwa in der Gentherapie oder in der Krebsmedizin gerieten demgegenüber in den Hintergrund. Die Mehrheit der Unternehmen, die an der Bekämpfung des Covid-19-Virus arbeiten - sei es im diagnostischen Bereich, bei der Impfstoffentwicklung oder in der Akutbehandlung - haben verkündet, dass sie den Zugang zu diesen Produkten priorisieren und so einen Beitrag zur Lösung dieses gesellschaftlichen Notstandes zu kostendeckenden Preisen leisten möchten. Gelingt es, die Corona-Pandemie dauerhaft zu beseitigen, wird sichtbar, dass medizinische Innovationen in ihrer Gesamtheit eine hohe gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Relevanz haben. Davon wird langfristig die Gesundheitsbranche als Ganzes und speziell der Biotechsektor profitieren.


Es läuft ein Wettkampf um einen Covid-19-Impfstoff. Mit dabei ist auch die bereits erwähnte Moderna. Der Aktienkurs ist in diesem Jahr um über 200% hochgeschossen. Ist der Kursanstieg gerechtfertigt?

Zimmermann: Moderna ist aufgrund seiner mRNA-Technologieplattform ein interessanter Investment Case und weniger wegen des sich in der Entwicklung befindlichen Impfstoffs gegen Covid-19. Anleger sollten sich nicht zu stark auf die möglichen Therapien gegen Covid-19 konzentrieren. Deren kommerzielles Potenzial ist überschaubar, denn wegen des politischen und gesellschaftlichen Drucks werden die meisten zugelassenen Produkte aller Voraussicht nach mehr oder weniger zu Herstellungskosten verkauft werden. Zudem sollten wir in einem Jahr hoffentlich immun gegen Covid-19 sein und uns wieder voll auf den Alltag konzentrieren können.


Es geht doch auch um die Frage, ob ein bewährtes Medikamente Therapiemöglichkeiten bieten oder ob es sich um ein vollkommen neues Medikament handelt, oder?

Zimmermann: Absolut! Gilead erhielt vor kurzem in den USA per Notfallgenehmigung die Zulassung für die Verwendung von Remdesivir in Notfällen, nachdem der Arzneimittelhersteller aufzeigen konnte, dass das Medikament den Krankheitsverlauf bei Patienten verkürzt und die Schwere reduzieren kann. Regeneron will in den nächsten Monaten mit klinischen Studien beginnen und dabei aus verschiedenen Antikörpern einen Wirkstoffcocktail entwickeln. Das Präparat soll bereits infizierten Personen helfen und sich zugleich für die passive Impfung von Risikogruppen eignen. Erste aussagekräftige Daten sind allerdings erst 2021 zu erwarten. Die hohen Erwartungen an andere antivirale Medikamente haben sich bisher nicht erfüllt. Viele Studien von AIDS-(HIV)-Medikamenten oder Virostatika für andere virale Erkrankungen laufen noch. Ebenso uneindeutig sind die Daten des Malariamedikamentes Chloroquin, das zuletzt aufgrund seiner Nebenwirkungen in Verruf kam.

Daneben kommt den antirheumatischen Medikamenten eine hohe Therapiebedeutung zu, da die Patienten an Blutvergiftung/Multiorganversagen sterben. Dies infolge einer überschießenden Immunhyperreaktion, die zu einer Gefäßentzündung und vielen Mikro-Blutgerinnseln führt. Letztlich greift der Körper gesunde Zellen an und kann die eigenen Organe wie die Lunge zerstören. Diesen Zustand will man mit anti-rheumatischen Medikamenten unterbinden. Als vielversprechendste Kandidaten gelten hierbei der Antikörper Actemra von Roche/Chugai oder der Jak1-Hemmer Jakfi von Incyte.


Und letztlich, aus Sicht eines langfristig-orientierten Anlegers geht es darum, ob auch ein nachhaltiges Wachstum damit einhergeht, oder soll der Anleger jetzt alles auf eine Corona Karte setzen?

Zimmermann: Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Kurzfristig kann man mit einem Einzelengagement in Covid-19 Impfstoff- oder Medikamentenhersteller sicherlich viel Geld verdienen – oder auch verlieren! Aber ein langfristig ausgerichteter Healthcare-Investor wie die Bellevue Gruppe wählt Investitionen nicht aufgrund der Corona-Erfolgsmöglichkeiten aus, sondern aufgrund der langfristigen Aussichten. So haben wir vor 13 Jahren ein Konzept erstellt, in welchem wir global und halbjährlich die attraktivsten 40 Gesundheitsfirmen nach 8 Kriterien und 4 Regionen auswählen, sodass nicht nur großkapitalisierte amerikanische Pharmafirmen (wie etwa im MSCI World Healthcare Index) enthalten sind, sondern vielmehr die mittelgroßen profitablen Wachstumsfirmen aus der ganzen Welt, wobei Bewertungskriterien eine wichtige Rolle spielen.  

In Anbetracht der anhaltenden Volatilitäten an den Märkten bieten diversifizierte Anlagevehikel wie die Fondsprodukte von BB Adamant ein optimales Risiko-Rendite-Profil an. So konnte beispielsweise unser BB Adamant Healthcare Index über die vergangenen 13 Jahre im Durchschnitt eine Performance von 15% pro Jahr erzielen (in Euro) bei einer Volatilität von 14% und somit eine Outperformance zum MSCI World Healthcare Index von über 200% erwirtschaften. Die aktuelle Bewertung befindet sich vor allem im Biotechsektor und in Schwellenländeraktien auf attraktivem Niveau.